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Mitarbeiterinnen der Stadt Bern sollen am 8. März frei haben

Frauen, die bei der Stadt Bern angestellt sind, sollen am 8. März daheimbleiben – der Stadtrat will mit einem zusätzlichen Feiertag die Lohnungleichheit kompensieren.

sda
«Lohngleichheit. Punkt. Schluss»: Am Donnerstag forderten in Bern Demonstranten, dass die Politik handelt.

Der Berner Stadtrat will den angestellten Frauen in der Stadtverwaltung einen zusätzlichen Tag frei geben, um die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern zu kompensieren. Das Stadtparlament hat eine entsprechende Motion angenommen. Nicht mehr arbeiten sollen die Frauen künftig am internationalen Frauentag am 8. März, solange bis keine unerklärbaren Lohnunterschiede mehr existieren.

«Wir haben die Nase voll von Ausreden, wieso dass Frauen nicht den gleichen Lohn erhalten wie Männer», sagte Tamara Funiciello (JUSO) am Donnerstag vor dem Stadtrat. Seit gut 40 Jahren stehe die Lohngleichheit in der Verfassung. Seit jeher werde dieser Artikel jedoch komplett ignoriert. Funiciello hatte die Motion gemeinsam mit Christa Ammann (AL) und Janine Wicki (GFL) eingereicht. Die nichterklärbare Lohndifferenz beträgt in der Verwaltung der Stadt Bern 1,8 Prozent. Das sind umgerechnet über drei zusätzliche Arbeitstage für Frauen im Jahr. Die Motionärinnen argumentierten, dass mit diesem freien Tag den Frauen ein Teil davon zurückgegeben werde.

Lohngleichheit im Stadtrat unbestritten

Das eigentliche Ziel der Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern war im Stadtrat unbestritten. Von links bis rechts bekannten sich die Parteien zur Gleichstellung. Die Lohnungleichheit sei «ein Armutszeugnis» und gehöre der Vergangenheit an. Bei den Mitteln zur Erreichung der Lohngleichheit schieden sich jedoch die Geister. Umstritten war, ob die Massnahme trotz Symbolpolitik der richtige Weg ist. Entsprechend knapp und interfraktionell gespalten war das Abstimmungsresultat: 33 der Stadtparlamentarier sagten Ja, 20 Nein und 14 enthielten sich.

«Wir haben die Nase voll von Ausreden.»

Tamara Funiciello, JUSO

Es brauche eine immer wiederkehrende Symbolwirkung, argumentierte die SP. Die Öffentlichkeit vor den Kopf zu stossen sei vielleicht gerade der richtige Weg, sagte auch Tabea Rai (AL). Zudem schaffe die Motion in den Köpfen eine Art «Reminder» für die Lohnungleichheit, sagte Ruth Altmann (BDP). Janine Wicki (GFL) fügte an: Wenn der Gemeinderat die Lohnungleichheit ausmerze, werde der Tag sowieso überfällig. Inwiefern die GB/JA eine «Pflästerlipolitik» mittragen solle, sei intern umstritten gewesen, sagte Ursina Anderegg (GB). Der freie Tag könne den oft doppelt bis dreifach belasteten Frauen aber zumindest eine Verschnaufpause geben.

Widerstand auch links der Mitte

Anders tönte es bei einer Mehrheit der Mitte-Rechts-Parteien. «Das Problem muss an der Wurzel angepackt werden», sagte Claude Grosjean (GLP). Die Motion sei reine Symbolpolitik. Und diese komme keiner Frau zugute, sagte Claudine Esseiva (FDP). «Es ist wichtig, dass wir aufhören ideologisch zu denken.»

«Es ist wichtig, dass wir aufhören ideologisch zu denken.»

Claudine Esseiva, FDP

Aber auch Teile der Linken stellte sich gegen die Motion. «Die Geschlechter gegeneinander auszuspielen und ungleiche Privilegien zu schaffen geht nicht», sagte Benno Frauchiger (SP). Die Forderung zementiere die Geschlechterrollen. Die SVP war als einzige Partei überzeugt, dass es sich bei den 1,8 Prozent unerklärbaren Lohnunterschied um einen statistischen Zufall handelt. «Wenn die Frau eine gute Leistung erbringt, erhält sie auch einen guten Lohn», sagte Erich Hess (SVP). Die Forderung sei diskriminierend und nicht durchführbar.

Den Gemeinderat unter Druck setzen

Funiciello räumte von Beginn weg ein, dass die Motion vor allem Symbolpolitik betreibe. «Ungewöhnliche Umstände erfordern jedoch ungewöhnliche Mittel», so die JUSO-Stadträtin. In erster Linie will sie mit dem Antrag den Gemeinderat unter Druck setzen, die Lohndifferenz zu beheben.

Ein weiteres Ziel ihrerseits ist, die Lohnungleichheit sichtbar zu machen. Zumindest das ist ihr mit Sicherheit gelungen. Zahlreiche Stadtparlamentarier, darunter auch viele Einzelredner, haben sich zum Thema geäussert. Die Debatte verfolgten zahlreiche Besucherinnen und Besucher auf der Tribüne im Berner Rathaus.

«Wenn die Frau eine gute Leistung erbringt, erhält sie auch einen guten Lohn.»

Erich Hess, SVP

Ob der Gemeinderat die Motion wie gefordert umsetzt, ist noch unklar. Schon in seiner Antwort auf die Motion wies er darauf hin, dass er für diesen Bereich zuständig ist und entsprechend einen grossen Spielraum bei der Umsetzung hat. Er empfahl die Motion zur Ablehnung. Ein freier Tag sei eine «Giesskannenlösung» und nicht geeignet, das Problem der Lohngleichheit zu lösen, sagte SP-Gemeinderat Michael Aebersold.

Städtische Mitarbeiterinnen erhalten in der Stadt Bern gemäss statistischen Analysen 10,4 Prozent weniger Lohn als städtische Mitarbeiter. Davon können 8,6 Prozent auf sogenannte nichtdiskriminierende Faktoren wie Alter oder Beschäftigungsjahre zurückgeführt werden. Die nichterklärbare Lohndifferenz beträgt demnach 1,8 Prozent.

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