Bern

Mit Javascript zum ersten Job

BernSeit einem Monat bildet der Berner Verein Powercoders Flüchtlinge zu Programmierern aus. Sie haben dadurch intakte Chancen auf eine feste Anstellung und auf ein Leben fernab der Abhängigkeit von der Sozialhilfe.

Marco Jakob unterrichtet die Flüchtlinge im Programmieren.

Marco Jakob unterrichtet die Flüchtlinge im Programmieren. Bild: Andreas Blatter

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Pfeile, Formeln, Abkürzungen. Was vorne auf dem Flipchart steht, ist für den Laien nicht zu entziffern. Man kann höchstens erahnen, dass es im weitesten Sinn um eine Computerprogrammiersprache geht, weil einmal das Wort Javascript auftaucht. Die 15 jungen Männer und Frauen im Raum scheinen sich damit nicht weiter schwerzutun. Sie sitzen vor ihren Laptops und geben via Tastatur Befehle ein. «Yeah, that looks great», sagt Dozent Adrian Demleitner, als er bei einem der Teilnehmer stehen bleibt.

Er gibt ihm auf Englisch einen Tipp, wie er die Tagesaufgabe – die Programmierung eines Memoryspiels – noch effizienter lösen kann.Die Besonderheit des Programmierkurses, der im ersten Stock des Coworking Space Effinger in Bern stattfindet, erschliesst sich erst auf den zweiten Blick. Die jungen Menschen, die hier sitzen, sind Flüchtlinge. Die meisten sind aufgenommen (B-Ausweis) oder vorläufig auf­genommen (F-Ausweis). Einige wenige befinden sich noch im Asylverfahren (N), dürften aber gute Chancen auf eine vorläufige Aufnahme haben.

Freundschaftliche Konkurrenz

Die 15 Teilnehmer mussten sich für einen Platz im Kurs bewerben, sie wurden letztlich aus 130 Kandidaten ausgewählt. Nach dem dreimonatigen Kurs werden alle Teilnehmer in der Privatwirtschaft ein ebenso langes Praktikum absolvieren dürfen – mit intakten Chancen auf eine feste Beschäftigung und damit auf ein Leben auf eigenen Beinen, ohne die Abhängigkeit von der Sozialhilfe. Träger des Projekts ist der Berner Verein ­Powercoders mit dem Leitungsteam Christian Hirsig, Sunita Asnani, Marco Jakob und Pawel Kowalski (siehe Kasten).

Im Kursraum an der Effingerstrasse ist die Gemütslage nicht bei allen jungen Programmierern gleich. Die einen kommen mit der Tagesaufgabe gut zurecht, andere scheinen der Verzweiflung nahe. Es lässt sich beobachten, dass in den wenigen Wochen so etwas wie ein Wir-Gefühl, eine Art Klassengeist, entstanden sein muss: Die Stärkeren helfen den Schwächeren, aufmunternde Worte fallen. Dies, obwohl sie eigentlich alle Konkurrenten sind und um Jobs buhlen.

Tekli will die Chance auf eine Arbeitsstelle ergreifen. Bild: Andreas Blatter

Praktikum als Türöffner

Flüchtlingssozialdienste wie die Caritas oder das Schweizerische Rote Kreuz hätten die Kandidaten vermittelt, sagt Christian Hirsig. Über Facebook seien einzelne Teilnehmer aber auch von sich aus oder über Bekannte auf Powercoders aufmerksam geworden und hätten sich beworben. Ausgewählt habe man nicht primär IT-Cracks, sondern Leute, die im Eignungstest durch eine hohe Lernbereitschaft und eine rasche Auffassungsgabe aufgefallen seien. «Aber natürlich schadet eine informatikspezifische Vorbildung nicht.

Die meisten Teilnehmer haben in ihrem Heimatland entsprechende Erfahrungen gesammelt und etwa Informatik studiert», sagt Christian Hirsig. Er schränkt aber auch ein, dass je nach Herkunftsland der Wert dieser Ausbildungen in der Schweiz nicht allzu hoch sei. Deshalb sei es schwierig, abzuschätzen, wie viele der 15 Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer am Ende wirklich eine Zukunft in der Schweizer IT-Branche hätten.

«Unser Ziel ist es natürlich, dass alle eine Festanstellung finden.»Christian Hirsig, Verein Powercoders

Später in der Mittagspause bei Sandwich und Tee erzählen die jungen Leute von sich und ihren Zielen. Dabei wird klar: Es gibt zwei Gruppen. Da sind jene, die wirklich den Wunsch haben, in der Informatikbranche zu arbeiten, weil ihr Herz für Java, CSS, HTML und weitere Programmiersprachen schlägt. Und es gibt andere, die im Powercoders-Projekt wohl eher die Chance ­sehen, überhaupt im Schweizer Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Die Informatik als Sachgebiet steht dabei nicht unbedingt im Vordergrund, ist aber der gewünschte Türöffner.

«Unser Ziel ist es natürlich, dass alle eine Festanstellung finden», sagt Hirsig. Dies sei angesichts des Personalmangels auf dem Gebiet auch nicht unrealistisch, zumal die Anforderungen nicht in jeder Firma gleich hoch seien. Aber selbst wenn dies nicht klappe, «so haben die Kursteilnehmer immerhin dank ihrem Praktikum Arbeitsmarktluft schnuppern dürfen. Das können sie in ihren Lebenslauf schreiben.» Das Praktikum ist beim Powercoders-Kurs fast wichtiger als die Schule, denn einen Abschluss erwerben die Flüchtlinge nicht.

Auf Umwegen übers Meer

Einer, der sich im Kurs richtig aufgehoben fühlt und die Aufgaben nach eigenen Angaben ohne grössere Schwierigkeiten bewältigt, ist Tekli. Er ist 27 Jahre alt und stammt aus Eritrea. Er wirkt fröhlich, lacht viel. Das Lachen verschwindet jedoch aus seinem Gesicht, sobald er von seiner Flucht erzählt. Auf dem Sofa im Effinger sind diese Erlebnisse zwar weit weg. Sie rücken aber durch die Fragen des Journalisten wieder zuvorderst in sein Bewusstsein. «Mein Vater bekam zu Hause in Eritrea Probleme mit der Regierung, weil er als Journalist arbeitete», erzählt Tekli.

Welcher Art diese Probleme waren und wie genau sich der Druck auf die Familie im Alltag bemerkbar machte, sagt der junge Mann nicht. Aber offenbar war es schlimm genug, dass er sein Technologiestudium aufgab und allein in den Sudan flüchtete und von dort weiter nach Libyen. Gemeinsam mit 380 weiteren Menschen versuchte er, mit einem Boot nach Italien zu gelangen. Der erste Versuch missglückte, Tekli landete im Gefängnis. Doch der junge Afrikaner gab nicht auf und schaffte es später in einem zweiten Anlauf übers Mittelmeer und landete in Sizilien.

«Ich möchte in ­diesem Land eine ganz normale ­Person und nicht vom Staat abhängig sein.»Tekli, Flüchtling mit B-Ausweis

Das war im April 2014. Mit dem Bus reiste Tekli bis Mailand weiter und mit dem Zug nach Lugano. In Vallorbe stellte er schliesslich einen Asylantrag, mittlerweile lebt er mit einem B-Ausweis in einer eigenen Wohnung in Köniz.

«Möchte ganz normal sein»

«Ich bin glücklich hier, auch wenn ich meine Familie vermisse.» Seine Augen füllen sich kurz mit Tränen. «Aber es war der einzige Weg für mich.» Sein Weg soll nun in der Schweiz weitergehen. Davon hat Tekli ganz konkrete Vorstellungen: «Ich möchte in diesem Land eine ganz normale Person sein, die am Morgen arbeiten geht und am Abend nach Hause kommt. Ich möchte nicht vom Staat abhängig sein.» Tekli widmet sich wieder der Programmierung des Memorys. Denn er weiss: So schnell kommt die Chance auf eine Arbeitsstelle vielleicht nicht wieder. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.02.2017, 06:08 Uhr

16 Firmen machen mit

Am 16.Januar hat der Berner Verein Powercoders seinen ersten Programmierkurs für Flüchtlinge begonnen. Hinter dem Projekt stehen der Berner Unternehmer Christian Hirsig, die Österreicherin Cornelia Mayer sowie die Tschechin Dita Prikrylová. Sie haben sich letzten Sommer bei einem USA-Aufenthalt kennen gelernt und dabei Ideen gewälzt, wie dem IT-Fachkräftemangel entgegengewirkt werden könnte. Hirsig setzte sich zum Ziel, in Bern einen Pilotversuch zu starten, und ging auf die Suche nach Partnern aus der Privatwirtschaft.

Mit Erfolg: Das Migros-Kulturprozent beteiligt sich mit 60 Prozent an den Gesamtkosten, die Raiffeisenbank mit 30 Prozent. 10 Prozent hat der Verein durch eine Crowdfunding-Aktion aufgetrieben. Genaue Zahlen gibt Hirsig nicht bekannt. Dazu kommen 16 Firmen, die den Teilnehmern der Programmierschule nach Abschluss des Kurses einen dreimonatigen Praktikumsplatz anbieten. Darunter sind bekannte Unternehmen wie die Genossenschaft Migros Aare, die Swisscom oder die Mobiliar. Den Kursinhalt hat Powercoders zusammen mit den beteiligten Unternehmen definiert, damit möglichst zielgerichtet unterrichtet werden kann.

Es bleibt Hirsigs Ziel, mit Powercoders in andere Länder zu expandieren. Zunächst liebäugelt er jedoch mit einem Start im Kanton Zürich.

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