Mit Humor in den seelischen Abgrund

Matte

Schwere Themen als leichte Kost verpackt: Die «Fünf Einakter von Tschechow» im Theater Matte.

Die trauernde Witwe (Danièle Themis) erhält gleich mit dem Pistolenlauf an ihrer Stirn einen Heiratsantrag von einem Schuldeneintreiber (Markus Maria Enggist).

Die trauernde Witwe (Danièle Themis) erhält gleich mit dem Pistolenlauf an ihrer Stirn einen Heiratsantrag von einem Schuldeneintreiber (Markus Maria Enggist).

(Bild: PD/Roland Soldi)

Sabine Gfeller

Ein Narr, der sich den «Bauch voll Sprit» laufen lässt, ein Stadtrat, der die lästigen Fliegen satthat, und ein Vater, der sich mit dem potenziellen Verlobten seiner erwachsenen Tochter herumschlagen muss. Was haben die drei gemeinsam? Sie alle befinden sich im seelischen Elend – und würden am liebsten mit dem Leben Schluss machen. Und jedem der drei hat der russische Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow vor 130 Jahren einen Einakter gewidmet. Das Theater Matte hängt noch zwei weitere Einakter an und führt sie zu «Fünf Einakter von Tschechow» zusammen. Diese leicht bekömmliche Adaption ist der erste Klassikerstoff im Theater Matte, das mit dem Stück in die zehnte Spielzeit gestartet ist.

Der erste Akt wirft das Publikum ins Zeitalter des Autors zurück, ins 19. Jahrhundert: Ein Souffleur, der sich als Narr der Gesellschaft sieht, ist es leid, andere zu unterhalten. Sein Rausch ist nach einer langen Nacht ausgeklungen, geblieben sind Selbstzweifel. Ist beim Protagonisten des ersten Aktes das Gejammer nachvollziehbar, wirkt das Selbstmitleid des Stadtrats im zweiten Akt weinerlich. Er tigert nervös auf der kleinen Bühne herum und bezeichnet sich selbst als «Grännilisi» (Dialektfassung: Corinne Thalmann). Doch eigentlich sieht er sich vor allem als «Knecht» seiner Gesellschaft. Und sogar sein Freund, der derweil auf einem Matratzensofa vor lauter Langeweile fast einschläft, lässt ihn im Stich: Er verweigert ihm seinen Revolver für den Gnadenschuss.

«Tubel», die Währung

Das Mitleid gebührt in allen Einaktern dem Selbst, der Hass den andern. Daher ist es auch kein Zufall, dass die Währung im Stück «Tubel» und nicht «Rubel» heisst, so können sie sich gegenseitig, mit oder ohne Anlass, beschimpfen.

Die Pointen kommen etwas versetzt an. Vor der Pause, nach dem dritten Akt, kommt die Befürchtung auf: Ist der Höhepunkt des Vergnügens vorbei, wirken die Sprüche mit der Zeit platt? Doch nach der Pause kommt mit einer stolz trauernden Witwe nochmals frischer Wind ins Spiel (Regie: Oliver Stein).

Während die Männer (fünf stehen im Verlaufe der fünf Einakter auf der kleinen Bühne) meist wie ein Fähnchen im Wind stehen, ist die Stärke eher den weiblichen Rollen zugeschrieben. Sie sind es, die den Männern zeigen, wo es langgeht, mit Peitsche oder Fliegenklatsche. Bis zum Zeitpunkt des Heiratsantrags, da kehrt sich das Blatt, und sie sind die Ergebenen. Doch was allen Rollen gemein ist: Sie sind vom siebenköpfigen Ensemble überzeugend gespielt.

Insgesamt sind es heitere fünf Einakter, die sich abgründiger Gedanken annehmen. Vielleicht büssen sie dadurch an Tiefsinnigkeit ein. Oder vielleicht war genau das die Absicht: Belastenden Gefühlen mit einer Unbeschwertheit begegnen, um ihnen so den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Aufführungen bis 13.10., Theater Matte, Bern.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt