Mit dem Notfallkoffer auf Achse

Bern

Viele seiner Kollegen stemmen sich gegen die un­geliebte Pflicht, doch ihn ­kümmert das wenig. Richard Zimmermann schiebt so viel Notfalldienst wie kaum ein anderer Arzt in der Stadt Bern. Und ist glücklich dabei.

Notfallarzt Richard Zimmermann auf dem Weg zur Patientin im Domicil Steigerhubel.

Notfallarzt Richard Zimmermann auf dem Weg zur Patientin im Domicil Steigerhubel.

(Bild: Susanne Keller)

Stephan Künzi

Samstagmorgen, kurz vor neun. Zwei Stunden nach Dienstantritt ruft das Handy zum ersten Einsatz. Eine Bewohnerin im Domicil Steigerhubel hat das Medikament gewechselt und klagt nun über einen juckenden Hautausschlag. Hausarzt Richard Zimmermann packt den Notfallkoffer und fährt zum Pflegeheim. Nach einer halben Stunde ist die Sache erledigt.

Die Seniorin hat ihr altes Medikament zurück und nimmt in Kauf, dass sie nach der Einnahme müde wird. Richard Zimmermann ist bereit für einen nächsten Einsatz.Dazwischen ist genau das passiert, was der 63-Jährige an seiner Arbeit schätzt. Im Gespräch ist er tief in die Welt der Pensionärin eingetaucht, hat allerhand aus ihrem Leben erfahren. Sie erzählte von einem Hirnschlag, der sie lange ins Spitalbett zwang, erinnerte an jenen Moment, als der Sohn ihr sagte, sie müsse im Heim bleiben. «Für mich brach eine Welt zusammen.»

Dieser Dialog sei wichtig, stellt der Arzt fest. Weil er zwischen ihm, dem Fremden, und der Patientin das Eis breche. Und in der Folge natürlich auch wichtige Hinweise für die Diagnose geben könne. «Ich hatte das Gefühl, dass sie nicht mehr ganz alles mitbekommt», sagt er zum Besuch im Steigerhubel und fügt allgemein bei: «Die Leute erzählen gern, zuweilen höre ich ganze Schicksalsgeschichten.» Das ei­gentliche medizinische Problem werde unvermittelt fast zur Nebensache.

Kampf vor Gericht

Richard Zimmermann ist Hausarzt in der Stadt Bern und schiebt Notfalldienst. Er tut dies leidenschaftlich gern und ausgesprochen oft, dafür hat er die eigene Praxistätigkeit zurückgefahren. Er mache zwei Dienste pro Woche, komme so in 31 Dienstjahren auf 3000 Dienste, rechnet er vor – zum Vergleich: Wer in der Stadt Bern eine Praxis betreibt, wird aktuell etwa fünf Mal im Jahr obligatorisch im Notfall eingeteilt. Und nur in den ersten zehn Jahren seiner Tätigkeit.

Aber schon das wollen nicht alle tun. Erst vor Monatsfrist ist die Pflicht zum hausärztlichen Notfalldienst, wie sie im Kanton Bern fest mit der Praxisbewilligung verknüpft ist, heiss diskutiert worden. Bei den Fachärzten etwa ist sie alles andere als beliebt, weil sie zu den Pikettdiensten dazukommt, die jeder als Belegarzt tätige Spezialist in seinem Spital auch noch zu leisten hat. Etliche gingen deshalb gegen die Einteilungen und den dafür verantwortlichen ärztlichen Bezirksverein juristisch vor. Worauf dessen Vorstand geschlossen zurücktreten wollte und erklärte, es sei doch sinnlos, sich unter Kollegen derart zu bekämpfen und obendrein viel Geld in Anwälte und Gerichte zu stecken.

Verantwortung drückt

An einer Versammlung Mitte März beschlossen die Ärzte aber, sich zusammenzuraufen, und Richard Zimmermann arbeitet nun in der Gruppe mit, die die Sache neu aufgleist. Dass die Spezialisten Mühe mit dem Notfalldienst haben, kann er zumindest teilweise nachvollziehen. Viele seien so weit weg von der hausärztlichen Medizin, dass ihnen die Verantwortung zu schaffen mache, die man in diesem Dienst trage. Und ja, Einsätze mitten in der Nacht lägen halt nicht jedem.

Besuch bei Toten

Ihm jedenfalls macht es nichts aus, zu Unzeiten aufzustehen und einen Patienten zu besuchen. Nachts quer durch die Stadt zu fahren und kaum einem Auto zu begegnen, sei für ihn, den Taxifahrer aus Studentenzeiten, sehr stimmungsvoll, schwärmt er. Wobei – klar habe der Notfall auch unangenehme Seiten. Wenn er etwa für die Polizei entscheiden müsse, ob ein mit Alkohol oder Drogen zugedröhnter Partygast in Haft genommen werden könne. Oder nicht doch im Spital besser aufgehoben sei.

Regelmässig, vielleicht zwei- bis dreimal im Monat, muss ­Richard Zimmermann zudem Todesfälle beglaubigen. Unglaubliches, Dramatisches erlebt er ­dabei. Unauslöschlich in Erinnerung geblieben ist ihm, als er zwei Schwestern begutachtete, die unter den Zug gekommen waren, und ihre Mutter antraf, die alles mit angesehen hatte. Unvergessen bleibt weiter eine Leichenschau im Galgenfeld, wo sich ein Mann an einem Baum aufgeknüpft hat – im Galgenfeld!

Vergleichsweise ruhig

Doch genug geschwatzt, Mittag ist vorbei, der Nächste, so Richard Zimmermann. Diesmal geht es in die Wohnung einer älteren, an Parkinson erkrankten Frau nach Bümpliz. Sie klagt, plötzlich keine Kraft mehr zu haben – typisch sei das für diese Krankheit, stellt Richard Zimmermann fest, bevor er sie ins Spital einweist. Um dann beizufügen: Eigentlich verlaufe dieser Samstag mitten in den Frühlingsferien sehr ruhig. Allerdings sei kein Dienst wie der andere, «es kann gut sein, dass ich am Ende auf meine durchschnittlich fünf, sechs Einsätze komme». Der Dienst dauert ja auch noch ein wenig. Bis am Sonntagmorgen um sieben.

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