Mit dem Bauboom verliert Münchenbuchsee sein Gesicht

Münchenbuchsee

Viele Gemeinden in der Agglomeration verändern sich durch die Bautätigkeit stark. Mit einem Requiem verabschiedet sich Architekt Bruno Arn nun vom alten Buchsi.

Sie inszenieren in der Kirche Münchenbuchsee den Abgesang auf das Dorf: Dieter Schürch, Stef Stauffer und Bruno Arn.

Sie inszenieren in der Kirche Münchenbuchsee den Abgesang auf das Dorf: Dieter Schürch, Stef Stauffer und Bruno Arn.

(Bild: Nicole Philipp)

Hans Ulrich Schaad

Die zehn Figuren mit ihren Musikinstrumenten haben etwas Beklemmendes. Die Farben sind düster, Totenschädel bilden die Köpfe. Dazu passt der Name des Werks, in welchem sie eine wichtige Rolle spielen: Requiem für B. B steht für Buchsi respektive Münchenbuchsee, wie das Wappen und der Schriftzug auf der Pauke des einen Musikanten verraten.

Wird mit diesem Stück, das in den nächsten Tagen in der Kirche aufgeführt wird, Münchenbuchsee zu Grabe getragen? «Nein, keineswegs, das ist ein Missverständnis», sagt Bruno Arn, der das Werk initiiert hat. «Ich verabschiede mich vom alten Buchsi.» Das Ganze sei nicht aus Zorn entstanden: «Es ist eine Liebeserklärung, eine Würdigung.» An ein Dorf mit markanten Gebäuden, ruhig, überschaubar, wo viele Handwerker wie Schuhmacher oder Schmiede zu Hause waren. Ein Dorf, das es so nicht mehr gibt.

Das Dorf gezeichnet

Schon in der 1950er-Jahren habe er begonnen, die Gebäude im Dorf zu zeichnen. «So ist eine riesige Dokumentation entstanden, wie das Dorf früher ausgesehen hat», erklärt der Zeichner und Architekt.

Dank diesen Darstellungen könne er in Gedanken durchs alte Buchsi spazieren. So wie es vor Jahrzehnten ausge­sehen hat, bevor zahlreiche Gebäude abgerissen und durch Neubauten ersetzt wurden. Münchenbuchsee sei für seine Abbrüche bekannt gewesen. Sogar Eisenplastiker Bernhard Luginbühl habe das in einem seiner Filme thematisiert.

Die letzte gezeichnete Abbruch-Serie entstand 2014, als der grosse Saal des Gasthofs Löwen abgerissen wurde. Dieser diente vielen Vereinen als Übungs- und Aufführlokal. Es sei der letzte Abbruch dieser Art gewesen, erinnert sich Arn. Er fügt an, dass jeder Abriss eines alten Gebäudes ihn früher beschäftigt habe. Dieses Interesse sei inzwischen verschwunden. «Die Veränderung ist nicht mehr durch den Menschen gesteuert, sondern durch das Geld. Und damit kann ich nichts mehr anfangen.»

Projekt immer grösser

Seine Darstellungen zum Löwen beinhalten unter anderem ein Bild der Musik Buchsi, die Musikanten allesamt mit grinsendem Totenkopf versehen. Dies sei Ausgangspunkt für die Figuren des Requiems für B gewesen, erzählt Bruno Arn. Anfang 2018 habe er sich vorgenommen, im Hinblick auf seinen 80. Geburtstag nochmals etwas Grosses zu machen.

Dabei hatte er die Musikanten aus dem Löwen im Kopf, und er dachte an eine Broschüre mit Fotos seiner Figuren, ergänzt mit Texten seiner Tochter, der Autorin Stef Stauffer. Ein Büchlein, das er im Freundeskreis hätte verschenken wollen. Dieter Schürch, befreundeter Musiker und Komponist, befand jedoch, zu einem Requiem gehöre auch Musik.

Die Kiste wurde immer grösser, bis zum Requiem mit einer Mischung aus Skulpturen, Bildprojektionen, Neukompositionen und Texten.

Die Musik orientiere sich am Thema der mittelalterlichen Totenmesse, sagt Dieter Schürch. «Ich gehe auf die Figuren von Bruno Arn ein und habe das Stück für jene Instrumente geschrieben, die seine Musikanten in der Hand halten.» Das habe die Aufgabe etwas vereinfacht, obwohl beispielsweise keine Flöte vorhanden sei. So spielen die traurig-trotzigen Musikanten ein letztes Mal zum Totentanz auf, in einer Kombination aus traditioneller Blasmusik und christlicher Totenmesse.

Die lateinischen Originaltexte des Requiems werden von zwei Sängerinnen vorgetragen und von Joschi Kühne, dem bekannten ehemaligen Moderator von Radio SRF, in die Gegenwart übertragen. Die Texte von Stef Stauffer nehmen einerseits Begriffe aus dem Requiem auf und spielen mit diesen.

Andererseits kombinierte sie Namen und Orte aus Münchenbuchsee, die möglicherweise nur noch wenige kennen. Stauffer gibt den Musikanten Stimme und Sprache. «Es werden aber nicht alte Geschichten aus dem Dorf ganz erzählt, nur kleine Puzzleteile», sagt Stef Stauffer, die im Requiem für B von Katharina Kilchenmann, einer weiteren bekannten Radiostimme, unterstützt wird.

Fast beliebige Gemeinde

Dreimal wird das Requiem für B in der Kirche Münchenbuchsee aufgeführt. Danach verschwinden die Figuren – die Köpfe sind aus Karton, die Körper aus Holzbrettern einer Abbruchliegenschaft gefertigt – im Depot, die Texte und die Partitur in der Schublade. «Wenn jemand das Werk aufführen will, kann er sich bei uns melden», sagt Dieter Schürch. «B muss nicht für Buchsi stehen», fügt Bruno Arn an. Es könne irgendeine Gemeinde aus einer Agglomeration sein, die sich unter dem Siedlungsdruck stark verändere und ihre Orientierungspunkte verliere.

Mit dem Requiem für B will Bruno Arn das Interesse an der Vergangenheit wecken. Die «Sinne schärfen und die Herzen erreichen», wie es Dieter Schürch formuliert. Und vielleicht bei der einen oder anderen Behörde ein Umdenken auslösen. Indem sie bei der planerischen und baulichen Entwicklung diesem Umstand Rechnung trägt.

Requiem für B, vom 12. bis 14. September in der Kirche Münchenbuchsee, jeweils um 20 Uhr.Infos und Reservationen unter www.requiem-für-b.ch

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