Minijupes haben ihn vom Weg abgebracht

Bern

Markus Hauser hat sich mit einem Hemdenladen in der Berner Marktgasse seinen Lebenstraum erfüllt. Jetzt will der 73-Jährige den Laden loswerden.

Der Berner Shirt-Laden Comeback wird seit 25 Jahren von Markus Hauser geführt.
(Video: Claudia Salzmann)
Claudia Salzmann@C_L_A

Haus weg, Freundin weg. Und der eigene Laden dicht. So erging es Markus Hauser vor 25 Jahren, und noch heute kommen ihm die Tränen, wenn er davon erzählt. «Ich war am Boden zerstört», sagt er. Die Tränen scheinen ihn zu überraschen, er wischt sie weg, entschuldigt sich. Vor ihm auf dem Tisch liegen zwei dicke Alben mit Fotos und Zeitungsartikeln. Darin ist ein turbulentes Leben festgehalten, neben dem Tiefpunkt im Jahr 1993 sorgte er in Bern und Umgebung für Furore. Unzählige Zeitungsartikel porträtieren ihn, in Schlagzeilen wird er «Modepionier» oder «Hemdenkönig» genannt.

Verkaufen lernte er im Konsum, manchmal nennt er den Coop noch heute so. Nach der Lehre hatte Hauser während 4 Jahren 18 verschiedene Stellen, auf dem Bau, in Büros und Backstuben. Nach Monaten Brotbeigen und Gemüserüsten hatte er genug. Er wollte unbedingt sein eigener Chef werden. «Ich war ein unmöglicher Siech», sagt er.

Minis für Bern

Irre farbige Hemden, wie sie damals die Rolling Stones und die Beatles auf der Bühne trugen, gefielen dem Musikfan sehr. So sehr, dass er sie nicht nur tragen, sondern auch verkaufen wollte. In Paris gab es sie, er fuhr per Autostopp hin, kehrte mit Postern zurück. Später kam er zu Geld, als er das erste farbige Poster der Stones produzierte. Vom eingenommenen Geld kaufte er aber keine Hemden ein, sondern Minijupes. «Wer kann es mir verdenken, dass mich Frauenbeine abgelenkt haben», sagt er. Sein Gespür für Trends trog ihn nicht, die Frauen rissen sich um die kurzen Röcke, die Berns Strassenbild veränderten.

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1969 nahm der Laden Shop Trice seinen Anfang. Benannt hat ihn Hauser nach seiner verflossenen Freundin Beatrice. Shop Trice ist der älteren Generation auch heute noch in Erinnerung. Und den Hockeyfans seine gepunkteten Mini Cooper, die auf dem Eis warben. Diese Fotos kleben alle zigfach in Hausers Album. Ein schwarzweisses Bild zeigt ihn als langhaarigen, schlaksigen Hippie in Latzhosen. «Gelb waren sie», sagt Markus Hauser über die Hosen.

25 Jahre Umweg

Vier Jahrzehnte später hat sich das Haar gelichtet, die Geheimratsecken sind grösser geworden. Er bedauert es, denn er mochte sie lang und lockig. Die Postur hingegen hat er behalten, die dünnen Beine stecken nicht mehr in Schlaghosen, sondern in Jeans. Und er trägt ein irre farbiges Hemd, wie sie die Stones getragen haben. Wie sie nun doch in seinem Laden verkauft werden. Mit dem letzten Geld flog er damals 1993, am Tiefpunkt, nach Amerika. «Ich wusste nicht, was ich dort sollte, aber ich wusste auch nicht, was ich hier sollte.» Auf einem Roadtrip lüftete er den Kopf durch, und bald war klar, wie es weitergeht: «Ich gehe heim und fange neu an.» Jetzt aber wirklich mit Hemden.

«Unter meinen Kunden sind viele 20-Jährige. Ich schaue, dass meine Kunden nicht mit mir altern.»Markus Hauser, Berner «Hemdenkönig» und Inhaber des Comeback-Ladens

25 Jahre verspätet ging sein Traum doch noch in Erfüllung: Den Laden in der Marktgasse taufte er Comeback und meinte damit seine eigene Rückkehr. Er blättert immer wieder zurück im Fotobuch. Zwei Ringe trägt er an den Fingern, Kinder hat er keine, ein Frauenheld sei er nie gewesen. Jetzt ist er mit Ingrid zusammen. Auch ihretwegen möchte er das Comeback jetzt abgeben. Seit 2 Jahren sucht er einen Nachfolger, auch die Hilfe einer SRF-Sendung brachte nichts. Letzte Woche kam wieder ein Interessent, insgesamt waren es ein Dutzend.

Ist diese Art Laden vielleicht nicht mehr zeitgemäss? «Natürlich, unter meinen Kunden sind viele 20-Jährige. Ich schaue, dass meine Kunden nicht mit mir altern», sagt Hauser, der gestern seinen 73. Geburtstag feierte. Loslassen könne er, beim Laden sei es aber nicht das, sondern eher ein Weitergeben. Er hat sich seinen lang gehegten Traum erfüllt und ihn lange gelebt. Jetzt kommt der nächste, und er soll endlich anfangen.

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