Meteoriten-Jäger: «Ja, ich bin ein Freak»

Nach langer Geheimniskrämerei wurde in Bern der grösste Meteoritenfund der Schweiz bekannt. Grossen Anteil an der Hebung des Twannberg-Schatzes hat der Brügger Meteoritensammler Marc Jost (49).

Der Meteoriten-Jäger vom Twannberg. Video: Christian Häderli
Michael Feller@mikefelloni

Die Meteoriten lassen ihn nicht mehr los. Seit Marc Jost vor 16 Jahren in einem Twanner Dachstock einen merkwürdigen Stein gefunden hat. TW 2 heisst er heute. Er ist der zweite registrierte Fund eines Teils des Twannberg-Meteorits, der vor über 100 000 Jahren vom Himmel fiel.

Der heute 49-jährige Schreiner aus Brügg wollte wissen, was es mit diesem Stein auf sich hat. Meteoritenforscher Beda Hofmann von der Universität Bern erkannte die Besonderheit des Steins – und weil es bereits der zweite dieser Art war, regte er an, weiterzusuchen.

Von da an war Marc Jost, bis dahin Sammler von Fossilien, auch Jäger. Er machte Jagd nach dem Schatz, der praktisch vor seiner Haustüre lag. «Die Steine geben uns etwas aus dem Weltall», sagt der Mann mit der einnehmenden Begeisterung. Mit den Wissenschaftlern teilt er eine bisweilen schrullige Passion – und weiss es: «Ja, ich bin ein Freak.»

«Von wegen abgehoben!»

Ausgerüstet mit Spaten und Metalldetektor suchte er in den vergangen Jahren während Wochen und Monaten nach weiteren Brocken. Mit Kollegen und unter Mithilfe der Uniforscher fand er Hunderte von Steinen. Sie lagen wenige Zentimeter unter der Erde.

Während die Forscher darauf aus waren, Daten zu sammeln und die Grösse des Streufelds zu erfahren, wollten die Schatzsucher möglichst viele Steine finden. Sie haben dazu beigetragen, dass der Meteorit «Twannberg» in wenigen Jahren sehr gut dokumentiert wurde.

Die unkomplizierte Zusammenarbeit mit den Wissenschaftern der Universität Bern gefällt Jost. «Von wegen abgehobene Wissenschafter! Wir sind alle per du und gehen auch mal am Feierabend zusammen ein Bier trinken.» Die Sammlerfreaks und die Wissenschaftsfreaks verstehen sich bestens.

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Wichtig war für das Team aus Professoren und Meteoritenjägern, dass die Sache geheim blieb. «Wir befürchteten, dass französische oder deutsche Schatzsucher in den Jura einfallen und Steine wegräumen würden.» So wären wichtige Daten verloren gegangen. Alle hielten dicht, und die in Internetforen bestens vernetzte Meteoritenjägergemeinschaft erfuhr nichts von den «Twannberg»-Steinen.

Und jetzt? «Ein paar Sammlertrupps werden kommen, aber unverrichteter Dinge wieder abziehen», glaubt Jost. «Wir haben sehr viel Zeit investiert und mit guten Geräten gearbeitet.» Über 20 Leute haben während 4 Jahren gesucht.

Die Meteoritenfunde sind aufsehenerregend. Doch meistens piepten die Metalldetektoren wegen anderer Dinge: «Nägel, Hufeisen, alte Messer, Schrott der Armee aus den letzten drei, vier Jahrhunderten», zählt Jost auf, «Abertausende Funde.»

Darunter war auch ein besonders rätselhafter Fund: Ein Alkohol­lager. Einige Flaschen Bier und Wein, eine Flasche Whisky und eine Dose Red Bull waren bestens eingepackt verbuddelt. Das Bier war ungeniessbar, aber der Wein wartet noch bei Jost auf den Besitzer. «Ich möchte zu gerne wissen, wer das vergraben hat, und vor allem weshalb», sagt Jost. Es ist wie bei den Steinen: Ohne ihre Geschichte sind für ihn die Fundstücke wertlos.

Nächste Station: Atacama

Marc Jost handelt auch mit Meteoritengestein, die auf Mineralienbörsen angeboten werden. «Einen Stein, den ich selbst gefunden habe, würde ich aber nie verkaufen.» Von der Meteoritensuche kann er nicht leben. Damit er sein Auskommen und seine Jagd nach Schätzen finanzieren kann, arbeitet Jost aktuell als Lagerist und Chauffeur.

Auf den Autobahnfahrten mit seinem Lastwagen sinniert er gerne über die Meteoritensuche, die ihn nicht nur auf den Twannberg lockt, sondern weit in der Welt herumkommen lässt. Seine nächste Reise unternimmt er im nächsten Februar. In Atacama in der chilenischen Hochlandwüste geht er wieder auf Schatzsuche. Dort wurden vor ein paar Jahren interessante metallhaltige Brocken gefunden.

Berner Zeitung

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