Kein Grund zum Glotzen

Zwischen Vorurteil und Forschung, zwischen Abgrund und Humor: Das Berner Zen­trum Paul Klee holt mit «Touchdown» die erste Ausstellung über das Downsyndrom in die Schweiz.

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Stefanie Christ@steffiinthesky

Es gibt immer weniger Menschen mit Downsyndrom. Nein, die Forschung kann die verantwortliche Chromosomenmutation nicht beheben. Aber sie kann immer genauer feststellen, ob ein ungeborenes Kind davon betroffen ist. Spricht das Untersuchungsresultat von einer hohen Wahrscheinlichkeit, entscheidet sich eine Mehrheit der Eltern für einen Schwangerschaftsabbruch.

In der Ausstellung «Touchdown» ist ein ganzer Raum diesem schwierigen Aspekt gewidmet. In der Mitte steht eine Gipsskulptur, die im Rahmen eines Forschungsprojekts entstanden ist. Menschen mit Downsyndrom haben zwei Eier geschaffen: Ein heiles und ein zerbrochenes, das für einen abgetriebenen Fötus steht.

«Menschen wissen zu wenig über das Downsyndrom. Sie wissen nicht, dass ich ein gutes Leben habe.»Julia BertmannBeraterin der Ausstellung

Während Katja de Bra­gança, Bonner Humangenetikerin und Initiantin der Ausstellung, das Exponat den Medienschaffenden erläutert, entfernt sich eine Anwesende mit Downsyndrom von der Gruppe. Sie weint. Und auf einen Schlag ist deutlich, worum es hier geht: nicht um Theorien, nicht um Statistiken, sondern um Menschen.

Pascale Sträuli, Mitgestalterin der Ausstellung, wünscht sich, dass man als Mensch mit Down-Syndrom so akzeptiert wird, wie man ist. Video: Keystone

Schrecken der Geschichte

Bleiben wir bei den schwer verdaulichen Themen. Über 100'000 Menschen mit Downsyndrom haben die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs in deutschen und österreichischen Anstalten systematisch ermordet.

Zitate aus Briefwechseln zwischen den Anstalten und den Angehörigen zieren die Ausstellungswand: «Obwohl wir sehr an unserem Kinde hängen, braucht die Gegenwart doch rüstige ­Menschen.»

Und in der Schweiz? Auch hier wurde auf politischer Ebene in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine intensive Debatte über den Wert sogenannter «Ballastexistenzen» geführt. Der Berner Kantonsarzt Alfred Hauswirth befürwortete die Tötung von Behinderten – zur Entlastung der Gesellschaft. Doch er fand keine Mehrheit.

Um Fakten zur Schweizer Geschichte wurde die Ausstellung fürs Zentrum Paul Klee (ZPK) erweitert. Bei «Touchdown» handelt es sich ursprünglich um ein Projekt für die Bundeskunsthalle Bonn, umgesetzt von Katja de Bragança und der Projektgruppe Touchdown 21, der sowohl ­Forscher als auch Menschen mit Downsyndrom angehören.

«Touchdown» ist Themen- und Kunstausstellung zugleich. Der rote Faden bildet die Comicgeschichte (Zeichner: Vincent Burmeister) rund um sieben Astronautinnen und Astronauten, die mit ihrem Raumschiff vom Planeten Kumusi zur Erde reisen und prüfen, ob die hiesigen Lebensbedingungen ihren Bedürfnissen entsprechen.

Die «Aliens» unterscheiden sich von den Erdbewohnern durch die Chromosomenzahl: Sie besitzen deren 47 statt 46.

Seit 1958 ist klar, dass dies der Grund fürs Downsyndrom ist: ein zusätzliches Chromosom an der 21. Stelle des Erbguts. Entdeckt wurde es von der Pariser Wissenschaftlerin Marthe Gautier.

In die Geschichtsbücher eingegangen ist ein anderes Mitglied der Forschungsgruppe, das den Erfolg für sich beanspruchte: Jérôme Lejeune. Nicht zuletzt dank «Touchdown» kann die Geschichtsschreibung nun entsprechend revidiert werden.

Feiner Humor

Genetik ästhetisch erfahrbar macht die Künstlerin Jeanne-Marie Mohn, die einen schwarzweissen «Chromosomenteppich» gefertigt hat, der 23 textile Chromosomenpaare zeigt – inklusive dem 47. Chromosom. Daneben sind die charakteris­tischen Wickelskulpturen der Amerikanerin Judith Scott (1943–2005) ausgestellt, auch sie eine Kunstschaffende mit Downsyndrom.

Alltagsgegenstände wie einen Ventilator hat sie solange mit Wollfäden, Stofffetzen und weiteren Materialien eingewickelt, bis sie unkenntlich waren. Im Kindermuseum Creaviva können sich die Besucher des ZPK in einer Parallelausstellung an dieser Technik versuchen.

Gleich zum Auftakt der spannenden, bewegenden und durchwegs stringenten Ausstellung lockt eine Videoarbeit des Teams von Touchdown 21: In Lebensgrösse stehen ein Mann und eine Frau, beide mit Downsyndrom, auf zwei Bildschirmen rum.

«Sie laden die Besucher zum ungehemmten Anstarren ein. Danach hat es sich hoffentlich ausgeglotzt», sagt der Vermittlungsverantwortliche des ZPK, Dominik Imhof.

Ein feiner Humor zieht sich durch die gesamte Schau, die zeigt, wie Menschen mit Downsyndrom lieben (wie alle anderen auch), wer für die Bezeichnung Downsyndrom verantwortlich ist (der britische Arzt John Langdon Down, der ab 1858 erstmals zur Behinderung forschte) – und die ein für alle Mal klärt, was Menschen mit Downsyndrom mit der Mongolei zu tun haben (nichts).

Ausstellung «Touchdown» im Zentrum Paul Klee, Bern: bis 13. Mai. Das Rahmenprogramm umfasst Auftritte der New Dance Academy, des ­Hora-Theaters oder Genetik-Performances. www.zpk.org Begleitende Ausstellung «Heimat»: bis 13. Mai, Kindermuseum ­Creaviva.

Berner Zeitung

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