Bern

Mehrere Verletzte bei Tumulten vor der Reitschule

BernIn der Nacht auf Sonntag bekämpften sich vor der Berner Reitschule Polizisten und Partygänger. Bei der stundenlangen gewalttätigen Auseinandersetzung gab es mehrere Verletzte. Wie konnte es so weit kommen?

Diese Szenen ereigneten sich in der Nacht auf Sonntag vor der Berner Reitschule. Video: Leserreporter

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In der Nacht auf Sonntag kam es auf dem Vorplatz der Reitschule und auf der Schützenmatte zu wüsten Szenen: Polizisten und Partygänger lieferten sich eine stundenlang andauernde Strassenschlacht.

Eine Gruppierung junger Leute, die sich auf dem Vorplatz der Reitschule aufhielt, warf Bierflaschen und Steine gegen Polizisten und griff diese mit Feuerwerk an. Die Polizei setzte Gummischrot und Pfefferspray ein, auf beiden Seiten gab es Verletzte. Die Situation eskalierte kurz vor Mitternacht, die Auseinandersetzung dauerte mehrere Stunden und endete erst am frühen Morgen.

Was war passiert? Wie konnte es so weit kommen?

Augenzeuge: Das war eine Machtdemonstration

Ein Augenzeuge, der sich gegenüber dieser Zeitung zu den Vorfällen äusserte, kam erst ungefähr um 1 Uhr nachts auf die Schützenmatte – da waren die Tumulte bereits in vollem Gang. «Vollmontierte Polizisten haben vor der Eisenbahnbrücke den Vorplatz und die Schützenmatte mittels Menschenkette während mehreren Stunden abgetrennt», sagt er. Und: «Freunde von mir haben Pfefferspray abbekommen, obwohl sie gar nicht am Konflikt beteiligt gewesen waren.»

Selber hat er nicht mitbekommen, wie es zur Eskalation kommen konnte, dafür war er zu spät vor Ort. Viele Leute aus seinem Umfeld seien aber bereits da gewesen, kurz vor Mitternacht, als man einer Polizeipatrouille verbal zu verstehen gegeben habe, sie solle sich aus dem Staub machen.

«Die Polizei ist im Umfeld der Reitschule nicht sehr beliebt», bestätigt der junge Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Aber er betont, man sei die Polizisten zu diesem Zeitpunkt lediglich verbal angegangen, es seien noch keine Flaschen geflogen, keine Steine geworfen worden.

Trotzdem habe die Polizeipatrouille umgehend Verstärkung angefordert: «Wenige Minuten nach dem Funkspruch stand da plötzlich ein ganzer Polizeimob in Vollmontur», lässt sich ein zu diesem Zeitpunkt anwesender Freund unseres Informanten zitieren.

Daraufhin sei es eskaliert, die Bekämpfung sei beidseits losgegangen: Die Polizei habe «reingeschrotet» und Pfefferspray eingesetzt, die Leute auf dem Vorplatz hätten Steine und Flaschen gegen Polizisten geworfen - und Feuerwerk.

Die Polizei hatte das Neustadt-lab auf der Schützenmatte abgesperrt. Video: Leserreporter

Wer «angefangen» habe, habe die Person nicht genau gesehen, es sei wohl «etwa gleichzeitig» gewesen. Klar ist: «Als die Auseinandersetzung eskalierte, rannten viele Leute erschrocken Richtung Schützenmatte oder auf den Vorplatz der Reitschule davon.»

Als der Augenzeuge die Szenerie um etwa 2.15 Uhr verliess, war noch lange keine Ruhe eingekehrt am Bollwerk. Sein Urteil ist klar: «Für mich war das nichts anderes als eine krasse Machtdemonstration der Polizei: Völlig unnötig. Die wollten einfach mal wieder zeigen, wer hier der Chef ist.»

Polizei: Verstärkung wegen Angriff auf Patrouille

Die Kantonspolizei Bern schildert in einem am Sonntagnachmittag veröffentlichten Communiqué die Ereignisse aus Polizeisicht: Eine Patrouille der Kantonspolizei Bern sei am Samstagabend zwecks «präventiver Präsenz» im Raum Schützenmatte anwesend gewesen.

Gegen 23.30 Uhr seien die Polizisten von einer Gruppe, in der sich auch Vermummte befanden, von der Reitschule her mit Wasserballonen beworfen und bedrängt worden. Daraufhin habe sich die Patrouille aus der Wurfdistanz zurückgezogen, um «die weitere Entwicklung zu beobachten». Die Gruppe habe sich daraufhin ebenfalls vorübergehend zurückgezogen – und zwar ins Innere der Reitschule.

Kurz nach Mitternacht hätten sich «von der Reitschule her rund zwei Dutzend Personen» versammelt, darunter seien erneut zahlreiche Vermummte gewesen. Die Polizisten hätten in der Gruppe auch Personen ausmachen können, die Stöcke und Flaschen bei sich trugen. «Aus der Menge heraus wurden schliesslich gezielt mehrere Flaschen gegen die Einsatzkräfte geworfen», heisst es in der Mitteilung.

Daraufhin habe die Patrouille umgehend Verstärkung angefordert, es sei zur Auseinandersetzung gekommen: «Als weitere Einsatzkräfte vor Ort eintrafen, wurden diese ebenfalls sofort mit Steinen, Flaschen, Eisenstangen und Feuerwerkskörpern – teils auch vom Dach der Reitschule und aus dem Schutz errichteter Deckungen – angegriffen.»

Zum Eigenschutz und um die Angreifer zurückzudrängen, habe man Gummischrot und «Reizstoff» einsetzen müssen. Einige Angreifer hätten versucht, mit Absperrgittern eine grössere Barrikade zu errichten. Dies sei durch die Einsatzkräfte mit «grösserem Mitteleinsatz» unterbunden worden.

Mehrere Beteiligte verletzt, 8 Personen abgeführt

Bei den Scharmützeln wurden drei Polizisten verletzt, zwei davon mussten in Spitalpflege gebracht werden. Ein Ambulanzteam betreute vor Ort mehrere Personen, die aufgrund des Reizstoffeinsatzes «Beschwerden» hatten.

Im Verlaufe des Einsatzes hat die Polizei acht Personen angehalten, drei davon hatten zuvor Gegenstände gegen Polizisten geworfen. Die festgenommenen Personen wurden auf eine Polizeiwache gebracht und werden sich vor der Justiz verantworten müssen.

Reitschule irritiert über Smiley-Geschosse

Am späten Sonntagnachmittag meldete sich die Mediengruppe der Reitschule mittels Medienmitteilung zu Wort. Erwartungsgemäss verurteilt sie darin den «gewalttätigen» Polizeieinsatz. Schon deutlich vor Mitternacht sei Mitarbeitenden aufgefallen, dass in der Hodlerstrasse mehrere Kastenwagen parkiert gewesen seien. Deshalb hegen die Reitschüler den Verdacht, die Intervention sei geplant und die Eskalation gewollt gewesen.

Die Polizei habe ausserdem einige der verwendeten Gummigeschosse mit Smileys und anderen Beschriftungen versehen: «Die Polizei scheint sich über die Leute, auf die sie schiesst, lustig zu machen und untermauert damit den Verdacht der geplanten Eskalation», heisst es im Communiqué. Ein langjähriger Reitschul-Mitarbeiter schreibt vom «sinnlosesten Grosseinsatz der letzten Jahre».

Neustadt-lab blieb verschont

Juerg Luedi, Projektleiter des Neustadtlabs 2018, überraschte die Eskalation auf dem Vorplatz der Reitschule. Er war früher am Abend noch vor Ort: «Bis um Mitternacht war alles friedlich.» Zu dieser Zeit habe das Neustadt-lab den Betrieb eingestellt. «Wir hatten kein grosses Programm an diesem Abend. Der geplante Kinoabend wurde wegen des schlechten Wetters abgesagt.»

Das Neustadt-lab verfügt über einen eigenen Sicherheitsdienst, der am Wochenende regelmässig patrouilliert. Dieser habe sich am Samstag jedoch nicht eingemischt. «Es war eine Auseinandersetzung zwischen Polizei und deren Gegenspieler und Gegenspielerinnen. Mit dem Neustadt-lab hatte dies nichts zu tun.»

In der Folge habe die Polizei das Neustadt-lab abgeriegelt. Die Bauten seien so nicht zu Schaden gekommen. Auch seien keine Besucher in die Auseinandersetzung verwickelt oder dadurch verletzt worden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.09.2018, 17:11 Uhr

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