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Mehr Walt Disney als «Game of Thrones»

BernDieses Wochenende treffen sich auf der Allmend Hunderte Mittelalterfans aus der ganzen Schweiz. Wer sind diese Menschen, die sich mit einer so düsteren Epoche identifizieren?

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Auf der Allmend fühlt es sich an diesem Freitagnachmittag an wie in einem Backofen. Das T-Shirt klebt an der Haut, die Sonne brennt am Nacken. Dennoch laufen hier Dutzende Menschen unbeirrt in schweren Rüstungen und langen Gewändern umher – und arbeiten. Sie wetzen Schwerter, klopfen Leder, färben Kleider oder werken sonst irgendwas.

Eine davon trägt ein grünes Gewand, einen langen Rock und nennt sich Moira. Moira heisst im zivilen Leben Monika Gygli, ist 39-jährig und wohnt in Lyss. Mehrmals im Jahr wirft sie sich für Mittelaltermärkte ins Hexenkostüm und wird so zu ihrem ­Alter Ego. Wobei «verkleidet» das kreuzfalsche Wort wäre. «Wir bevorzugen ‹gewandet›», sagt Gygli. Szenevokabular.

850 Leute im Einsatz

Die Mittelalterszene ist eine ­Szene, die stark wächst. Ihre Anhänger rekrutiert sie vor allem aus anderen Subkulturen wie der Gamer-, Fantasy- oder Metal-Szene. Auch bei Monika Gygli führte der Weg über die Musik. Sie, die Mutter und Hausfrau, hört gerne Metal, eine Musikrichtung, die oft mit Motiven aus dem Mittelalter spielt.

Seit vier Jahren ist Gygli Mitglied im Verein Turnei, der jährlich zwei Mittelalterspektakel organisiert. Es sind die grössten Anlässe dieser Art in der Schweiz. Für diese zwei Events opfert Gygli zwei Wochen im Jahr. Seit Dienstag ist sie schon auf dem Gelände, half beim Aufbau und übernacht auch gleich im Zeltlager.

Gygli ist damit eine von 850 Personen, die übers Wochenende zur Mittelaltershow beitragen. Sie stehen hinter Markt­ständen, arbeiten in Heerlagern, schauspielern auf dem Turnierplatz, singen auf der Bühne oder werken irgendetwas hinter den Kulissen. «Die meisten kommen aus der Schweiz, ein paar auch aus Deutschland», sagt Martin Suter, der Vereinspräsident von Turnei.

Suter wohnt im Zürcher Oberland, führt ein eigenes Treuhandunternehmen und engagiert sich als SVP-Vertreter in der Lokalpolitik. Während der Mittelaltermärkte spielt das alles keine Rolle. Auch er wird hier – zumindest äusserlich – zu einem anderen Menschen. Neben dem Kostüm trägt er in den nächsten drei Tagen einen Irokesen. Dieser muss zwar am Sonntag gleich wieder weg, aber so lange passt er perfekt ins Bild.

«Keine Selbstbedienung»

«Wir sind eine sehr gemischte Gesellschaft», sagt Suter. Der eine mag unter der Woche eine Krawatte tragen, der andere Rastalocken. «An den Märkten sitzen am Abend dann aber beide zusammen am Lagerfeuer und haben es lustig miteinander.»

Es ist ein bisschen verkehrte Welt, dass ausgerechnet Mittel­alterfans ein solch egalitäres ­Gesellschaftsgefüge zelebrieren. Vor 1000 Jahren gab es in Europa bekanntlich weder Demokratie noch Gleichberechtigung. Die Gesellschaft war feudalistisch organisiert, es herrschte das Recht des Stärkeren. «Ich hätte niemals im Mittelalter leben wollen», gibt Suter unumwunden zu. «Mit meinen 48 Jahren würde ich wohl eh nicht mehr leben», fügt er an.

Beim Mittelalterspektakel in Bern wird diese dunkle Seite dieser Epoche auch weniger gezeigt. Es ist mehr Walt Disney als «Game of Thrones».

Ein Ort, wo man ein bisschen erahnen kann, wie gewalttätig es früher zu und her ging, ist der Stand mit den Folterinstrumenten. Eine Gruppe Kinder lässt sich die spanische Streckbank gleich anhand des eigenen Beispiels vorführen. Auf dem Bauch liegend werden die gefesselten Kinderhände nach vorne gezogen, bis das Kind Stopp sagt. «Keine Selbstbedienung» steht mit Ausrufzeichen noch neben dem Gerät.

Auch Sohn kommt gewandet

Hexenverbrennungen, Inquisitionen, Kreuzzüge, Folterungen – kaum eine Zeitepoche kommt in der Geschichtsschreibung schlechter weg als das Mittelalter. «Viele hier blenden das aus», sagt Monika Gygli. Auch sie betont viel mehr die positiven Seiten: die Naturverbundenheit, das alte Handwerk oder das vielseitige Brauchtum.

Ihre Kinder teilen ihre Begeisterung fürs Mittelalter weniger, sagt Gygli. Sie werden sie an diesem Wochenende aber dennoch besuchen kommen. Und der eine Sohn komme sogar «gewandet».

Mittelalterspektakel Allmend: Samstag, 30. Juni, von 10 bis 24 Uhr, Sonntag, 1. Juli, von 10 bis 18 Uhr. Eintrittspreise und Showprogramm auf turnei.ch/bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.06.2018, 07:09 Uhr

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