Mehr Platz für weniger Publikum

Das Stadttheater eröffnet am Samstag nach der dritten Umbauetappe wieder. Mit neuen Sesseln, neuer Beinfreiheit – und neuer Gewissheit: Alexander Tschäppät wird nicht Stiftungsratspräsident von Konzert Theater Bern.

Stephan Märki, Direktor des Konzert Theater Bern, erklärt im Gespräch, worauf er sich im sanierten Stadttheater freut. Interview: Michael Feller, Video: Florine Schönmann
Michael Feller@mikefelloni

Die Ölfarben riechen noch. Das geht vorbei. Was bleiben soll: der Glanz. Den gibt es in Gold und in allen Farben im neuen alten Stadttheater. Gestern hat die Stadt nach drei von vier Etappen der Sanierung zum Medienrundgang geladen. Stadtbaumeister Thomas Pfluger sprach abwechselnd vom geschafften «Bergpreis», vom «Husarenstück» und von der «matchentscheidenden Phase».

Rechtzeitig – angesichts der komplexen Ausgangslage des Sanierungsvorhabens eine sportliche Leistung. «Ruhig schlafen konnte ich immer – fast», sagte Pfluger. Nur einmal wurde ihm angst und bange: Eine der beauftragten Baufirmen geriet in Zahlungsnotstand, worauf die Montagemitarbeiter aufgrund ausstehender Löhne ihr Tagwerk niederlegten und die Baustelle verliessen.

Um welche der vielen beteiligten Firmen es sich handelt, will Pfluger nicht sagen. Innert einer Woche fand er mit einem anderen Unternehmen eine Lösung, sodass die Arbeiten fortgeführt werden konnten. Der Zeitplan blieb intakt.

Blau-grün-grau-rot

Dennoch: Ganz fertig sind die Arbeiten nicht. Da wird noch gemalt, dort stolpert man über einen Akkubohrer. Doch bis zur samstäglichen Premiere von Mozarts «Le nozze di Figaro» sollen auch die letzten Spritzer beseitigt sein. Garderoben, Toiletten, Umgänge, Foyer: Alles, was das Publikum zu Augen bekommt, ist renoviert.

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Am augenfälligsten sind die Zugänge zum Parkett und zu den Rängen: Jede Etage hat ihren eigenen Ölfarbenglanz erhalten. Die Wände im Parterre sind blau, zum ersten Rang gehts durch ein Dunkelgrün, im zweiten Rang ists grau und im dritten bordeauxrot. Zu diesem entschiedenen Farbkonzept kontrastiert das Foyer, das zwar auch frisch gestrichen riecht, aber noch immer den ält­lichen Kleinstadt-Grossbürgercharme verströmt.

Ein irritierender Stilbruch, womöglich das Resultat von mässig erspriesslicher Zusammenarbeit von Architekten und Denkmalpflegern. Theaterdirektor Stephan Märki, zurückhaltender euphorisch als Stadtbaumeister Pfluger, sagte diplomatisch: «Es ist ein Entwurf, an dem man sich reiben kann.»

«Es ist ein Entwurf, an dem man sich reiben kann.»Intendant Stephan Märki

Weit entscheidender für Konzert Theater Bern, das die städtische Liegenschaft mit seinen Künsten befüllt, ist der Theatersaal. Auch dort sieht man auf den ersten Blick den Glanz: Die Goldverzierungen haben neue Farbe erhalten, das Deckenbild ist aufgefrischt.

Neu sind die Stühle, die sich ­angenehm unauffällig anfühlen. Über ihre Gesässfreundlichkeit kann jedoch erst nach der mehrstündigen Belastungsprobe am Samstag eine sinnvolle Aussage gemacht werden. Märki bezeichnete den Sessel als «den bestmög­lichen Kompromiss» – nachdem das Auswahlprozedere ganze vier Jahre gedauert hatte.

Die Zuschauerkapazität ist um rund 100 auf gut 600 reduziert worden. Frei nach dem Tierparkmotto «Mehr Platz für weniger Tiere» gibts künftig mehr Beinfreiheit und mehr gute Plätze, besonders auf den Rängen. Im Parterre sind mehrere Reihen einer zentralen Garderobe gewichen.

Der Saalklang wurde mittels Elementen an den Wänden und Segeln über dem Orchestergraben optimiert. «Das Wichtigste ist gemacht. Die Technik geht wieder, der Theatersaal ist gelungen», fasste Märki zusammen. Neu sind im dritten Rang die Stehplätze, die zu tiefen Preisen angeboten werden. «Als junger Student habe ich das Angebot in München sehr genossen», sagte Märki, der sich dafür starkgemacht hat.

Tschäppät verzichtet

Rundum begeistert zeigte sich Stadtpräsident Alex Tschäppät. «Das ist doch ein sensationeller Umbau für das Geld, das zur Verfügung stand», sagte er. Am Rande des Rundgangs machte er auch klar, dass er definitiv nicht Stiftungsratspräsident von Konzert Theater Bern werden will. Er galt als Favorit für die Nachfolge von Benedikt Weibel. Lange hatte er sich nicht dazu geäussert, obwohl ihn die Aufgabe gereizt hätte.

Nun sei das Thema gegessen. «Wenn einem gewisse Leute das Gefühl geben, dass sie einen nicht wollen, dann muss man das nicht machen.» Der Stiftungsrat hat nicht ihn, sondern Katrin Diem vorgeschlagen. Wer nächstes Jahr das grösste Berner Kulturhaus präsidiert, bleibt offen.

«Wenn einem gewisse Leute das Gefühl geben, dass sie einen nicht wollen, dann muss man das nicht machen.»Stadtpräsident Alexander Tschäppät

Zur nächsten Spielzeitpause im Sommer 2017 folgt die letzte Etappe der vierjährigen Sanierung. Darunter fällt auch der Umbau der alten Kornhauspost zum Theatercafé. Die meisten Arbeiten betreffen die Infrastruktur hinter der Bühne – soweit das Geld überhaupt noch reicht.

Laut Stadtbaumeister Pfluger wird nun als Erstes die Bauphase abgerechnet. Dann sieht die Stadt, wie viel Raum bis zum 43,2-Millionen-Kostendach noch bleibt. Sicher ist bereits, dass die Mansarde noch ein Facelift erhält. Sie wird aus dem Sonderkredit der Burgergemeinde über 5 Millionen Franken bezahlt. Dann ist das Theater fertig. Ältlich da, glänzend hier.

Berner Zeitung

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