Bern

Die Stadt Bern macht Flüchtlinge fit für den Job

BernDer Anstieg neuer Asylgesuche wirkt sich auf die Sozialhilfe aus. Die Stadt Bern reagiert, indem sie Asylbewerber für den Arbeitsmarkt fit machen will. Niederschwellige Jobs müssen her. Dafür braucht es zwei Millionen Franken.

Jäten in der Berner Lorraine: Schon heute beteiligen sich Asylsuchende an ?diversen Abeitsprojekten. Es soll in Zukunft noch mehr werden.

Jäten in der Berner Lorraine: Schon heute beteiligen sich Asylsuchende an ?diversen Abeitsprojekten. Es soll in Zukunft noch mehr werden. Bild: Stefan Anderegg

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Die Stadt Bern hat gerechnet: Die meisten Asylsuchenden sind jung, oftmals unter 25 Jahre alt. Schafft es diese Person nicht in den Arbeitsmarkt, sondern landet in der Sozialhilfe, wird das teuer. Pro Jahr belaufen sich die Sozialhilfekosten für eine Person auf rund 25'000 Franken. Ein 25-Jähriger, der während vierzig Jahren, also bis ins Rentenalter, vom Staat unterstützt wird, schafft es auf den runden Betrag von einer Million Franken.

Schaut Felix Wolffers, Leiter des Berner Sozialamtes, nach dieser Milchbüchleinrechnung auf die Stadt Bern, schwant ihm Böses. In der Stadt leben derzeit rund 1500 Asylsuchende, die Gesuchzahlen steigen aber schweizweit laufend. Nur rund ein Drittel der erwerbsfähigen Flüchtlinge verdienen ihren Lebensunterhalt selber. Die Mehrheit ist auf Sozialhilfe angewiesen. «Wir müssen handeln, sonst werden die Asylsuchenden von heute zu den Sozialhilfebezügern von morgen», warnt Wolffers.

Zwei Millionen gefordert

Gestern nun teilte Berns Sozialdirektorin Franziska Teuscher (GB) mit, wie diese Reaktion ausfallen soll: Um längerfristig Kosten zu sparen, braucht es zuerst einmal kurzfristig Geld. Mit rund zwei Millionen Franken will die Stadt Bern die Integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen vorantreiben. Das Ziel ist, dass diese im Arbeitsmarkt und eben nicht in der Sozialhilfe landen.

Mit punktuellen Massnahmen will die Stadt die Asylsuchenden fit für den Job machen. Etwa indem man Sprachkurse fördert oder neue Arbeitsprojekte schafft. Auch scheinbar simple Dinge wie die erfolgreiche Bewältigung des Alltags stehen auf dem Programm. Zudem sollen vermehrt Freiwillige in die Integrationsarbeit einbezogen werden. Ausserdem will man jene Minderheit unter den Asylsuchenden fördern, die über eine gute Ausbildung verfügt.

Teuscher sieht die städtischen Pläne als Ergänzung zu den Massnahmen und Programmen von Bund und Kanton. Es gehe nicht darum, deren Job zu übernehmen. Das Gros der geplanten Massnahmen basiert laut Teuscher auf der Optimierung der bestehenden Angebote und kann ohne zusätzliche Gelder umgesetzt werden. Aktuelle Beispiele für derartige Arbeitsprojekte der Stadt sind das Team Sauber, dessen Mitglieder die Trams und Busse von Bernmobil reinigen, oder Asylsuchende, die in der Landschaftspflege mithelfen.

Auch in der Gastronomie und in Kinderstagesstätten sind niederschwellige Arbeitsplätze möglich. Welche Angebote aus den Massnahmen aber genau resultieren werden, kann die Stadt jetzt noch nicht ­sagen. «Zuerst braucht es die benötigten Stellen», so Sozialamtschef Wolffers. Rund vier zusätzliche Jobs – befristet von Mitte 2016 bis Ende 2019 – fordert die Stadt. Die gleiche Frist gilt für den Kredit. Über das ganze Paket wird der Stadtrat entscheiden.

Geht auch um die Sicherheit

Nein, es gehe nicht nur ums Geld, betonte gestern Gemeinderätin Teuscher: «Aus gesellschaftlicher Sicht ist auch der Sicherheitsfaktor wesentlich.» Eine erfolgreiche Integration würde weniger Suchtprobleme, weniger Straftaten und geringere Kosten für die öffentliche Sicherheit bedeuten. Umgekehrt seien Kriminalität und Sucht häufig Begleiterscheinungen der Arbeitslosigkeit. Was letzten Endes zu Parallelgesellschaften und sozialen Spannungen führen könne.

Klar ist der Stadt aber auch: Es gibt schweizweit zu wenig Stellen für Tiefqualifizierte. Von diesem Umstand sind auch Schweizer ­betroffen, was die Sache für Asylbewerber nicht einfacher macht. Sozialamtschef Wolffers’ Fazit lautet denn auch: «Wir haben hier Schwerstarbeit vor uns.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.04.2016, 10:01 Uhr

Bernische Gemeinden

Wenn die Zahl der Asylgesuche steigt, wirkt sich das langfristig auch auf die Finanzen der bernischen Gemeinden aus. Zwar trägt der Bund die Kosten für die ersten fünf respektive sieben Jahre eines Aufenthalts in der Schweiz. Flüchtlinge, die aber länger auf Sozialhilfe angewiesen sind, werden in die finanzielle Verantwortung der Kantone und der Wohnsitzgemeinden übergeben. Der Verband bernischer Gemeinden befürchtet ­daher einen massiven Anstieg der Sozialhilfekosten (wir berichteten).
Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern hat für diese Zeitung eine Prognose erstellt. Auf der Basis der Einreisejahre hat das zuständige Sozialhilfeamt aufgelistet, wie viele Personen schätzungsweise in den kommenden fünf Jahren in die Zuständigkeit der Gemeinden und deren Sozialdienste übertragen werden (siehe Grafik links). Erfahrungswerte zeigen, dass rund ein Drittel der erwerbsfähigen Flüchtlinge ihren Lebensunterhalt selber verdienen können. Der Rest ist auf Sozialhilfe angewiesen. Finanziert wird dies aus dem Lastenausgleich, der je zur Hälfte von Kanton und von den Gemeinden ­alimentiert wird. mm

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