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Mehr als bloss ein Mehrfamilienhaus

Das markante Lehrerhaus Hofwil wird dieses Jahr 200-jährig. Die Bewohner feiern das Jubiläum mit einem Rückblick auf die bewegte Geschichte des Gebäudes.

Die beiden Dienstmägde begleiteten die Gäste durch das Jubiläumsfest.
Die beiden Dienstmägde begleiteten die Gäste durch das Jubiläumsfest.
Enrique Muñoz Garcia

Nachbarschaften, die im Garten ihres Mehrfamilienhauses zusammen ein Fest feiern, gibt es viele. Mit einem normalen Mehrfamilienhaus hat das ehemalige Lehrerhaus Hofwil aber nicht viel gemeinsam. Einerseits ist da die grosse Sandsteinfassade, die am Ortsrand von Münchenbuchsee heraussticht. Noch einzigartiger ist die Geschichte des Gebäudes und jene seiner Bewohner. Die heutigen Besitzer sind sich der 200-jährigen Historie ihrer Wohnungen sehr wohl bewusst. Für die Eigentümergemeinschaft ist der denkmalgeschützte Bau nicht einfach ein Wohnraum, sondern vielmehr ein Gemeinschaftsprojekt.

Auch Peter Brand ist Teil davon. Der Miteigentümer sieht in der besonderen Wohnform Privilegien, aber auch zusätzliche Verantwortung: «Das Lehrerhaus verlangt viel Engagement vonseiten der Bewohnerinnen und Bewohner.» Dieses Engagement hat sich auch auf das diesjährige Jubiläumsfest ausgewirkt. «200 Jahre feiert man nicht alle Tage», betont Brand. Dementsprechend breit war das Programm, das die Bewohner auf die Beine stellten: Rundgang, Ausstellung, Schauspiel, Musik und Referate. Kein normales Quartierfest also. «Sondern ein Innehalten, ein Bewusstmachen der Bedeutung von Hofwil», wie es Brand beschreibt.

Adel und Präsident zu Gast

Dafür machten die Bewohner aus ihrem Haus für einen Tag lang ein Museum. Der grosse Garten dient derweil als Festplatz mit Rednerpult. Vor den versammelten Gästen erklärt der ehemalige Berner Stadtarchivar Emil Erne die Geschichte des Gebäudes und des benachbarten Gymnasiums. «Die Geschichte Hofwils ist untrennbar mit jener von Philipp Emanuel von Fellenberg verbunden», sagt Erne. Der Berner Patrizier gründete hier 1799 einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb. Der aufklärerische Pädagoge baute das bestehende Landgut zu einer Lehranstalt aus und eröffnete in den folgenden Jahren eine Armenschule, ein landwirtschaftliches Institut und ein Institut für Söhne höherer Stände. Seine Frau Margaretha leitete zwischenzeitlich sogar eine Mädchenschule.

Die familiär geführte Anstalt erlangte schnell internationale Bekanntheit. So besuchten regelmässig Adelige und Gutbetuchte aus ganz Europa das Institut. Sogar der damalige argentinische und der mexikanische Präsident sind im Gästebuch vermerkt. Alle wollten sie die modernen Ausbildungsmethoden in Münchenbuchsee betrachten.

Dort beginnt die Geschichte des heutigen Wohnhauses: 1819 liess von Fellenberg das Gäste- und Lehrerhaus bauen. Grund dafür: Von Fellenberg hat sich an den vielen Besuchern in seinem Landgut gestört und richtete deshalb etwas ausserhalb eine Art Hotel ein. Dabei verzichtete er bewusst auf den Titel Hotel, damit seine Gäste nicht mit zu hohen Ansprüchen in die Unterkunft kamen. Neben den internationalen Gästen residierten viele Lehrer längerfristig im Gebäude. So kam das Haus zu seinem Namen.

Mehr Schein als Sein

Für die Besucher lieferte der Bau ein eindrückliches Bild ab. Drei Etagen Sandstein, mit grossen Fenstern und einem riesigen Dach. Doch das Gebäude ist mehr Schein als Sein. Eigentlich besteht nur ein Teil der untersten Fassade aus Sandstein. Bewohner und Bauleiter Marco Tschui weiss, wie die Bauarbeiter getrickst haben: «Der Grossteil besteht aus einem Holzskelett, das die Arbeiter mit Strohlehm ausgefüllten haben.» Um den Schein zu wahren, haben sie dabei die Ecklisenen (Eckpfosten) sandsteinfarben angemalt. «Damals eine sehr billige Bauweise, dem Bauherrn fehlte wohl das Geld für einen vollständigen Sandsteinbau», erklärt Tschui. Um die Lehmwände vor der Witterung zu schützen, ist die Wetterseite des Gebäudes heute wie damals mit Holzschindeln eingepackt.

Die Finanzen wurden teilweise auch dem benachbarten Institut zum Verhängnis. «Die Ausbildungsanstalt überdauerte von Fellenberg nur kurz», erklärt Historiker Erne. Nach Fellenbergs Tod 1844 setzte die Familie den Betrieb nur noch wenige Jahre fort. Doch es fand sich kein Nachfolger, der den Willen hatte, die Anstalt mit dem gleichen Einsatz weiterzuführen. Danach standen die Gebäude lange Zeit leer. Das Lehrerhaus diente vermutlich seit 1848 als Wohnhaus. Im Schulareal richtete der Kanton 1884 sein Lehrerseminar ein. 1997 fand die Umwandlung zum heutigen Gymnasium statt.

Gemeinsam anpacken

Seit bald 40 Jahren verwaltet nun die jetzige Eigentümergemeinschaft das Lehrerhaus. 1980 kaufte sie das Haus und renovierte es rundum. Doch damit war die Arbeit nicht getan. Die Bewohner organisieren sich in verschiedenen Arbeitsgruppen, die gemeinsam im und ums Haus anpacken.

«Ausserdem haben wir mehrere Arbeitstage pro Jahr, an denen das ganze Haus Arbeiten erledigt», sagt Peter Brand. Jedermanns Sache ist diese Verbundenheit mit dem eigenen Wohnraum und den Nachbarn nicht. Auch Brand sagt: «Eine solche Wohnform ist nicht alltäglich. Man muss sie bewusst wollen.» Genau wie vor 200 Jahren sind es die Bewohner und nicht etwa die Fassade, die dem Lehrerhaus seinen einzigartigen Charakter verleihen.

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