Massenexodus am Zieglerspital

Bern

Das Ausmass der Kündigungswelle beim Stadtspital Ziegler ist viel grösser als geahnt: Von 464 Mitarbeitenden haben 150 gekündigt. Zwei Drittel davon gehen vom öffentlichen Spital zur Privatklinik Siloah.

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Mischa Aebi@sonntagszeitung

Die Spital Netz Bern AG (SNB), Betreiberin des Zieglerspitals, wollte Ärzte, Pflegerinnen und Therapeuten behalten. Die Mitarbeitenden hätten nach der Schliessung des Spitals in das Tiefenauspital umziehen sollen. Dort werden neue Kapazitäten geschaffen. Einige wären in anderen Spitälern der SNB angestellt worden. Die Schliessung des Zieglerspitals erfolgt etappenweise bis September. Im März hatte Holger Baumann, CEO der fusionierten Berner Spitäler, betont, es sei wichtig, solche Entscheide rasch umzusetzen, «weil sonst qualifizierte Mitarbeitende das Unternehmen verlassen».

Doch dann liefen sie davon

Baumanns Theorie ging in der Praxis nicht auf: In den letzten Monaten hat diese Zeitung bereits berichtet, dass Ärzte des Zieglerspitals der Spitalorganisation SNB teamweise den Rücken kehren. Nun zeigen Recherchen die tatsächliche Dimension der Kündigungswelle: Von den 464 Mitarbeitenden des Zieglerspitals hatten 150 in diesem Frühjahr genug von den Turbulenzen bei den öffentlichen Berner Spitälern und kündigten.

SNB-Sprecher Markus Hächler bestätigt dies. Die Gründe für die Kündigungen seien «individuell verschieden», wobei «der Veränderungsprozess eine wichtige und von uns auch so erwartete Rolle» spiele, teilt Hächler auf Anfrage mit. «Natürlich bedauern wir jeden Abgang eines fachlich und menschlich kompetenten Mitarbeitenden ausserordentlich.»

Weg in die Privatklinik

Die Hauptmarschrichtung des Massenexodus ist offensichtlich: Die meisten Ärzte, Pflegefachleute und Therapeutinnen und Therapeuten, die im Zieglerspital gekündigt haben, fanden eine neue Stelle bei der kleinen Privatklinik Siloah in Gümligen. Das bestätigt eine Umfrage bei den Berner Privatspitälern.

Während die Lindenhof- und auch die Hirslanden-Gruppe «keine auffallenden Zahlen» an Bewerbungen von Ärzten und Pflegenden verzeichnen, kann die Siloah exakte Zahlen nennen: Bei 105 Mitarbeitenden des Zieglerspitals sei sicher, dass sie künftig bei der Siloah arbeiten: «Sie haben alle Arbeitsverträge bei uns unterzeichnet», sagt Siloah-Direktor Thomas Mattmann. In welche Spitäler die restlichen 45 Mitarbeitenden gehen, die gekündigt haben, ist nicht bekannt.

Bald die Hälfte weg?

Bei den 150 Kündigungen wird es nicht bleiben. Mit über 30 weiteren Mitarbeitenden des Zieglers steht die Siloah noch in Vertragsverhandlungen. Das betrifft Personal der Orthopädieabteilung. Voraussichtlich wird laut Mattmann auch von dieser rund 50 Mitarbeiter zählenden Abteilung ein guter Teil in die Klinik Siloah in Gümligen wechseln. Wenn – konservativ gerechnet – 30 von ihnen tatsächlich künden, steigt die Zahl der Kündigungen beim Ziegler auf 180. Das sind fast 40 Prozent der Belegschaft.

50 Pflegende

Die SNB ist für den Personalchef der Klinik Siloah ein Selbstbedienungsladen für Spitalpersonal aller Bereiche geworden: Unter den 105 Angestellten, die sicher zur Privatklinik in Gümligen gehen, befinden sich 20 Ärzte aus dem Bereich der Geriatrie, über 50 Pflegefachleute und mehrere Sekretariatsangestellte. Auch die 17 Physiotherapeutinnen des Zieglers wechseln laut Mattmann geschlossen in die Klinik Siloah.

Privatklinik expandiert

Das kleine Privatspital südöstlich von Bern hat eine veritable Expansionsstrategie. Bald wird ein neues Hauptgebäude fertig sein. Gleichzeitig wird die Zahl der Ärzte, Pfleger und Therapeuten des Siloah um gut 50 Prozent aufgestockt. Ab kommendem Jahr wird die Privatklinik – gemessen an der Zahl der Mitarbeiter – grösser sein als das alte Zieglerspital: 2014 beschäftigte die Siloah noch 360 Mitarbeitende – Ende 2015 werden es gemäss CEO Mattmanns Businessplan 550 sein.

Heute schon Millionendefizit

Wie stark die Massenkündigungen die Geschäftsführer von Spital Netz Bern AG und Inselspital unter dem Strich schmerzt, ist schwierig abzuschätzen. Fakt ist: Der Exodus der Chef- und Oberärzte bei der SNB hat bereits vor zwei Jahren begonnen. Mittlerweile mussten 90 Prozent aller Kaderärzte der beiden Stadtspitäler Ziegler und Tiefenau ersetzt werden. Bei vielen Spezialisten ist die sogenannte Zuweiserkultur ausgeprägt. Das heisst, die Spezialisten leben davon, dass Hausärzte, mit welchen sie eng zusammenarbeiten, ihnen die Patienten zuweisen. Wenn ein Chefarzt in ein privates Spital wechselt, schicken «seine» Hausärzte die Patienten ins neue Spital.

Durch die Abgänge entgingen der SNB in den vergangenen zwei Jahren bereits Millionen. Das zeigt unter anderem der Geschäftsbericht 2014 . Die Patientenzahlen der SNB sind stark rückläufig, und die im Eigentum des Kantons Bern stehende SNB AG schrieb ein grosses Defizit von 15 Millionen Franken bei einem Umsatz von 280 Millionen. Die Folgen der aktuell viel umfangreicheren Abgänge werden sich erst in den Geschäftsberichten der Folgejahre widerspiegeln.

Insel soll es richten

Andererseits ist der Zusammenschluss des Inselspitals mit der SNB geplant. Die Insel schreibt schwarze Zahlen. Das gemeinsame Management von Insel und SNB macht die Mischrechnung schon heute: Der Gewinn des Universitätspitals wiegt das Defizit der SNB-Spitäler auf. Nach dem Zusammenschluss der Spitäler der SNB und des Universitätspitals wird ein neues Spital mit Konzerngrösse entstehen. Das Management ist überzeugt, dass dieses in der Entstehung begriffene schweizweit grösste Spital rentabler betrieben werden kann.

Berner Zeitung

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