Massage, Mittagessen und Medaillen

Im Sulgenauquartier ist die erfolgreichste App-Agentur der Schweiz angesiedelt. Till Könneker, einer der Gründer,hat allerdings nicht nur die Applikationen im Kopf.

Bern oder Silicon Valley? Bei Apps with Love hält man grosse Stücke auf eine gesunde Firmenkultur. Video: Claudia Salzmann
Claudia Salzmann@C_L_A

Eine Melodie ertönt, alle verstummen. Feierlich erhebt Till Könneker die Stimme, alle wissen, was kommt: «Lieber Stefan, wir danken dir für deine affengeile Arbeit.» Und überreicht dem Mitarbeiter eine Medaille und 100 Franken Zustupf. Alle klatschen kurz, dann geht die Sitzung weiter.

Es ist Dienstag kurz vor Mittag, im Raum sitzt das Team der erfolgreichsten App-Firma der Schweiz, Apps with Love. Alles funktioniert hier ein bisschen anders, privater, lockerer, und Motivationsspritzen gibt es in Form von Medaillen aus dem 3-D-Drucker. «Wir arbeiten auf eine natürliche Art, doch am Schluss arbeiten auch wir und müssen Geld verdienen», relativiert Könneker.

Till Könneker ist einer der 30 Kreativköpfe bei Apps with Love. Fotos: Nicole Philipp

Der studierte Grafiker gründete 2010 das Unternehmen mit Beni Hirt, Stephan Klaus und Olivier Oswald. «Das Potenzial von Apps, die immer nahe beim Menschen sind, war uns schnell bewusst», sagt Könneker. Die Idee reifte in Klaus’ Wohnzimmer. Gross wurden sie in ihrem ersten Büro beim Kornhausplatz, zogen bald in die Lorraine um, wo sie eine «heisse Phase» mit schnellem Wachstum durchmachten. «Damals lebten wir innen nicht mehr das, was wir gegen aussen sagten», erinnert sich Könneker.

«Immer mehr Bürokratie kam dazu.» Deshalb schafften sie die klassische Hierarchie und damit die Geschäftsleitung ab und trennten sich von einem Gründungsmitglied. Ihr Büro befindet sich heute im Sulgenauquartier. Vor einem Jahr wandelten sie ihre GmbH in eine AG um. Aktien halten die drei Gründer und verkaufen diese nur an Mitarbeiter. Wer drei Jahre hier arbeitet, bekommt eine geschenkt.

An der Teamsitzung klären die Anwesenden kurz auf, was im Verkauf, in der Kommunikation und der Entwicklung ansteht. Immer wieder fallen bekannte Unternehmernamen, die bei ihnen eine App in Auftrag gegeben haben. «Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir nicht akquirieren müssen, sondern die Aufträge wählen, die zu uns passen», wird Könneker später sagen. Jeder habe seine Meinung, aber er persönlich lehnt Aufträge aus der Rüstungsindustrie ab. «Doch wir schauen genau hin, worum es geht. So haben wir für die Armee eine App zum Thema Flugsicherheit produziert.»

Inspiration nicht von Google

Im Hauptraum stehen nebst den Tischen und dick gepolsterten Gamersesseln ein Tischfussballtisch, ein Pingpongtisch, ein Dartbrett. Ein Gameboy mit dem «Tetris»-Spiel liegt auf dem Bartresen, daneben eine Kapselpistole, deren Duft an Kindertage erinnert. In Fokusräume ziehen sich Projektgruppen zurück, um in Ruhe das Vorgehen zu besprechen. Ein Raum wurde als Green Room eingerichtet, mit Holzschnitzeln am Boden, vielen Pflanzen und Liegestühlen.

An der Temsitzung fallen immer wieder Namen von bekannten Unternehmern, welche bei der Agentur eine App in Aufgrag gegeben haben.

Natürlich denkt man ans Silicon Valley und seine wohnlichen Büros. Internetriesen wie Google nutzten das als Werbung, und deren Angestellte seien sehr kontrolliert in einem angeblich freien Umfeld, so Könneker. «Diesen Vergleich hören wir oft, aber das hat null mit uns zu tun und hat uns auch nicht inspiriert.» Man unterscheide sich von anderen, weil man sich intensiv um die Kultur kümmere.

Das Büro sei nicht zu repräsentativen Zwecken da, sondern jeder dürfe mitbestimmen und -gestalten. «Wir reden viel zusammen. Würden wir weniger reden, könnten wir mehr Geld verdienen», sagt der 38-Jährige und lacht. Aber wichtiger sei ihnen, dass man gemeinsam zufrieden sei, schliesslich verbringe man die Hälfte des Lebens zusammen. Damit werde automatisch auch das Produkt besser.

Das Team ist jung, die Männer tragen Bart und Brille, studierten Interaction Design oder Game Design, andere sind Programmierer, Projektleiter und Psychologen. Der Frauenanteil betrage ein Drittel. Insgesamt sind 30 Personen hier in Bern angestellt, gerade wurde in Basel ein zweites Büro eröffnet, und weltweit sind 50 Leute mit Programmierung und Testen der Apps beschäftigt.

Nicht in Indien, sondern «nearshore» wie in Polen. «Wir machen das nicht nur wegen der Kosten, sondern auch wegen des Know-how», sagt Könneker. Jede App wird während der Entwicklung auf jedem Smartphone-Modell und jedem Betriebssystem getestet. Die unzähligen Geräte im Gestell zeigen die Palette der Geräte, die derzeit auf dem Markt sind.

Gegen 40 Auszeichnungen

Während der Teamsitzung tippt einer auf seinem Laptop weiter, ein anderer simst, jemand schaut ein Kundengeschenk an, eine Schachtel polnische Pralinés macht die Runde, und am Fenster haben es sich die Leute auf Sitzsäcken bequem gemacht. «Vor unseren Kunden sind die Mitarbeiter die Könige. Sind sie zufrieden, wird es auch der Kunde sein», sagt Könneker. Die meisten arbeiten Teilzeit, mit sechs Wochen Ferien, Bonus wird mehrmals im Jahr ausbezahlt, wenn es dem Unternehmen gut geht. Einmal die Woche kommt eine Masseurin.

Ein Raum wurde als Green Room eingerichtet, mit Holzschnitzeln am Boden, vielen Pflanzen und Liegestühlen.

Vor zwei Jahren führte Till Könneker ein transparentes Lohnmodell ein, das auf einen Grundlohn die Ausbildung, Erfahrung, Treue und andere Faktoren mehr berücksichtigt. Wichtig sei, dass die Kriterien fair und transparent sind. «Denn so werden Lohnverhandlungen überflüssig, und die Mitarbeiter werden entlastet», sagt er. Widerstand habe es schon gegeben, weil einige Angst hatten, Geld zu verlieren. Das sei allerdings bei niemandem der Fall gewesen. Seine Leidenschaft sei, das Unternehmen weiterzuentwickeln und damit vielleicht auch andere zu inspirieren.

«Wir fördern das Spielen aktiv, weil es die Arbeit besser macht.»Till Könneker, Creative Director und Mitgründer von Apps with Love

Langsam dringt der Duft von Essen ins Sitzungszimmer, verursacht von Oliver Brand, der jeden Dienstag fürs Team kocht. Kurz nach der Sitzung erklingt sein Zeichen, und man sputet sich, um Wartezeit zu verringern. Es gibt Piccata, für Omnivoren mit Schweinefleisch und für Veganer mit Tofu und Aubergine. Alle setzen sich in den Raum beim Eingang, wo ein Flipperkasten vor sich hin bimmelt.

Die Wand ist tapeziert mit den fast 40 Auszeichnungen. Kürzlich wurde Apps with Love in Deutschland mit dem German Design Award ausgezeichnet, in der Schweiz von Best of Swiss Apps dreimal in Folge als erfolgreichste App-Agentur gekürt. Damit behauptet sich ein Berner Unternehmen in einer Branche, die primär in Zürich angesiedelt ist. «Wir haben dieses Konkurrenzdenken nicht, sondern arbeiten mit App-Unternehmen aus der ganzen Schweiz zusammen», relativiert Könneker.

Verdauend töggele

Zur Kundschaft gehören primär Unternehmen wie SBB, Mobiliar, BEA, Bern Welcome oder Migros. «Nicht jede App muss rentieren. Gerade machen wir bei einem Kinderbuch mit, bei dem wir wohl nichts verdienen werden.» Alle im Team können in sogenannten Boards mitbestimmen, welche Aufträge man annehme. So wissen die Entwickler, was die Verkäufer im Köcher haben. «Lustigerweise ist dieses Board nun nicht mehr so voll, weil man weiss, dass man partizipieren könnte», so Könneker.

Kürzlich wurde Apps with Love in Deutschland mit dem German Design Award ausgezeichnet, in der Schweiz von Best of Swiss Apps dreimal in Folge als erfolgreichste App-Agentur gekürt.

Zweimal die Woche löst ein Zufallsgenerator eine Melodie aus, die das Team erinnert, wieder zu spielen. Das Spielen werde aktiv gefördert, weil dies für Geist und Körper wichtig sei. «Man steht kurz auf und kommt teamübergreifend zusammen. Es ist keine Zeitverschwendung, sondern macht die Arbeit besser», sagt Könneker. Heute ist diese Melodie nicht nötig, kaum dass sie gegessen haben, stehen schon vier Männer am Tischfussballtisch und liefern sich einen Match. «Ich tauge nur als Goalie», sagt Könneker und schaut kurz beim Match zu, bevor er in seinen Gamersessel versinkt und weiterarbeitet.

Berner Zeitung

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