Markus und der Zytglogge

Bern

Drei mal die Woche richtet er die Uhr im Zytglogge. Markus Marti kümmert sich seit 40 Jahren um Berns Wahrzeichen, hat über den Turm geforscht und drei Bücher darüber geschrieben.

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Markus Marti dreht den Schlüssel bei der Tür am Zytglogge. Er achtet darauf, dass sie hinter ihm ins Schloss fällt, denn ungebetene Besucher mag er nicht im Glockenturm suchen. Der 74-Jährige geht die Wendeltreppe hoch, kommt etwas ausser Atem. Kein Wunder, bei den steilen Stufen. Im ersten Geschoss stösst er die schwere Tür zur Uhrwerkkammer auf. Seit 40 Jahren zieht Marti dreimal die Woche die Zytglogge-Uhr auf. Die Wochentage teilen sich ein Uhrmacher und die Münsterturmwartin auf. Denn nach 29 Stunden würde sie einfach stehen bleiben. Freitag, Samstag und Sonntag sind Martis Tage. Zwischen 17 bis 19 Uhr geht er hin, um die Gewichte wieder hochzuziehen. «Das ist kein Nasenwasser, ich chrampfe dafür ungefähr eine Viertelstunde», erzählt er. Um das zu demonstrieren, lässt er bei Führungen auch mal einen Teilnehmer mit anpacken.

Heute geht die Uhr 10 Sekunden vor, das hat Marti schon daheim in seiner Wohnung in der Kramgasse gehört. Es schlägt Viertel vor, er blickt auf seine Armbanduhr, ohne die er nie aus dem Haus geht. Beim Stundenschlag zählt er die Sekunden, danach hält er das Pendel so lange an, bis alles wieder stimmt. Die mechanische Monumentaluhr reagiert auf Temperaturen, man könnte gar behaupten, dass sie lebt. Die Stange des Pendels verlängert sich im Sommer oder verkürzt sich im Winter und wird deshalb zu schnell oder zu langsam. «Nach dem Hitzesommer sind die Mauern noch immer aufgeheizt, und es bleibt noch zwei, drei Wochen gleich warm.»

Trotz seines Alters denkt er nicht ans Aufhören, auch nicht im letzten halben Jahr, als ihn der Rücken plagte, und noch weniger, seit die Schmerzen wieder weg sind. Sein Berufsleben verbrachte er in der Telecombranche, bis er sich 2001 selbstständig machte. Zum Nebenjob des Uhrrichters kam er während seiner Zeit als Fernmeldeingenieur bei der Firma Hasler, deren Tochter­firma alle städtischen Uhren betreute.

43 Jahre in der Altstadt

Auch privat erlebt er eine auf­regende Zeit: Derzeit lebt er zwischen Umzugskartons. Seine Frau Ursula und er tauschen die Wohnung, wo ihre beiden Kinder aufwuchsen, mit einer kleineren weiter oben in der Kramgasse. Beim Umzug musste er auch seine Uhrliteratur und die 30 Uhren verpacken, die er noch flicken möchte. Es kam ihm auch eine Zeitungsausgabe des «Tagblatts für die Stadt Bern» in die Finger, von dessen Titelseite ein 20 Jahre jüngerer Markus Marti mit seiner Tochter lächelt. Seit 43 Jahren ist die untere Altstadt sein Daheim. Trinkt er im Eichenberger Kaffee, grüsst ihn der Pöstler mit Namen, die Touristenführer winken ihm alle zu, wenn er sie passiert. Aufgewachsen ist er in einem Bauerndorf, doch er ist ein Fan der Stadt Bern. «Ursula und ich wünschten immer, in der Altstadt wohnen zu können», gesteht er. Die Kinder gingen in der Matte in die Schule, sein Sohn wohnt heute im Kirchenfeldquartier, seine Tochter in Helsinki. «Und durch den Umzug bin ich noch näher am Zytglogge», sagt er.

Als er für seinen Beruf viel reisen musste, war das Uhrstellen oft nebensächlich. Jahrelang war es ruhig um den Zytglogge, nicht so im Jahr 2018: Im Frühling wurden das Astrolabium und das Figurenspiel abmontiert und restauriert. Den Mechanikern und den Restauratoren stand Marti mit Tipps zur Seite. Die letzte solche Renovation wurde vor über 30 Jahren durchgeführt. «Damals, 1981, war ich jedoch neu und verstand noch nicht so viel von Uhren», sagt Marti. Nach der Demontage im März habe sich der Zytglogge für Marti leer an­gefühlt. Einen Vorteil hatten die Restaurationsarbeiten jedoch: Für einmal konnte Marti das Astrolabium aus nächster Nähe betrachten. Just zu Martis 40-Jahr-Jubiläum im Sommer war alles wieder in Bern montiert, in strahlenden Farben, die Marti allerdings mit etwas Patina besser gefallen.

Freunde vergessen

Wie viele der Figuren noch Originale sind, ist nicht bekannt, Markus Marti schätzt, zwei der insgesamt sieben Bären. Die Figur Chronos, den man auch dem Herrscher der Zeit nennt, ist Martis Liebling und auch die wichtigste Figur des Zytgloggeturms. Denn Chronos überblickt die Zeit und kommandiert den Stundenschlag, indem er die Sanduhr dreht und das Kommando mit dem Zepter gibt. Somit würde ohne Chronos nichts laufen. Damit hat er etwas mit Markus Marti gemein.

Der Turm hatte viele Funktionen, als Wehrturm, als einziges Stadttor, als Gefängnis und ab 1405 als Uhrturm, mit einer der ersten astronomischen Monumentaluhren in Mitteleuropa. In den Jahrzehnten sammelte Marti viel Wissen über Berns Wahrzeichen an, welches er in drei Büchern publizierte. Beim Buch übers Astrolabium sei er einmal so vertieft gewesen, dass er die Zeit komplett vergessen habe. «Und auch ein abgemachtes Treffen mit Freunden», erinnert er sich. So einiges bleibt um den Zytglogge ein Geheimnis, auch wer das Astrolabium nach dem Stadtbrand 1405 gebaut habt, ist nicht bekannt. Marti mutmasst, dass es entweder Konrad Justinger oder Claus Gutsch war, bewiesen ist nichts.

Für Touristen ist es ein Anziehungspunkt, eines der grossen Wahrzeichen. Berner hätten das Gefühl, beim Spiel passiere nichts, ausser dass sich die Bären drehen und der Narr sich bewegt, so Marti. Gerade am Mittag kämen viele Menschen hierhin und erfreuen sich an dem Spiel. «Ich stelle mir manchmal vor, was wäre, wenn plötzlich nichts passieren würde. Das wäre mir peinlich», sagt er. Jetzt schlägt die Uhr 12 Uhr, er blickt kurz durch das Fensterchen auf die grosse Gruppe Touristen, die zum Figurenspiel emporschaut. Viele zücken ihr Handy, als Hans von Tann anfängt zu schlagen. Marti hat sich abgewendet, blickt auf seine Armbanduhr, zählt innerlich mit und nickt zufrieden.

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