Luzerner Mechaniker flicken Löwe, Bär und Chronos

Bern/Büron

Der Zytglogge wird derzeit renoviert. Deshalb wurden das Figurenspiel und das Astrolabium nach ­Büron gebracht. Ein Besuch mit Zytglogge-Uhrrichter Markus Marti in der Werkstatt von Muribaer.

Ein Einblick in die Werkstattarbeiten in Büron. Video: Claudia Salzmann
Claudia Salzmann@C_L_A

Alois Crtalic und Markus Marti stehen vor dem Astrolabium, Marti kramt eine Lupe aus seiner Jacke und inspiziert ein Zahnrad aus dem Tierkreisgetriebe. «Man sieht zwar, auf welche Seite es dreht, aber die Abnutzung ist nicht gross», meint der 74-jährige Berner. Crtalic zeigt ihm die Feilspuren, und beide begutachten das Zahnrad. Dann fachsimpeln sie über das Alter des Tierkreises. Marti behauptet, dieses sei nicht aus dem Jahr 1405, Crtalic glaubt ihm nicht. Auf einem Werktisch neben ihnen stehen der Hahn, der Narr und zwei dreckige Glocken. Noch sind die Bestandteile des Zytglogge von der Zeit gezeichnet, doch in Büron sind sie in guten Händen: Sie werden bei der Firma Muribaer renoviert.

Alois Crtalic ist eigentlich pensioniert, doch der 70-Jährige wurde für diese Renovation aus dem Ruhestand zurückgeholt. Er steht mit seinem Wissen Jeremias Wicki (30) zur Seite. Jeder Arbeitsschritt muss dokumentiert werden, denn Pläne, wie was zusammengeschraubt werden muss, existieren keine. «Es ist ein Höhepunkt meines Lebens, das Astrolabium renovieren zu dürfen», sagt Crtalic. Auch Wicki sagt: «Es ist etwas Einmaliges und eine Ehre.»

Risse am Turm

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Ein spezieller Moment ist der Werkstattbesuch auch für Markus Marti. Er ist seit 1978 Zytglogge-Uhrrichter. In dieser Zeit wurde erst einmal eine solche Renovation durchgeführt, und das ist über dreissig Jahre her. «1981 war ich neu und verstand noch nicht so viel», sagt Marti. Seit das Astrolabium und das Figurenspiel Anfang März abmontiert worden seien, fühle sich der Zytglogge etwas leer an. «Weil man einiges nicht zeigen kann, versuche ich, Führungen bis Sommer zu verschieben», sagt Marti. Das Astrolabium aus dieser Nähe betrachten zu können, sei spannend. Normalerweise sieht er alles nur von der Strasse unten, aus der Perspektive, wie auch Touristen das Spiel betrachten. «Es ist spannend, die Einzelteile zu sehen und den Zustand der Teile zu beurteilen», sagt Marti. Alles sei erstaunlich gut beieinander, findet er.

Just zu Martis 40. Jubiläum im Sommer sollte alles wieder in Bern sein, doch Marti glaubt noch nicht daran. Am Turm selber seien Risse entdeckt und schon geflickt worden. Auch an der Mechanik der Figuren, die man erst jetzt richtig untersuchen könne, sei einiges entdeckt worden. Vor der Demontage konnte man nur äusserlich den Zustand beurteilen, erst jetzt könne man sehen, ob die Zeit daran genagt habe und wie gross die Abnutzung sei. «Bis in drei Wochen sollten wir fertig sein, danach wird alles nach Bern zum Restaurateur gebracht», sagt Mechaniker Wicki.

Wehmut und Ehrfurcht

Die drei Männer diskutieren über jede Figur, die hier ist. Über den Hahn, dessen Flügel nicht zu weit aufspannen dürfen, damit er nicht die Wand berührt. Über einen der Bären, der als Einziger Mechanik im Bauch trage. Über den Löwen, der bereits repariert, verpackt und versandfertig ist.

Wie viele der Figuren noch original sind, ist nicht bekannt. Marti schätzt, zwei der insgesamt sieben Bären. Wer die Figuren berührt, könnte meinen, dass sie ­gegossen sind, so glatt ist die Oberfläche. Doch sie sind aus Holz und mit viel Liebe zum Detail gefertigt. Und werden von allen mit Ehrfurcht berührt. «Unglaublich, dass diese Arbeiten von damals auch heute noch halten», sagt Jeremias Wicki. Fasziniert blickt auch Anastasius Hartmann, Geschäftsleiter von Muribaer, den drei Experten über die Schulter. «Ich bin fast wehmütig, dass ich nicht selber gleich ins Überkleid steigen kann», sagt der 47-Jährige. Bei der letzten kleineren Renovation der Uhr und derjenigen der Figur Hans von Tann legte er noch selber Hand an.

Chronos ist der Chef

Die Figur Chronos, den man auch den Gott der Zeit nennt, steht auf der Werkbank und hat den Überblick über die Werkstatt. Seine Hand, die die Sanduhr trägt, liegt abgetrennt daneben. Martis Lieblingsfigur ist auch die wichtigste Figur des Zytgloggeturms, denn Chronos überblickt die Zeit und kommandiert den Stundenschlag, indem er die Sanduhr dreht und das Kommando mit dem Zepter gibt.

Somit würde ohne Chronos nichts laufen. Und auch ohne Markus Marti nicht. «Es ist schön, dass man den Zytglogge nicht elektrifiziert hat und ich die Uhr noch von Hand aufziehen darf», sagt Marti. Über all die Jahre ist der Zytglogge ihm ans Herz gewachsen. «Jeden Tag blicken Hunderte von Leuten hoch. Und wenn das Spiel nicht funktionieren würde, kann ich mir vorstellen, wie enttäuscht man wäre.»

Nach anderthalb Stunden verabschiedet sich Marti. «Eigentlich hätte ich gehofft, noch etwas mehr über den Ursprung der Uhr zu erfahren», sagt Marti. Auch wer das Astrolabium nach dem Stadtbrand 1405 gebaut habe, sei nicht bekannt. Marti mutmasst, dass es entweder Konrad Justinger oder Claus Gutsch war, bewiesen ist nichts. In den Jahrzehnten sammelte Marti viel Wissen über Berns Wahrzeichen an, welches er in zwei Büchern festhielt und publizierte. «Aber vieles bleibt ein Geheimnis», sagt er.

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