Luxuslogen in der Altstadt

Bern

Finanzdirektor Alexandre Schmidt wollte in einem Altstadthaus in Bern möblierte Wohnungen für Geschäftsleute einrichten. Kritiker aus dem Stadtrat reagieren scharf: Solche Apartments verdrängen klassischen Wohnraum.

Im Morellhaus an der Ecke Postgasse/Postgasshalde waren Businessapartments geplant.

Im Morellhaus an der Ecke Postgasse/Postgasshalde waren Businessapartments geplant.

(Bild: Stefan Anderegg)

Christoph Hämmann

Möblierte Wohnungen auf Zeit boomen – auch in Bern. Manche Gäste, insbesondere Geschäftsleute während eines längeren Aufenthalts, kommen lieber in einem Apartment mit hotelähnlichen Leistungen als in einem Hotel unter. Da es sich bei ihnen um eine zahlungskräftige Klientel handelt, winken den Vermietern hohe Einnahmen.

Was Mieter und Vermieter freut, kann ein Quartier negativ beeinflussen: Businessapartments heizen den Wohnungsmarkt an, und ihre temporären Bewohner werden sich kaum für das soziale und kulturelle Leben engagieren, sagen Kritiker. Kommt hinzu, dass die Gäste auf Zeit ihre Steuern woanders bezahlen.

Das alles hat Finanzdirektor Alexandre Schmidt (FDP) nicht davon abgehalten, in einer städtischen Liegenschaft solche Apartments einrichten zu wollen. Vorgesehen waren 14 Einzelzimmer oder Kleinwohnungen im zu einem «Zuhause auf Zeit» umgenutzten Morellhaus.

Das Patrizierhaus an der Postgasse 14 gehört seit 1861 der Stadt und beherbergt noch bis Ende Jahr das Ratssekretariat. Weil es als Verwaltungsgebäude ungeeignet ist, soll es künftig anders genutzt werden.

«Attraktivere Altstadt»

Am 28. August unterzeichnete Schmidt den Antrag an die Betriebskommission des Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik zur künftigen Nutzung des Morellhauses. Das Papier liegt dieser Zeitung vor. Darin werden zwei Varianten skizziert, allerdings mit klarer Präferenz: Immobilien Stadt Bern (ISB) favorisiert Businessapartments.

Mit der Einrichtung eines «Zuhauses auf Zeit» realisiere die Stadt ein «Prestigeobjekt», heisst es im Antrag. Das bedeute eine «gute Reputation für den Fonds mit neuem trendigem Angebot im aufstrebenden Markt für zeitlich befristetes Wohnen», und es führe zu einer «Attraktivitätssteigerung der unteren Altstadt».

Bevor die Betriebskommission über den Antrag entschied, war die Zukunft des Morellhauses auch im Stadtparlament ein Thema – pikanterweise einen Tag vor der Sitzung der Kommission. Wegen der neuen Nutzung übertrug das Parlament das Haus vom Verwaltungs- ins Finanzvermögen der Stadt.

Im Vortrag des Gemeinderats war als denkbare Nutzungsvariante unter anderem ein «Musik-, Kultur-, Studenten-, Alten-, Mehrgenerationenhaus mit integrierter Wohnnutzung» aufgelistet.

Davon steht jedoch weder eine Silbe in Schmidts Antrag an den Fonds, noch hielt es der Finanzdirektor für nötig, das Parlament über die wirklichen Pläne zu informieren. Im Morellhaus würden «vermutlich Wohnungen entstehen», sagte Schmidt bloss.

«Profitorientierte Politik»

Hätte Schmidt präzisiert, dass es um Wohnungen auf Zeit geht, wäre ihm diese Idee im rot-grün dominierten Stadtrat um die Ohren gehauen worden. «Solche Häuser verdrängen den klassischen Wohnraum», sagt etwa GB-Präsidentin und Stadträtin Stéphanie Penher. «Es ist ein fatales Zeichen an die übrigen Liegenschaftsbesitzer, wenn die Stadt auf diesen Trend einsteigt.»

GPB-DA-Stadtrat Luzius Theiler kritisiert die «rein profitorientierte Politik der Finanzdirektion». Es habe eine verheerende symbolische Bedeutung, wenn die Stadt im Segment der Wohnungen auf Zeit mitmische, findet auch Theiler. «Das Gemeinwesen hat eine Vorbildfunktion.»

Ende August reichte Theiler eine auch von Parlamentsmitgliedern der SP und von Mitte-Parteien unterzeichnete Motion ein, mit der die «Zweckentfremdung von Wohnraum in der Altstadt» bekämpft werden soll.

Zuvor hatte der «Bund» über zahlreiche Businessapartments berichtet, die in Bern inzwischen angeboten werden. Eine nicht speziell geräumige Dreizimmerwohnung koste da schon mal 4650 Franken im Monat, hiess es.

Im Artikel kritisierten Vertreter von Altstadtleisten diese Entwicklung. «Wenn es so weitergeht, wird das Quartier immer anonymer und stirbt», sagte Stefanie Anliker, Präsidentin der Vereinigten Altstadtleiste.

Günstig?: 4,5 Millionen

Mit kritischen Fragen zu seinem Antrag konfrontiert, verweist Gemeinderat Schmidt auf das Kommissionsgeheimnis – und auf die noch unpublizierte Antwort des Gemeinderats auf einen Vorstoss von Stéphanie Penher. Daraus geht hervor, dass Schmidt in der Betriebskommission des Fonds eine Abfuhr erlitten hat. Das Mehrgenerationenhaus etwa, das im Antrag fehlte, sei «durchaus denkbar», heisst es nun.

Grundsätzlich hat die Kommission entschieden, das Haus sanft zu sanieren und eine Architektin oder einen Architekten «mit Referenzen im günstigen Wohnungsbau» damit zu betrauen.

Stutzig machen vor diesem Hintergrund allerdings die von Schmidts Direktion auf 4,5 Millionen geschätzten Baukosten. Sie finde die Kosten hoch, sagt Penher, die in ihrer Motion günstigen Wohnraum im Morellhaus fordert. Sie will nun ihrerseits Architekten kontaktieren, die Erfahrung haben in der kostenbewussten Sanierung von Altstadtliegenschaften.

Berner Zeitung

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