Lust auf Arbeit!

Arbeitnehmer getrauen sich häufiger, selbstständig zu werden. Dabei verschmelzen Arbeit und Freizeit. Aber Stress, sagt der Berner Autor Mathias Morgenthaler, sei nicht eine Frage der Anzahl Wochenarbeitsstunden.

Werkstatt des Digitalzeitalters. Moderne, flexible Arbeiterinnen und Arbeiter pflegen ihr Business im Berner Co-Working-Space Effinger am Laptop.

Werkstatt des Digitalzeitalters. Moderne, flexible Arbeiterinnen und Arbeiter pflegen ihr Business im Berner Co-Working-Space Effinger am Laptop. Bild: Urs Baumann

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Wie sich unternehmerischer ­Erfolg anfühlt, weiss Mathias Morgenthaler spätestens seit vorletzter Woche aus eigener Erfahrung. Der «Bund»-Journalist und Buchautor hat in den letzten fast zwanzig Jahren Hunderte von Menschen interviewt über ihre Arbeit und wie sie ihr Lebensgefühl beeinflusst, die Gespräche erscheinen jeden Samstag auf dem Stellenanzeiger und im Blog «Beruf + Berufung». Nebenbei führt Morgenthaler seine eigene Firma Wortwirkung, er bietet Coachings an, und am vorletzten Dienstag trat er erstmals mit einer eigenen Veranstaltung auf den Markt.

«Selbstständigkeit – Traum oder Albtraum?», fragte er an seinem ersten Berufungs-Forum, das er im Co-Working-Space Innovationsdorf in der ehemaligen Wifag im Berner Wylerquartier abhielt. «Ich trug die Idee fast zwei Jahre mit mir herum, umsetzen konnte ich sie erst, als ich mit dem Berater und Coach Matti Straub den richtigen Partner dafür fand», sagt Morgenthaler.

Die neue Entspanntheit

Er hoffte, 20 oder 30 Leute anzusprechen, schliesslich kamen 130, mehrere Interessenten mussten aus Platzmangel abgewiesen werden. Nach dem erfolgreichen Event erhielt Morgenthaler Dutzende Dankesmails und Anregungen, weitere Veranstaltungen aufzugleisen. Er denkt kaum noch daran, wie viele Stunden er für diesen Anlass hinter dem Computer verbracht hat. «Wenn Leute ihre Arbeit mit innerem Feuer angehen», sagt er, «unterscheiden sie nicht mehr so stark zwischen Arbeit und Freizeit.»

Was Morgenthaler bei seinem eigenen kleinen unternehmerischen Starterfolg erlebt, ist typisch für die neue Entspanntheit, mit der sich Leute heute in die wirtschaftliche Selbstständigkeit getrauen. Während der Entscheid, zum Unternehmer zu werden, noch vor ein paar Jahren ein todesmutiger, irreversibler Radikalschritt war, bei dem man vor allem die Risiken sah, wird man heute im Freundeskreis wie selbstverständlich bestärkt, es mit einer Businessidee doch mal zu versuchen. «Der Schritt in die Selbstständigkeit kann auch ein Weg sein, einmal im Leben etwas zu wagen», sagt Morgenthaler.

Der Andrang an seinem Berner Berufungs-Forum zeigt, wie viele Leute diesen Wunsch mit sich ­herumtragen. In seinen Gesprächen stösst Morgenthaler oft auf eine bestimmte mentale Konstellation: Im vermeintlich sicheren Angestelltendasein grosser Firmen ist es oft gar nicht möglich, Eigeninitiative zu entwickeln, weil Kontrollmechanismen und Bürokratie ein enges Korsett darstellen. Viele Leute versinken in eine Art resignativen Routinemodus, eingespannt zwischen Arbeitszeiterfassung, Mitarbeitergesprächen und Halbjahreszielen, blockiert von der Angst vor Veränderung und dem Bedürfnis nach Sicherheit.

Ohne Fünfjahresplan

Deshalb wirkt es wie eine Erlösung, zu erkennen, dass es wohl noch nie so einfach war, eine Firma zu gründen und Unternehmer zu werden. In den Medien sei primär von den Hightech-Start-ups die Rede, die ausgefeilte Businesspläne und viel Kapital brauchen, was natürlich leicht abschreckend wirken könne. In Tat und Wahrheit sei die Eintrittsschwelle ins Unternehmerleben heute oft viel tiefer. «Viele Geschäftsideen lassen sich mit dem Aufschalten einer Website lancieren», sagt Morgenthaler. «Man hat keinen Fünfjahresplan, sondern startet mit einem Angebot und schaut, was passiert.»

Der Barista etwa, der mit dem Caffè-Mobil an wechselnden Standorten Spitzencappuccini ausschenkt. Oder die Cupcakes-Bäckerin, die mittlerweile in der ganzen Deutschschweiz Filialen betreibt. Aber es gibt auch unzählige Kleinunternehmer der Grafik- und Texterbranche, deren Ausstattung vor allem aus Smartphone, Laptop und einem bei Bedarf angemieteten Tisch in einem Co-Working-Space besteht. Im schlimmsten Fall, sagt Morgenthaler, versenke man mit einer gescheiterten Geschäftsidee ein paar Tausend Franken.

Er wolle damit nicht sagen, dass man vor unternehmerischen Albträumen gefeit sei. Längst nicht alle schafften es etwa nach einer Entlassung, als Selbstständige den Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber Morgenthaler ist in seinen Interviews kaum auf Leute getroffen, die es bereuten, Unternehmer geworden zu sein – trotz ständiger Überforderung und Zweifel. «Man lernt, mit der Unsicherheit zu leben – und die Zuversicht zu kultivieren, dass es immer eine Lösung gibt.»

Viel zum Verständnis des neuen Selbstständigenbooms trägt der differenzierte Report «Flexible neue Arbeitswelt» bei, den das Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung der Akademien der Wissenschaft Schweiz (TA-Swiss) vorletzte Woche veröffentlichte. Das Fazit: Im Prinzip infizieren heute auch Firmen ihre Angestellten mit dem Selbstständigen-Groove. Der klassische 9-to-5-Job befindet sich auf dem Rückzug, die Grenze zwischen Angestellten- und Selbstständigen-Dasein verschwimmt zusehends. Man arbeitet projektbezogen, feste Arbeitszeiten, feste Arbeitsplätze und mitunter auch feste Löhne weichen auf.

Unternehmer? Selbstständig?

Auf der anderen Seite schafft die neue Autonomie die Möglichkeit, sich neben der Arbeit im Internet Mikrojobs zu angeln, die oft andere Firmen outgesourct haben. Und so ein zweites unternehmerisches Standbein aufzubauen, das man mittags, abends, beim Pendeln oder am Wochenende bewirtschaften kann.

Jens O. Meissner, Professor an der Hochschule Luzern – Wirtschaft und Leiter der TA-Swiss-Studie, bringt die Effekte der neuen, flexiblen Arbeitsrealität so auf den Punkt: «Einige Verbesserungen in der Arbeitsqualität», sagt er, «stehen vielen kleinen Verschlechterungen in der sozialen Sicherung gegenüber.»

Man arbeitet zwar selbstbestimmter, gleichzeitig unterläuft man unter Umständen die soziale Absicherung: Wer etwa für webbasierte Vermittlungsagenturen Aufträge erledigt, hat weder Anspruch auf bezahlte Ferien noch auf Unterstützung im Krankheitsfall oder bei Arbeitslosigkeit.

Auch die Altersvorsorge ist ohne geregelten Arbeitsvertrag gefährdet – ganz abgesehen davon, dass es laut der TA-Swiss-Studie «aus volkswirtschaftlicher Sicht problematisch ist, dass Einkommens- und Umsatzsteuern nicht ohne weiteres durchzusetzen sind, wenn sich Lohnarbeit zunehmend in rechtliche Grauzonen des Internets verschiebt».

Meissner plädiert für einen kritischen Blick. Es sei wichtig, Solo-Selbstständige, die ein Geschäft für sich selber aufziehen, und Unternehmer, die Firmen gründen und für Beschäftigung sorgen, auseinanderzuhalten. Solo-Selbstständige kämen oft verhältnismässig leicht auf einen grünen Zweig, weil sie vielleicht in der Erstkarriere Geld gemacht hätten, einen Lebenspartner mit stabilem Einkommen hätten oder eine Low-Budget-Finanzierung über die Pensions­kasse riskierten. Bei Unterneh­mensgrün­dungen hingegen sei die Misserfolgsquote mitunter sehr hoch.

«Welt voller Chancen»

Trotzdem hält Meissner die durch die Digitalisierung entstehende neue Arbeitsrealität für «eine Welt voller Chancen, die allerdings Junge mehr anspricht». Die bisherige Erfahrung zeige, dass die Flexibilisierung besonders «bei der Altersgruppe 50+ eher zu materiell schlechteren Lösungen» führe, wie Meissner ausführt. Das Lebenskünstlertum vieler neuer Flexibler sieht dann so aus: Grosser Zeitaufwand steht kleinen, stark schwankenden Einkommen gegenüber. In diesem Prekariat droht der Stress heftiger zu werden als vorher im Angestelltenmodus.

Es sei nach seiner Erfahrung tatsächlich so, «dass Selbstständige vermutlich mehr arbeiten als Angestellte, dass sie sich aber nicht daran stören», sagt Mathias Morgenthaler: «Selbstausbeutung lässt sich nicht an der Anzahl Wochenarbeitsstunden ablesen.» Was rasch erschöpfe, sei «fremdgesteuertes Arbeiten in unguter Umgebung ohne sichtbares Resultat». Die meisten Leute hätten kein Problem damit, viel zu arbeiten, wenn sie damit etwas bewirkten, in guten Teams arbeiteten und die Arbeit selber gestalten könnten.

Und dann kann es sein, dass die Lust auf Arbeit grösser ist, als man je gedacht hat.


2. Berufungs-Forum: 6. September 2016, Innovationsdorf Wifag, Bern. Buchtipp: Mathias Morgenthaler, Marco Zaugg: Aussteigen – Umsteigen. Wege zwischen Job und Berufung. Zytglogge.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.07.2016, 12:17 Uhr

Neue Arbeitswelt

Angestellte? Selbstständiger? Vergiss es! In der neuen Arbeitswelt ist man Solo-Selbstständiger, wenn man eine freiberufliche Tätigkeit ohne Mitarbeiter ausführt. Oder man ist Arbeitskraftunternehmer, wenn man innerhalb von Unternehmen ­flexibel Aufträge oder Projekte verantwortet. Portfolioarbeiter beschäftigen sich freiberuflich parallel mit mehreren Projekten, und wenn sie mehr die Selbstverwirklichung im Auge haben, sind sie hybride Professionals.

Ohne Digitalisierung wäre der moderne Trend zur Selbstständigkeit undenkbar. Schlüsselwort ist das Crowdsourcing: Firmen lagern Jobs aus – nicht an andere Firmen, sondern an die Masse, die sich im Internet bewegt. Oft sind es Mikrojobs, mit denen App-Jobber ein paar Franken verdienen können. Gerne werden auch anspruchsvolle Arbeiten übers Internet vergeben, sogar weltweit.

Immer häufiger versuchen etablierte Unternehmungen wie Rivella, Victorinox oder Postfinance, hochwertige kreative Leistungen über Crowd­sourcing einzukaufen. Das funktioniert ähnlich wie ein Architekturwettbewerb. Die Post­finance etwa suchte auf diesem Weg Ideen, wie man die Kundenbindung zu jungen Erwachsenen fördern könnte.

Spezialisierte Firmen wie das Burgdorfer Start-up Atizo stellen Plattformen mit Tausenden registrierter Kreativer zur Verfügung, auf denen sich Crowdsourcing-Projekte abwickeln lassen.jsz

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