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Loryheim will Knast-Image loswerden

Im Jugendheim Lory in Münsingen leben verhaltensauffällige Mädchen – meistens hinter Zäunen. Nun sollen neue Konzepte den Blick der Öffentlichkeit auf das Heim ändern. Die Zäune aber bleiben.

Im Jugendheim Lory in Münsingen leben 28 Mädchen undFrauen zwischen dreizehn und zwanzig Jahren.
Im Jugendheim Lory in Münsingen leben 28 Mädchen undFrauen zwischen dreizehn und zwanzig Jahren.
Adrian Moser
Sie haben Schwierigkeiten in der Schule, konsumieren Drogen,wurden straffällig oder können sich oder andere gefährden.
Sie haben Schwierigkeiten in der Schule, konsumieren Drogen,wurden straffällig oder können sich oder andere gefährden.
Adrian Moser
Jugendheim Lory in Muesingen. Werkstatt. © Adrian Moser / Tamedia AG
Jugendheim Lory in Muesingen. Werkstatt. © Adrian Moser / Tamedia AG
Adrian Moser
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Das Zimmer ist klein, die Decke tief. Zwei Fensterchen, in der Ecke ein Bett, darauf ein Militärschlafsack. Mit DA ist das Zimmer angeschrieben, Disziplinararrest. Es erinnert an eine Gefänigniszelle und befindet sich im Jugendheim Lory in Münsingen. Hier leben 28 Mädchen und Frauen zwischen dreizehn und zwanzig Jahren.

Sie haben beispielsweise Schwierigkeiten in der Schule, konsumieren Drogen, wurden straffällig oder können sich oder andere gefährden.

Direktorin Eliane Michel bestreitet nicht, dass das Arrestzimmer an ein Gefängnis erinnert. «Wir brauchen es aber viel seltener als früher.» Vielleicht noch einmal im Monat, bei Gewaltanwendungen oder um ein Zeichnen zu setzen bei inakzeptablem Verhalten. Manchmal würden die Jugendlichen auch selber einen Arrest zum Selbstschutz wünschen.

«Bei uns leben die Schwierigsten der Schwierigsten der Schwierigen.»

Eliane Michel, Direktorin

Michel bestreitet auch nicht, dass das Zimmer nicht zur neuen Strategie des kantonalen Heims passt. «Weg vom Knast-Image» lautete das Motto einer Veranstaltung, die das Heim am Montag für Einweiser organisierte. Dort wurden aber auch nicht bauliche Neuerungen verkündet, sondern pädagogische.

Umzäuntes Areal

Im Loryheim leben «die Schwierigsten der Schwierigsten der Schwierigen», sagt Michel. Die Mädchen oder jungen Frauen aus der ganzen Deutschschweiz haben meistens schon in mehreren anderen Institutionen verbracht, ehe sie nach Münsingen kommen. Die meisten werden durch eine Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) eingewiesen, etwa 5 Prozent von Jugendanwaltschaften.

Hier leben sie zunächst in der geschlossenen Wohngruppe (7 Plätze), wo sie in der Nacht eingeschlossen werden und wo sich auch der Disziplinararrest befindet. Danach folgt die halbgeschlossene Wohngruppe (16 Plätze). Auch um diese ist ein Zaun gebaut. Wer aber abhauen will, kann das ohne weiteres tun, und es kommt auch immer wieder vor. Die offene Wohngruppe (5 Plätze) ist in einem Haus ausserhalb des Zauns untergebracht.

«Früher waren wir problemlastig», sagt die stellvertretende Direktorin Kathrin Jordi. Mit dem Konzept der Schemapädagogik werde der Fokus weg von den Störungen auf die Ressourcen verlegt. Hinzu kommen «Perspektivencoachs», das schulische Angebot, der Psychologisch-Psychiatrische Dienst, eine Sexualtherapeutin und eine Sexologin.

Dieses Angebot kostet – in der geschlossenen Abteilung 750 Franken pro Klientin und Tag. «Viel Geld», sagt Michel. Aber wenn es gelinge, sie in einen selbstständigen Alltag zurückzuführen, lohne sich dieser Aufwand.

Schwierige Vergangenheit

Vor rund zehn Jahren erhob das Anti-Folter-Komitee des Europarats Vorwürfe an das Loryheim wegen Gewaltanwendungen gegen Bewohnerinnen. In den letzten Jahren kam es auch immer wieder zu Berichten von ehemaligen Bewohnerinnen, die sich über die Zustände im Heim beklagten. Manche Erfahrungen liegen Jahrzehnte zurück, andere nur ein paar Jahre.

«Auch heute kann es vorkommen, dass eine Jugendliche die Zeit hier schlimm findet», sagt Michel. Doch nicht solche Berichte hätten zum schlechten Image geführt, glaubt sie, sondern tatsächlich Elemente des Strafvollzugs. «Früher wurden Besuche restriktiv gehandhabt, Urlaube gab es keine.»

Jedoch: Vom Knast-Image des Loryheims hat Münsingens Gemeindepräsident Beat Moser (Grüne) noch nie etwas gehört. «Das wäre mir nicht bekannt.» Die Münsingerinnen und Münsinger seien sich – auch wegen des Psychiatriezentrums – den Umgang mit Leuten gewohnt, die nicht gerade auf der Sonnenseite stünden.

Und bei der monatlichen Sicherheitskonferenz der Gemeinde, bei der auch die Polizei anwesend sei, sei das Lory in den letzten fünf Jahren nie ein Thema gewesen.

Hingegen passt zum Knast-Image, dass das Heim in der Abteilung Justizvollzug der kantonalen Polizei- und Militärdirektion angesiedelt ist. Das soll sich aber bald ändern. Zuerst werde die Polizeidirektion im Rahmen der Direktionsreform im Jahr 2020 in Sicherheitsdirektion umbenannt.

«Das klingt schon etwas weniger martialisch», sagt Polizeidirektor Philippe Müller (FDP). Vermutlich per 2022 hin werde das Loryheim aber die Direktion wechseln und dem Jugendamt (heute in der Justiz­direktion) angegliedert.

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