Linksextremer Sprayer verurteilt

16 Monate bedingt bei einer Probezeit von vier Jahren: Das Regionalgericht hat einen Mittäter der Farbattacke auf die Berner Polizeikaserne von 2015 verurteilt. Ein Handschuh hat ihn überführt.

Die Putzequipe hatte nach dem Farbanschlag auf die Polizeikaserne eine Menge Arbeit. Foto: Adrian Moser

Die Putzequipe hatte nach dem Farbanschlag auf die Polizeikaserne eine Menge Arbeit. Foto: Adrian Moser

Benjamin Bitoun

«Wie passt das Erscheinungsbild dieses höflichen jungen Mannes zu der langen Liste an Straftaten, die ihm zur Last gelegt werden?» Einzelrichterin Bettina Bochsler spricht die Frage aus, die im Gerichtssaal in der Luft liegt. Der adrett gekleidete Mann mit der goldumrandeten Brille blickt zu Boden.

Die Antwort darauf gibt Bochsler selbst, als sie kurz darauf zur Urteilsverkündung ansetzt: gar nicht. Die Richterin verurteilt den 23-Jährigen wegen der Farbattacke auf die Polizeikaserne am Berner Waisenhausplatz vom Februar 2015. Sie spricht ihn schuldig wegen Landfriedensbruchs, öffentlicher Zusammenrottung und wegen Verursachung eines grossen Sachschadens.

16 Monate bedingt

Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Anthropologiestudent Teil einer Gruppe von 20 bis 30 Personen war, die in der Tatnacht von der Reithalle zum Waisenhausplatz und wieder zurück zur Reithalle zog. Binnen weniger Minuten verursachte die Truppe an der Polizeikaserne, am Amthaus und am Kunstmuseum sowie an parkierten Autos Schäden in Höhe von fast 100'000 Franken.

«Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in der Zwischenzeit weiter gesprayt haben und in Zukunft wieder sprayen werden, ist gross.»Bettina Bochsler, Einzelrichterin

Dafür bestrafte ihn die Richterin mit einer bedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten bei einer Probezeit von vier Jahren. Letztere ist in ihrer Länge unüblich: Bei Ersttätern gilt normalerweise eine Probezeit von zwei Jahren. Aufgrund seines Verhaltens könne sie dem Täter keine günstige Prognose aussprechen, sagt Richterin Bochsler. Dieser habe sich weder der Polizei gegenüber noch während des Prozesses von seinen Handlungen distanziert und Reue gezeigt.

Mitglied in Sprayer-Gang

Weiter habe sie das Umfeld, in dem sich der Täter bewege, zu der langen Probezeit veranlasst. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass er kein Mitläufer, sondern ein festes Mitglied der linksextremistischen Szene um die Sprayergangs 031 und OWZ sei.

Das ihm zugeordnete Zimmer in der Sprayer-WG, die bei einer Razzia sichergestellten persönlichen Gegenstände und seine Entwürfe von OWZ-Tags – all dies spreche eine klare Sprache: «Sie sind Teil dieser Gruppen», sagt die Richterin. «Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in der Zwischenzeit weiter gesprayt haben und in Zukunft wieder sprayen werden, ist gross.»

Dann richtet Richterin Bochsler ihren Blick kurz auf die Gruppe der jungen Männer auf den Zuschauerstühlen – Tattoos an Armen und Hals, Turnschuhe, Vokuhila-Frisuren – und spricht danach zum Verurteilten, in fast mütterlich-warmem Ton: Sie könne gut verstehen, dass die Gang für ihn wie eine Familie sei.

Trotzdem sei er nun derjenige mit der bedingten Freiheitsstrafe und mit dem «Damoklesschwert der vierjährigen Probezeit über dem Kopf», so die Richterin. «Höchste Zeit, sich von diesen Leuten zu distanzieren.»

Aufruf zu Polizistenmord

Ebenfalls verurteilt wurde der Mann für das Veröffentlichen von Rap-Songs, in denen zu Gewalttaten, Randale und zum Mord an Polizisten aufgerufen wird. Dafür und für weitere ihm zur Last gelegte Sprayereien aus einem Zeitraum von 2015 bis 2017 erhielt er eine Busse von 145 Tagessätzen à 30 Franken – 65 Tagessätze muss er bezahlen, 80 Tagessätze sind bedingt.

Auch hier beträgt die Probezeit vier Jahre. Weiter hinzu kommen die zivilrechtlichen Schadenersatzforderungen wegen der von ihm begangenen Sprayereien in Höhe von insgesamt 85'000 Franken.

Durch Zufall überführt

Dass der Mann überführt wurde, ist zu einem grossen Teil dem Zufall zu verdanken. Zwar hatte die Polizei in der Krawallnacht im Februar 2015 vor der Polizeikaserne einen Latex-Handschuh mit DNA-Spuren gefunden. Danach verliefen die Ermittlungen jedoch im Sand, und die Verfahren wurden eingestellt.

Erst als in einer Nacht im März 2016 die Polizei auf eine versprayte Mauer beim Schloss Muri aufmerksam wurde, kam wieder Bewegung in den Fall. Etwas abseits des Tatorts war zwei Botschaftsschützern ein Mann mit Farbe an der Jacke aufgefallen. Diesem wurde von der Polizei eine DNA-Probe entnommen und mit der Datenbank abgeglichen.

Das Resultat: Das Erbgut stimmte mit jenem in dem vor der Polizeikaserne gefundenen Handschuh überein, «sowohl innen als auch aussen», betont Richterin Bettina Bochsler. Ein Zufallstreffer oder eine Manipulation des Handschuhs durch Dritte seien völlig ausgeschlossen.

Die Verurteilung ist bisher das einzige Ergebnis der Ermittlungen rund um den Farbanschlag auf die Polizeikaserne. Weiterhin wird von 20 bis 30 Tätern ausgegangen.

Das Urteil des Regionalgerichts ist noch nicht rechstkräftig, es kann ans Obergericht weitergezogen werden.

Berner Zeitung

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