Stadt Bern

Linksextreme bedrohen christliche Abtreibungsgegner

Stadt BernDrohbriefe, Sachbeschädigungen, Hetze im Internet – seit Wochen attackiert Berns linksautonome Szene Abtreibungsgegner. Grund ist eine Demo, die im September stattfinden soll.

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Bis zum 15. September dauert es noch gut sechs Wochen. Dann soll in Bern der «Marsch fürs Läbe» stattfinden. Abtreibungsgegner, vor allem aus dem Lager der Freikirchen, wollen an diesem Tag ­gemeinsam auf dem Bundesplatz für ihre Sache werben. Eigentlich kein Problem: In der Schweiz gelten Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Und doch wird es den fundamentalen Christen alles andere als einfach gemacht. Seit Wochen werden sie von einem Gegner bekämpft, der selbst vor Gesetzesverstössen keinen Halt macht.

Drohbriefe, Sprayereien, öffentliche Aufrufe zu weiteren Sachbeschädigungen – anonyme Gruppierungen aus dem linksextremen Lager tun derzeit alles, um den Anlass zu sabotieren und die Demoteilnehmer einzuschüchtern. «Auf dass niemals mehr ein Lebensmarsch die Menschheit belästigen wird!», schreibt «Bern stellt sich queer», eine der federführenden Gruppierungen, in ihrem Manifest. Die linksautonome Szene will den Anlass nicht nur im Vorfeld stören. Es wird auch dazu aufgerufen, am Demotag selbst den Teilnehmenden die Anreise zu verunmöglichen, den Aufbau zu erschweren und den Anlass zu «blockieren und zu stören».

Klare Mehrheiten

Dieser Furor ist aufgrund der politischen Realitäten nur schwer verständlich. Im Gegensatz zu den USA, wo sich das Land an der Abtreibungsfrage ziemlich genau spaltet, sind die Verhältnisse in der Schweiz klar: Abtreibung ist Privatsache, der Staat mischt sich in dieser Frage nicht ein. 2002 wurde das Referendum zur Fristenregelung mit über 72,2 Prozent angenommen. Diese besagt, dass bis zur 12. Schwangerschaftswoche der Entscheid über den Abbruch einer Schwangerschaft allein bei der Frau liegt. Danach braucht es die Bestätigung eines Arztes, dass ein medizinisches Problem vorliegt.

2014 lehnte die Bevölkerung zudem eine Initiative ab, die forderte, dass Schwangerschaftsabbrüche privat finanziert werden müssen. 69,8 Prozent sagten dazu Nein. Die christlichen Fundamentalisten vertreten mit ihrer Position also ganz klar eine Minderheit. Auch Daniel Regli, der Präsident des Vereins «Marsch fürs Läbe», muss zugeben, dass sein Anliegen politisch aussichtslos ist. «Uns geht es darum, zu ­zeigen, dass es noch christliche Organisationen gibt, welche die heutige Praxis nicht einfach hinnehmen wollen», sagt er.

Zwei Sachbeschädigungen

Der Preis für diese Symbolpolitik ist hoch. Dies musste Anfang Juni das Medienhaus Jordi in Belp erfahren. Dieses druckt ein christliches Magazin, und ihr Mitinhaber ist in der Trägerschaft des Vereins «Marsch fürs Läbe». Das Gebäude der Druckerei wurde über Nacht mit Botschaften versprayt.

Am selben Tag beschädigten Vandalen auch eine Filiale der Helsana in Thun. Dies, weil die Helsana eine Kollektivpartnerschaft mit der abtreibungskritischen Bewegung «Pro Life» hat, wodurch deren Mitglieder von Vergünstigungen profitieren.* Über das linksextreme Portal «Barrikade.info» veröffentlichten die Sprayer nach ihrer Tat 49 weitere Adressen – unter anderem von Privatpersonen – als «Inspiration» für weitere Aktionen.

«Auf dass niemals mehr ein Lebensmarsch die Menschheit be­lästigen wird!»Manifest von «Bern stellt sich queer»

Ziel solcher Vandalenakte könnten auch Menschen sein, die sich über die Charta des Vereins als Abtreibungsgegner bekennen. Viele von ihnen erhielten Ende Juli einen Drohbrief. Darin wird ihnen von einer anonymen Gruppe mitgeteilt, dass ihre Daten «zur Veröffentlichung sowie für private Kontaktaufnahmen» verwendet werden, falls sie weiterhin «offenkundig» für den «Marsch fürs Läbe» mobilisieren.

Gegendemo noch unbewilligt

Bei der Kantonspolizei Bern sind für die beiden Vandalenakte Anzeigen hängig. Die Täterschaft sei in beiden Fällen noch unbekannt, sagt Mediensprecherin Jolanda Egger. Auch vom Drohschreiben habe man Kenntnis, heisst es von der Kapo knapp. Wie schon bei der Demo vor zwei Jahren muss sie mit einem grösseren Einsatz rechnen, um die beiden Gruppierungen am Demotag auseinanderzuhalten.

Keine Stellung nehmen wollte die Organisation «Bern stellt sich queer». Ein per Mail verschickter Fragekatalog blieb eine Woche unbeantwortet. Die anonym operierende Gruppe hat für den ganzen Monat September Aktionen geplant, um den Abtreibungsgegnern das Feld streitig zu machen. «Feministischer Monat gegen christlichen Fundamentalismus» heisst die Veranstaltungsreihe, welche vor allem in Räumlichkeiten der Reitschule stattfinden wird. Für die angekündigte Gegendemo hat die Gruppe laut dem Berner Polizeiinspektorat noch keine Bewilligung eingeholt.

*Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Helsana «Pro Life» ein spezielles Partnerprogramm anbietet. Dies erweckt den Eindruck, dass die Organisation privilegiert behandelt wird. Dem sei nicht so, stellt Helsana klar. «Pro Life» habe mit der Versicherung einen Kollektivvertrag abgeschlossen, was jedes Unternehmen und jede Organisation für seine Mitarbeiter/Mitglieder tun kann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.07.2018, 06:09 Uhr

Dieses Schreiben erhielten mehrere Unterzeichner der Charta des Vereins «Marsch fürs Läbe» Ende Juli (klicken zum Vergrössern).

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