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Lichtblicke

Wie ein glatzköpfiger Mann mit Hörgerät, ein Nasenbohrer und stumme Teenies der Autorin die Tramfahrt versüssten.

Das Tram zuckelte durch die Berner Bronx, und auf der Website meiner Zeitung las ich von einer Explosion in Polen, von geschändeten Judengräbern und von weniger Sozialleistungen für arme Amis. Meine Laune sank in die Minustemperaturen. Also steckte ich das Handy in die Tasche und schaute mich nach etwas Aufmunterndem um.

Vor mir, direkt bei der Tür, sass ein Mann. Leberflecken zierten seine Glatze, hinter beiden Ohren klebte ein Hörgerät. Sein Nachbar bohrte in der Nase und steckte sich danach den Finger in den Mund. Beide waren nicht die Lichtblicke, die ich mir erhofft hatte.

Ich hielt Ausschau nach den verliebten Teenies, die kürzlich zugestiegen waren. Doch sie lehnten nur noch stumm an der Wand und streichelten ihre Smartphones, während vor dem Fenster grau in grau die kalte Stadt vorbeizog.

Gerade wollte ich Facebook eine Chance geben, als das Tram hielt und die Tür sich öffnete. Langsam schoben sich zwei Krücken in den Wagen, zwei Arme – und danach war fertig. Eine alte Frau stand vor dem Absatz und schnaufte. Die Tür piepste bereits. Und da geschah es, schneller als ich denken konnte.

Die Hand des Glatzenmanns schnellte nach oben und drückte auf den Türöffner. Die Teenies tauchten aus ihrer Handywelt auf, fassten die Dame links und rechts an den Armen und zogen sie hoch. Der Nasenbohrer hatte bereits seinen Platz freigegeben. Sie setzte sich, lächelte erschöpft in die Runde und krächzte: «Merci.»

Das Tram fuhr los. Der Mann vor mir richtete seine Hörgeräte, die Teenies scrollten, der Nasenbohrer widmete sich seinen Fingernägeln. Und meine Welt war wieder in Ordnung.

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