«Leuchttürme können auch Leuchttürmchen sein»

Gestrichene Bundesgelder und Imageprobleme: Der Kulturstandort Bern hatte im Sommer einige Rückschläge einzustecken. Bekult-Präsident Bernhard Giger über die Lage der Szene.

Bekult-Präsident und Leiter Kornhausforum: Bernhard Giger.

Bekult-Präsident und Leiter Kornhausforum: Bernhard Giger. Bild: Urs Baumann

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Herr Giger, das Bundesamt
für Kultur (BAK) wollte die ­Bundesmillion streichen.
Nun können die betroffenen ­Bekult-Mitglieder, darunter Konzert Theater Bern oder die Dampfzentrale, aufatmen. Bern soll der eidgenössische Zustupf weiterhin ­zugutekommen.
Bernhard Giger: Aufatmen ist ein grosses Wort, ich würde von einem Hoffnungsschimmer sprechen. Dem Entscheid des Bundesrats traue ich noch nicht ganz, er riecht nach Aufschub, nicht nach Bekenntnis. Die Bundesmillion wird ja erst einmal nur für 2018 garantiert. Erfreulich: Offenbar hat unser Stadtpräsident einen guten Draht zu Bundesbern, sodass er das Schlimmste vorerst verhindern konnte.

Ein anderes Bekult-Mitglied muss weiter bangen: Das Alpine Museum verliert 75 Prozent der eidgenössischen Fördermittel. Macht der Verein mobil?
Wir unterstützen unsere Mitglieder moralisch, wenn ihnen Geld gekürzt wird, aber viel kann Bekult nicht bewegen. Da ist die Politik gefordert, aber auch die Wissenschaft. Gerade nach dem, was in Bondo geschehen ist, zeigt sich: Die Thematik des Alpinen Museums ist dringlich und von nationaler Bedeutung. Ich finde die Idee, daraus ein National­museum zu machen, richtig.

Eine Tendenz zeichnet sich ab: Bundesbern will weniger in die hiesige Kultur investieren.
Es ist legitim, wenn die Politik ­ihre Förderkriterien neu ausrichtet. Aber dieser Sommer gab mir zu denken: Was hat die Berner Kultur für ein Image? Von Bundesbern aus gesehen scheint es im Keller zu sein. Wir müssen nun überlegen, wie wir die Stadt anders positionieren und kulturell besser vermarkten können.

Über die neu gegründete Tourismusholding Bern Welcome?
Für Bekult wird es eine wichtige Aufgabe werden, mit dieser ­neuen Organisation zusammenzuarbeiten. Sonst bewegen wir uns immer wieder in alten Mustern, in denen Bern vor allem als Unesco-Weltkulturerbe zwischen Bärengraben und Zytglogge vermarktet wird. Es gab bisher ein Gespräch mit Bern Welcome, und ich spürte eine grosse Offenheit. Ein Dialog ist also im Gang, nun muss sich zeigen, ob wir die gleiche Sprache sprechen.

Sprechen die Bekult-Mitglieder – vom Kleinfestival bis zum grossen Museum – dieselbe Sprache in puncto ­Imageproblem?
Diese Diskussion hat man bisher weder bei Bekult noch allgemein in der Berner Kultur geführt. Man hat sich im Grossen und Ganzen zufriedengegeben mit dem Status quo. Ende Oktober wird eine neue Kulturkonferenz zum Thema Kultur und Tourismus veranstaltet. Langsam kommt Bewegung in die Sache.

Warum erst jetzt?
Lange war es undenkbar, dass die Kulturszene mit einem Tourismusbüro zusammenarbeitet. Als ich vor 35 Jahren als Filmemacher angefangen habe, war das kulturelle Verständnis in Bern alternativ geprägt. Die Kulturschaffenden hätten sich dagegen gewehrt, wenn Bern Tourismus ihre Werke vermarktet hätte – wir wollten authentisch sein, nicht Werbeträger. Das hat sich gewandelt. Heute herrscht Konsens darüber, dass Standortmarketing nicht nur mit Hotelbetten, sondern auch mit dem kulturellen Angebot zu tun hat.

Machen Sie einen Vorschlag für eine Vermarktungsstrategie.
Ich weiss nur, wie man es nicht macht: Kultur kann man nicht wie Sport vermarkten. Wir können keine kulturelle WM lancieren und darauf setzen, dass der Event weltweit beachtet wird. Kultur vermitteln bedeutet, die Eigenheiten des Orts zu erfassen. In Bern haben wir für unsere Grösse eine erstaunliche Vielfalt an kulturellen Angeboten. Die Nischen, die Liebe zur kleinen Form müsste man vermitteln.

Auswärtige reisen vor allem für Leuchttürme wie das ZPK oder das Historische Museum an.
Aber Leuchttürme kann man nicht am Schreibtisch planen. Was leuchten soll, muss sich von unten entwickeln. Die Kunsthalle wurde auch nicht als welt­berühmte Institution gegründet. Und ich bleibe dabei: Leuchttürme können auch Leuchttürmchen sein. Das Buskers-Festival, das Theaterfestival Auawirleben oder das Musikfestival strahlen aus. Wir dürfen ruhig mit etwas mehr Selbstvertrauen auftreten. Ich sehe keinen Grund, warum wir in anderen Städten nicht auch prominent für diese Anlässe werben sollten. Das Interesse wäre da. Nicht alle Auswärtigen suchen Events, es gibt auch jene, die den Gout der Stadt richtig kosten wollen. Bei uns im Kornhaus­forum treffe ich immer wieder auf Touristen, die aufgrund unserer Plakate eine Fotoausstellung besuchen.

Aber gerade das Festival Auawirleben hätte ums Haar seinen Anteil an der Bundesmillion ­verloren. Offenbar strahlt dem BAK das Festival zu wenig aus.
Das Festival hat eine hervorragende Basis gelegt. Man könnte sich überlegen, so richtig zu investieren, und daraus «unser» Theaterspektakel machen.

Und woher das Geld nehmen? Ein anderes Festival streichen?
Zumindest nicht noch ein weiteres kreieren.

«Niemand will sich selber abschaffen.»Bernhard Giger
Bekult-Präsident

Sie sprechen immer wieder von kultureller Vielfalt. Ist es nicht einfach ein zu viel?
Ein heisses Eisen. Niemand will sich selber abschaffen. Aber es findet in Bern ein Umdenken statt: Jede Wette, vor 20 Jahren wäre aus dem Alten Tramdepot Burgernziel ein Kulturzentrum geworden. Heute sagt man: Nein, wir brauchen Wohnraum, die kulturelle Nutzung ist nur vorübergehend.

Bei der alten Feuerwehrkaserne Viktoria setzt man auf Kultur . . .
Auch dort sind Wohnungen geplant. In der Anlage aus den Dreissigerjahren kann ich mir eine Mischnutzung gut vorstellen: Wohnen, Kultur, Gewerbe. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 09:30 Uhr

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