Letzter Künstler-Flug nach New York

Bern

Die Berner Fotografin Tamara Janes setzt sich künstlerisch mit der digitalen Bilderflut auseinander. Nun reist sie mit einem Stipendium der Stadt Bern für ein halbes Jahr nach New York. Als praktisch Letzte. Die Tradition der Berner New-York-Stipendien geht zu Ende.

Hat ihre liebe Mühe mit perfekten Bildern: Fotografin Tamara Janes plädiert für mehr Makel.

Hat ihre liebe Mühe mit perfekten Bildern: Fotografin Tamara Janes plädiert für mehr Makel.

(Bild: PD)

Jürg Steiner@Guegi

Das Einreisevisum, ja, es liegt vor. Mit dem Kopf ist Tamara Janes (37) schon ein bisschen im New Yorker East Village, im legendären Backsteinhaus mit Aussentreppe, in dem seit den 80er-Jahren insgesamt über 100 Berner Künstler mit Stipendien von Stadt oder Kanton Bern halb­jährige Arbeitsaufenthalte absolvierten.

Anfang Februar fliegen sie sowie die Videokünstlerin ­Nicole Pfister für sechs Monate nach New York. Sie sind die letzten New-York-Stipendiatinnen der Stadt Bern.

«Das Stipendium gibt es danach nicht mehr», bestätigt Peter Schranz, stellvertretender Leiter der städtischen Abteilung Kulturelles. Linda Geiser, in New York lebende Berner Schauspielerin, verkauft das ihr gehörende, ­legendäre Atelierhaus.

Und das bis heute in der Stadtpolitik kontrovers diskutierte Bild von Berner Künstlern, die sechs Monate in Geisers Haus leben und mit einem Beitrag von 15'000 Franken unterstützt werden, wird verschwimmen.

Perfekter als die Realität

So gesehen hat es eine Logik, dass nun Tamara Janes, die 2014 den Nachwuchspreis der schweizerischen Vereinigung fotografischer Gestalterinnen und Gestalter gewann, nach New York reist. Sie setzt sich mit der Macht von Bildern auseinander. Haben wir die von uns per Smartphone miterzeugte digitale Bilderschwemme im Griff – oder sie uns? Janes widmet sich dieser Frage, indem sie sich dem Widerspruch persönlich aussetzt.

In ihrem Atelier in der Länggasse wirkt sie als selbstständige Fotografin selber an der immensen Bilderproduktion mit. Als Künstlerin seziert sie auf scharfsinnige Art, was die permanente Verfügbarkeit immer perfekterer Bilder in unseren Köpfen anrichtet. «Die Bilder, die man auch als Laie mit der Handykamera ­machen kann, werden technisch immer schärfer und höher aufgelöst», sagt Tamara Janes, «oft sind sie perfekter als die Wirklichkeit.»

Kennt man eine spektakuläre Landschaft von einer Fotografie, ist sie in der Realität oft enttäuschend: blass, verschwommen, konturlos. Man wird plötzlich unsicher, was das Original ist und was das Abbild davon.

Blind vor lauter Schärfe

Die Informationsfülle perfekter Bilder überfordere unsere Sinne. Es werde schwieriger, zwischen Sein und Schein zu unterscheiden, findet Janes, die mehrere Jahre in der Werbung arbeitete. «Immer schärfere Bilder machen mich blind», sagt sie, man ver­lerne praktisch, selber zu sehen.

Ihre Arbeiten versteht Tamara Janes auch als Plädoyer für das unmanipulierte Bild mit Makel, das die eigene Vorstellungskraft anregt. In ihren Kunstprojekten hat sie in den letzten Jahren versucht, das Verwischen von Vir­tualität und Realität sichtbar zu machen.

Für ihre Installation «Still ­Loading» etwa hat sie die Namen prominenter Persönlichkeiten – wie der amerikanischen Social-Media-Ikone Kim Kardashian oder der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel – in die Google-Bildersuche gegeben und danach Screenshots der unvollständig heruntergeladenen Bilder ­gemacht. Verblüffend, wie stark sich die dominanten Farbtöne je nach Person unterscheiden.

Leben im Halbschlaf

Einen anregenden Zugang zur ­latenten Überforderung mit dem modernen Bildersturm liefert Tamara Janes in ihrem eben ­erschienenen Büchlein «Halbschlaf». Zusammen mit dem Journalisten Lorenzo Bonati kombiniert sie zufällig Fund­stücke aus ihrem persönlichen Fotoarchiv mit fiktiven Traumdeutungen.

Mit dem mitunter sehr lustigen Bilder-Text-Reigen macht Tamara Janes transparent, dass die immer grössere ­visuelle Informationsfülle, die uns zur Verfügung steht, nicht unbedingt in einen Zustand mentaler Klarheit führt. Sondern eher in einen Dauermodus träumerischen Halbschlafs.

In New York will Tamara Janes hellwach unterwegs sein. Sie wird ein Projekt realisieren, für das sie in die riesige Fotosammlung der öffentlichen Bibliothek von New York abtaucht. Ihre Funde aus dem analogen Bildermeer will sie mit der flutartigen digitalen ­Bilderwelt in Beziehung brin­gen. Damit das Bewusstsein, wie ­Bilder unsere Wirklichkeit verändern, weniger verschwommen ist.

Tamara Janes:Halbschlaf. 286 Seiten, Kehrer-Verlag 2017.

Berner Zeitung

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