Laute Kritik an Lerch und der Lärmpolizei

Kehrsatz

Die Betreiber der Kultarena in Kehrsatz klagen über Regierungsstatthalter Christoph Lerch, der ihnen das Gespräch verweigere. Und sie ärgern sich über die Lärmfachstelle der Polizei.

Gewerbegebiet an der Belpstrasse: Darf im Haus (vorne links) und in der ehemaligen Fabrikantenvilla gewohnt werden? Die Kultarena befindet sich gleich hinter der Villa.

Gewerbegebiet an der Belpstrasse: Darf im Haus (vorne links) und in der ehemaligen Fabrikantenvilla gewohnt werden? Die Kultarena befindet sich gleich hinter der Villa.

(Bild: Urs Baumann)

Johannes Reichen

An der Belpstrasse am Rand von Kehrsatz liegt ein kleines belebtes Gewerbegebiet. Hier produziert eine Firma Matratzen. Eine Garage verkauft und repariert Autos. Weitere Betriebe stellen Fenster oder Kühlschränke her. An den Wochenenden öffnet die Kultarena ihre Türen für Technopartys. Und es gibt ein paar Menschen, die hier wohnen.

Nun ist rund um die Kultarena ein Lärmstreit entbrannt. Die Beteiligten: die Betreiber der Kultarena, die seit zwei Jahren auf eine Baubewilligung warten. Ein Statthalter, der nicht zuhören will. Ein Lärmpolizist, der nachts in fremde Wohnungen steigt. Und Nachbarn, die in womöglich illegalen Wohnungen leben.

Baugesuch mit Folgen

Die Betreiber der Kultarena heissen Marcel Spielmann und René Affolter. An einem Morgen sitzen sie im Büro ihres Anwalts im Berner Kirchenfeld und schildern ihren Fall. Im Sommer 2015 reichten sie ein Baugesuch ein. Damit sollte die Kultarena den Status einer Eventhalle und eine generelle Überzeitbewilligung bis 5 Uhr erhalten. Die zulässige Lautstärke sollte auf 100 Dezibel begrenzt werden.

Affolter und Spielmann legten dem Gesuch wie verlangt ein Lärmgutachten bei. Das Büro B+S hatte hatte an drei Stand­orten im Dorf Messungen vorgenommen. Es kam zum Schluss: Die zulässigen Lärmgrenzwerte werden auch künftig nicht überschritten.

Eifriger Lärmakustiker

Dem Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland, das über das Baugesuch entscheidet, genügte der Bericht allerdings nicht. Im Juni 2015 gab Statthalter Christoph Lerch (SP) bei der Fachstelle Lärmakustik der Kantonspolizei Bern weitere Lärmmessungen in Auftrag. Bei Spielmann und ­Affolter schrillten die Alarm­glocken.

Denn ein Mitarbeiter dieser Fachstelle hatte im November 2014 bei der Kultarena auf eigene Faust Messungen vorgenommen, die zu einer Strafanzeige gegen die Betreiber führten. «Damals hatte er uns gesagt, er werde dafür sorgen, dass unser Betrieb geschlossen werden müsse», sagt Spielmann. Er und Affolter zeigten den Mann an.

Der gleiche Mitarbeiter tauchte nun in der Nacht auf den 10. November 2015 mit Kollegen wieder auf dem Areal auf. Laut der Kultarena klingelte er bei den Anwohnern und bat darum, in ihren Wohnungen Messungen vorzunehmen. «Es ist doch nicht die Aufgabe der Fachstelle, nachts herumzuschleichen und Wohnungen für Messungen zu suchen», sagt Spielmann.

Die Berner Kantonspolizei und der betreffende Mitarbeiter der Fachstelle wollten gestern keine Stellung nehmen.

Messung im Schlafzimmer

Fakt ist: Die Lärmfachstelle nahm an jenem Abend in zwei Wohnungen Messungen vor. Einerseits in der Liegenschaft an der Belpstrasse 24, in der sich auch die Kultarena befindet. Und anderseits in einem Wohnhaus an der Belpstrasse 30. Während ein Mitarbeiter die Kultarena mit verschiedenen Pegeln beschallte, wurde in den Wohnungen die Lautstärke gemessen.

Bei 100 Dezibel im Lokal wurde an der Belpstrasse 24 im «1. OG, in der Raummitte bei geschlos­senen Fenstern und Türen des Schlafzimmers Süd» festgestellt: «Melodie/Gesang merklich erkennbar, Bass gut feststellbar». Für die Hausnummer 30, «2. OG, in der Mitte des geöffneten Schlafzimmerfensters», ergab sich ein ähnliches Klangbild.

Für die Fachstelle stand fest, «dass das vorliegende Bauprojekt zu erheblichen Lärmimmissionen in der Anwohnerschaft führt». Für 100 Dezibel sei die Schalldämmung nicht ausreichend. Die Fachstelle regte eine Reihe von Massnahmen an. Zum Beispiel müsse die Grenze bei 95 Dezibel liegen.

Umstrittene Wohnungen

Aus Sicht der Betreiber sind diese Messungen in den Wohnungen unzulässig. Denn die Kultarena liegt in einer Arbeitszone, die früher eine Industriezone war. Hier gibt es keine Grenzwerte, die eingehalten werden müssten. Und hier sind Wohnungen grundsätzlich nicht erlaubt.

Früher, so argumentieren Affolter und Spielmann, seien in Industriezonen Fabrikantenvillen und «betriebsnotwendige Wohnungen» erlaubt gewesen. Die Villa gibt es in Kehrsatz tatsächlich. Darin befinden sich, Wand an Wand mit der Kultarena, zwei Wohnungen. Weitere drei Wohnungen befinden sich im Wohnhaus an der Belpstrasse 30. «Diese Wohnungen sind nicht mehr betriebsnotwendig», sagt Af­folter, «hier dürfte niemand ­wohnen.»

Laut der Gemeinde Kehrsatz wurde die Fabrikantenvilla 1906 gebaut. Und an der Belpstrasse 30 habe das Statthalteramt Seftigen 1955 ein Dreifamilienhaus bewilligt. «Aus unserer Sicht hat sich am Zustand seither nichts geändert», sagt Geschäftsleiter Niklaus Dürig. Die Wohnnutzung sei rechtmässig. Statthalter Lerch teilte diese Ansicht und lehnte das Baugesuch ab (siehe Kasten) – allerdings aus vielerlei Gründen.

Kritik an Lerch

Den Betreibern der Kultarena stösst vor allem sauer auf, dass Lerch ihnen das Gespräch verweigert hat. «Wir haben ihn zu einem Gespräch und einem Augenschein gebeten», sagt Affolter, «doch er ist nie aufgetaucht.» In seinem ablehnenden Entscheid schreibt Lerch selbst: «Aufgrund der vorliegenden Faktenlage beurteilte das Regierungsstatthalteramt eine Besprechung mit den Verfahrensbeteiligten nicht als zielführend.»

In zehn Tagen finden Statthalterwahlen statt, Lerch will für eine weitere Amtszeit gewählt werden, der Herausforderer heisst Claude Grosjean (GLP). Im «Statthalter-Check» sagte Lerch kürzlich: «Ich habe ein offenes Ohr für die Bevölkerung und nehme die Anliegen aller ernst, die sich an mich wenden. Zuerst höre ich zu, dann versuche ich zu vermitteln, bevor ich wenn nötig entscheide.» Für René Affolter und Marcel Spielmann klingt das wie ein Hohn.

Auf Anfrage sagt nun Lerch: «Sobald mir alle Akten vorliegen, werde ich bei Bedarf mit den Verfahrensbeteiligten eine Besprechung oder Verhandlung durchführen.»

Berner Zeitung

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