Lang aber oho

Heulende Hunde, Alphörner und falsche Walzer: Patricia Kopatchinskaja und das Berner Symphonieorchester boten das beste Neujahrskonzert seit langem.

Patricia Kopatchinskaja trat zusammen mit dem Berner Symphonieorchester am Neujahrskonzert im Kultur-Casino auf. (Archivbild)

Patricia Kopatchinskaja trat zusammen mit dem Berner Symphonieorchester am Neujahrskonzert im Kultur-Casino auf. (Archivbild)

(Bild: Kunstmuseum Bern/zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Unerhört das alles. Doch Patricia Kopatchinskaja legt noch einen drauf. «Appassionato: Agitato molto»: Ganz am Ende des Violinkonzerts von György Ligeti tut die Geigerin, was hier noch niemandem in den Sinn gekommen ist: Sie singt. Urtöne aus den Tiefen des Alls. Dann platzt die Musik. Wie ein Luftballon im Zirkus, gehalten von einem Clown. Soll man nun lachen oder weinen?

Applaus im Kultur-Casino. Patricia Kopatchinskaja und Chefdirigent Mario Venzago verbeugen sich. Sie haben viel gewagt. Und sie haben gewonnen. Selbstverständlich ist das nicht.

«Hände weg», hiess es bei Konzert Theater Bern, als die beiden Ligetis Hauptwerk für das Neujahrskonzert vorschlugen.

György Ligeti, geboren 1923 in Siebenbürgen, erlebte die Schrecken des Weltkriegs, geriet in sowjetische Gefangenschaft, verlor seine halbe Familie, in Bergen-Belsen, in Mauthausen, in Auschwitz-Birkenau. Sein Violinkonzert, teuflisch schwer zu spielen, erzählt davon. Und von seinem frühen Fantastentum. Es ist ein Werk, in dem die seltsamsten Gesetze gelten. «Falsch» gestimmte Instrumente gehören dazu.

Mit glühender Fantasie

Zu schwere Kost, zu schwer verkäuflich? Noch wenige Tage vor dem Konzert bangte man bei Konzert Theater Bern, der Vorverkauf lief harzig. Doch der Mut hat sich gelohnt. Endlich wieder ein richtig spannendes Neujahrskonzert nach so viel konservativer Berner Beethoven-Herrlichkeit in den letzten Jahren («Freude, schöner Götterfunken!»).

Patricia Kopatchinskaja ist für Ligetis Werk die ideale Interpretin, eine Geigerin mit glühender Fantasie, die sich nichts schenkt, die aus einen schrecklichen Schwarm von Noten Bilder schöpft, die auch viel von ihr selbst erzählen.

Man hört heulende Hunde, man hört Bomben und Schreie, man sieht Schaukelpferde, Ausserirdische, einen lachenden Teufel. Die innere Spannung von Ligetis scheinbar statischer Musik wird fassbar, und das ist nicht zuletzt dem Berner Symphonieorchester unter Mario Venzago zu verdanken, der nach einer schweren Rückenoperation und 14-wöchiger Zwangspause erstmals wieder im Kultur-Casino dirigiert.

Wenn man etwas kritisieren könnte, dann höchstens die Tendenz zur Über-Vermittlung: Venzago beschwichtigt das Publikum, als ob es gleich davon laufen würde. Und er macht aus der Aufführung von Ligetis Werk ein Gesprächskonzert, mit Erläuterungen zwischen den Sätzen, die zwar aufschlussreich sind, aber den Fluss der Musik stören.

Hoch lebe die Feuerpolizei

Für die Zugabe packt Patricia Kopatchinskaja noch einen drauf, holt ihre Eltern auf die Bühne, ihre Mutter, die Geigerin, und ihren Vater, einst der berühmteste Zymbalvirtuose der Sowjetunion. Zusammen spielen sie Stücke im Volkston, so filigran und zugleich schwindelerregend hitzig, dass man fürchten muss, das Zymbal fange gleich Feuer. Zum Glück sitzt ein Vertreter der Feuerpolizei im Saal.

Auch nach der Pause gibt es noch einmal Ligeti: Sein frühes «Concert Românesc», ein kunstvolles Spiel mit folkloristischen Elementen, das in Bern gewitzt auf die Spitze getrieben wird: Mit zwei Alphornbläsern in den Seitengalerien des Kultur-Casinos.

Fast drei Stunden dauert das Neujahrskonzert am Ende, und längst nicht jedes Stück erscheint zwingend, vor allem im zweiten, konventionelleren Teil mit der «Aufforderung zum Tanz» von Carl-Maria von Weber und den «falschen» Walzern in der Rosenkavalier-Suite von Richard Strauss. Was bleibt, neben Ligeti, sind die Choral-Stücke des Abends, «Eine feste Burg ist unser Gott» und die «Finlandia» von Sibelius, in die Venzago sein ganzes Herz legt.

Berner Zeitung

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