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«Kunstmuseum soll Aufwand nicht anderen überlassen»

Nächste Woche entscheidet das Kunstmuseum, ob es das Gurlitt-Erbe antritt. Der renommierte Kunstrechtsexperte Andrea Raschèr kritisiert die Kommunikationspolitik des Kunstmuseums Bern.

Oliver Meier
Was läuft hinter der Fassade? Das Kunstmuseum Bern hält sich seit Monaten bedeckt – Experte Raschèr findet das Schweigen «befremdlich».
Was läuft hinter der Fassade? Das Kunstmuseum Bern hält sich seit Monaten bedeckt – Experte Raschèr findet das Schweigen «befremdlich».
Ein ganzes Leben hatte er damit verbracht, möglichst kein Aufsehen zu erregen: Cornelius Gurlitt im November 2013.
Ein ganzes Leben hatte er damit verbracht, möglichst kein Aufsehen zu erregen: Cornelius Gurlitt im November 2013.
Hatte den Führer höchstpersönlich mit Kunst versorgt: Hildebrand Gurlitt, Vater von Cornelius Gurlitt.
Hatte den Führer höchstpersönlich mit Kunst versorgt: Hildebrand Gurlitt, Vater von Cornelius Gurlitt.
«Das alles ist eine grosse Büberei!», rief er den Fotografen laut der «Süddeutschen Zeitung» nach: Cornelius Gurlitt beim Verlassen seines Wohnhauses in München am 12. November 2013. (Screenshot Bild.de)
«Das alles ist eine grosse Büberei!», rief er den Fotografen laut der «Süddeutschen Zeitung» nach: Cornelius Gurlitt beim Verlassen seines Wohnhauses in München am 12. November 2013. (Screenshot Bild.de)
Reporter der französischen Peple-Presse spürten den scheuen Einzelgänger zuerst auf: Gurlitt in einem Einkaufszentrum in München Schwabing am 8. November 2013. (Screenshot «Paris Match»)
Reporter der französischen Peple-Presse spürten den scheuen Einzelgänger zuerst auf: Gurlitt in einem Einkaufszentrum in München Schwabing am 8. November 2013. (Screenshot «Paris Match»)
Henri Matisse: Dieses Gemälde einer sitzenden Frau ist nicht im Werkverzeichnis enthalten. Das Bild dürfte Mitte der 1920er-Jahre entstanden sein. Es wurde 1942 vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in einem Banktresor im französischen Libourne beschlagnahmt. Am 11. Juni 2014 wurde bestätigt, dass es sich dabei um Raubkunst aus dem Besitz des Kunsthändlers Paul Rosenberg handelt.
Henri Matisse: Dieses Gemälde einer sitzenden Frau ist nicht im Werkverzeichnis enthalten. Das Bild dürfte Mitte der 1920er-Jahre entstanden sein. Es wurde 1942 vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in einem Banktresor im französischen Libourne beschlagnahmt. Am 11. Juni 2014 wurde bestätigt, dass es sich dabei um Raubkunst aus dem Besitz des Kunsthändlers Paul Rosenberg handelt.
Bernhard Kretschmar, «Strassenbahn», undatiertes Aquarell
Bernhard Kretschmar, «Strassenbahn», undatiertes Aquarell
Christoph Voll, «Sprengmeister Hantsch», Zeichnung 1922
Christoph Voll, «Sprengmeister Hantsch», Zeichnung 1922
Christoph Voll, «Mönch», Aquarell 1921
Christoph Voll, «Mönch», Aquarell 1921
Théodore Rousseau, «Vue de la vallée de la Seine», undatierte Zeichnung
Théodore Rousseau, «Vue de la vallée de la Seine», undatierte Zeichnung
Otto Griebel, «Die Verschleierte», Aquarell 1926
Otto Griebel, «Die Verschleierte», Aquarell 1926
Wilhelm Lachnit, «Mann und Frau am Fenster», Aquarell 1923
Wilhelm Lachnit, «Mann und Frau am Fenster», Aquarell 1923
Wilhelm Lachnit, «Mädchen am Tisch», Aquarell 1923
Wilhelm Lachnit, «Mädchen am Tisch», Aquarell 1923
Auguste Rodin, «Etude de femme nue debout, les bras relevés, les mains croisées au-dessus de la tête», undatierte Zeichnung
Auguste Rodin, «Etude de femme nue debout, les bras relevés, les mains croisées au-dessus de la tête», undatierte Zeichnung
Conrad Felixmüller, «Paar in Landschaft», Aquarell 1924
Conrad Felixmüller, «Paar in Landschaft», Aquarell 1924
Fritz Maskos, «Sinnende Frau», Druckgrafik 1922
Fritz Maskos, «Sinnende Frau», Druckgrafik 1922
Erich Fraass, «Mutter und Kind», Aquarell 1922
Erich Fraass, «Mutter und Kind», Aquarell 1922
Bonaventura Genelli, «Männlicher Akt», undatierte Zeichnung
Bonaventura Genelli, «Männlicher Akt», undatierte Zeichnung
Hans Christoph, «Paar», Aquarell 1924
Hans Christoph, «Paar», Aquarell 1924
Ludwig Godenschweg, «Weiblicher Akt», undatierte Druckgrafik
Ludwig Godenschweg, «Weiblicher Akt», undatierte Druckgrafik
Ludwig Godenschweg, «Männliches Bildnis», undatierte Druckgrafik
Ludwig Godenschweg, «Männliches Bildnis», undatierte Druckgrafik
Otto Dix, «Dompteuse», Aquarell 1922
Otto Dix, «Dompteuse», Aquarell 1922
Otto Dix, «Dame in der Loge», Aquarell, 1922
Otto Dix, «Dame in der Loge», Aquarell, 1922
Carl Spitzweg, «Das Klavierspiel,» Zeichnung, um 1840
Carl Spitzweg, «Das Klavierspiel,» Zeichnung, um 1840
Honoré Damuier, «Don Quichote und Sancho Panza», Gemälde, um 1865
Honoré Damuier, «Don Quichote und Sancho Panza», Gemälde, um 1865
Befindet sich auf der im Internet veröffentlichten Liste: Das «Kind am Tisch» von Otto Griebels.
Befindet sich auf der im Internet veröffentlichten Liste: Das «Kind am Tisch» von Otto Griebels.
Grosser Fund: Das bis anhin unbekannte Selbstporträt von Otto Dix wird an der Pressekonferenz den Medien präsentiert.
Grosser Fund: Das bis anhin unbekannte Selbstporträt von Otto Dix wird an der Pressekonferenz den Medien präsentiert.
Von Gustave Courbets Bild «Mädchen mit Ziege» gibt es zwei Versionen, die beide im Werkverzeichnis deklariert sind. Das beschlagnahmte Bild wurde laut der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann erst 1949 auf einer Auktion versteigert. Das Bild geriet also erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die Sammlung Gurlitt.
Von Gustave Courbets Bild «Mädchen mit Ziege» gibt es zwei Versionen, die beide im Werkverzeichnis deklariert sind. Das beschlagnahmte Bild wurde laut der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann erst 1949 auf einer Auktion versteigert. Das Bild geriet also erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die Sammlung Gurlitt.
Eine Zeichnung von Carl Spitzweg: «Das musizierende Paar» ist eine Vorzeichnung zu einem Gemälde, das im Werkverzeichnis erfasst ist.
Eine Zeichnung von Carl Spitzweg: «Das musizierende Paar» ist eine Vorzeichnung zu einem Gemälde, das im Werkverzeichnis erfasst ist.
Marc Chagall: Gouache einer allegorischen Szene, nicht im Werkverzeichnis enthalten. Die Herkunft ist nicht eindeutig bestimmt.
Marc Chagall: Gouache einer allegorischen Szene, nicht im Werkverzeichnis enthalten. Die Herkunft ist nicht eindeutig bestimmt.
Max Liebermann: Neben dem Gemälde «Zwei Reiter am Strand» wurden weitere Zeichnungen und Skizzen Liebermanns gefunden.
Max Liebermann: Neben dem Gemälde «Zwei Reiter am Strand» wurden weitere Zeichnungen und Skizzen Liebermanns gefunden.
Franz Marc: Gouache, «Landschaft mit Pferden», Herkunft: Kunst- und Gewerbemuseum in Moritzburg.
Franz Marc: Gouache, «Landschaft mit Pferden», Herkunft: Kunst- und Gewerbemuseum in Moritzburg.
Diese Radierung Canalettos zeigt eine Ansicht von Padua. Die Herkunft ist nicht geklärt.
Diese Radierung Canalettos zeigt eine Ansicht von Padua. Die Herkunft ist nicht geklärt.
Ernst Ludwig Kirchners Farbholzschnitt mit Motiv eines Mädchens: In dieser Farbigkeit war die Druckgrafik Kirchners bisher nicht bekannt.
Ernst Ludwig Kirchners Farbholzschnitt mit Motiv eines Mädchens: In dieser Farbigkeit war die Druckgrafik Kirchners bisher nicht bekannt.
Leitet die Taskforce zur Sammlung Gurlitt: Kunsthistorikerin Meike Hoffmann an der Medienkonferenz zum Münchner Kunstfund. (5. November 2013)
Leitet die Taskforce zur Sammlung Gurlitt: Kunsthistorikerin Meike Hoffmann an der Medienkonferenz zum Münchner Kunstfund. (5. November 2013)
Meike Hoffmann vor einer Projektion eines der gefundenen Bilder.
Meike Hoffmann vor einer Projektion eines der gefundenen Bilder.
Der Leiter der Staatsanwaltschaft, Reinhard Nemetz (M.), an der Medienkonferenz zum Münchner Kunstfund. (5. November 2013)
Der Leiter der Staatsanwaltschaft, Reinhard Nemetz (M.), an der Medienkonferenz zum Münchner Kunstfund. (5. November 2013)
Über 100 Journalisten fanden sich zur Medienkonferenz ein.
Über 100 Journalisten fanden sich zur Medienkonferenz ein.
Hier wurden die Werke über ein halbes Jahrhundert gehortet: Eingang zum Haus mit Cornelius Gurlitts Wohnung in München. (4. November 2013)
Hier wurden die Werke über ein halbes Jahrhundert gehortet: Eingang zum Haus mit Cornelius Gurlitts Wohnung in München. (4. November 2013)
Machte den historischen Fund bereits im Frühjahr 2011: Zollbehörde in München. (4. November 2013)
Machte den historischen Fund bereits im Frühjahr 2011: Zollbehörde in München. (4. November 2013)
Cornelius Gurlitt – hier das Wohnhaus von aussen – ist der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der die Werke in den 30er- und 40er-Jahren aufgekauft hatte.
Cornelius Gurlitt – hier das Wohnhaus von aussen – ist der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der die Werke in den 30er- und 40er-Jahren aufgekauft hatte.
Handelte mit «entarteter Kunst»: Hildebrand Gurlitt. Ausriss aus dem Magazin «Focus» vom 4. November 2013.
Handelte mit «entarteter Kunst»: Hildebrand Gurlitt. Ausriss aus dem Magazin «Focus» vom 4. November 2013.
Der Berner Galerist Eberhard Kornfeld hat in der Vergangenheit mit Cornelius Gurlitt Geschäfte gemacht. (Archiv)
Der Berner Galerist Eberhard Kornfeld hat in der Vergangenheit mit Cornelius Gurlitt Geschäfte gemacht. (Archiv)
Bei den gefundenen Bildern handelt es sich um Werke von bekannten Künstlern: Der Maler Pablo Picasso.
Bei den gefundenen Bildern handelt es sich um Werke von bekannten Künstlern: Der Maler Pablo Picasso.
Aufgetaucht: «Die grossen blauen Pferde» von Franz Marc aus dem Jahr 1911.
Aufgetaucht: «Die grossen blauen Pferde» von Franz Marc aus dem Jahr 1911.
Max Beckmanns «Der Löwenbändiger» galt seit Jahrzehnten als verschollen.
Max Beckmanns «Der Löwenbändiger» galt seit Jahrzehnten als verschollen.
Das Kölner Auktionshaus Lempertz bestätigt, den «Löwenbändiger» in eine Auktion aufgenommen zu haben. (3. November 2013)
Das Kölner Auktionshaus Lempertz bestätigt, den «Löwenbändiger» in eine Auktion aufgenommen zu haben. (3. November 2013)
Auch Kunstwerke von HenriMatisse, ...
Auch Kunstwerke von HenriMatisse, ...
...von OttoDix...
...von OttoDix...
...sowie von Marc Chagall lagerten neben Müll in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.
...sowie von Marc Chagall lagerten neben Müll in der Wohnung von Cornelius Gurlitt.
Historischer Moment: US-General Dwight D.Eisenhower (vorne) inspiziert mit General Omar Nelson Bradley (links) und Generalleutnant George Patton (hinter Eisenhower) eine Salzmine bei Gotha,  wo das  Naziregime  geplünderte Gemälde und andere Schätze lagerte. Bild vom 12.April 1945.
Historischer Moment: US-General Dwight D.Eisenhower (vorne) inspiziert mit General Omar Nelson Bradley (links) und Generalleutnant George Patton (hinter Eisenhower) eine Salzmine bei Gotha, wo das Naziregime geplünderte Gemälde und andere Schätze lagerte. Bild vom 12.April 1945.
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Herr Raschèr, empfehlen Sie dem Kunstmuseum Bern, das Gurlitt-Erbe anzunehmen? Andrea F.G.Raschèr: Empfehlungen erhält das Museum derzeit genug. Ich will mich auch nicht an den Spekulationen und an der emotionsgeladenen Polemik beteiligen...

Sondern? Die Sache nüchtern analysieren. Wichtig ist, dass wir die Fakten festhalten: Die Sammlung Gurlitt umfasst rund 1600 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken – der Grossteil liegt in Bayern, der kleinere Teil in Salzburg. Fakt ist auch, dass die Sammlung Teile von Raubkunst und sogenannter «entarteter Kunst» enthält. Die Sammlung stammt von Hildebrand Gurlitt, der zu den wichtigsten Kunsthändlern des Dritten Reichs gehörte. Als Schlüsselfigur in Kunstfragen wusste er genau um die kriminellen Umstände der Herkunft mancher Werke. Vater wie Sohn Gurlitt profitierten direkt von den Raubzügen der Nazis.

Was folgt daraus? Für die Institution stellt sich zwangsläufig die Frage: Soll ein Schweizer Museum, das zu einem grossen Teil von der öffentlichen Hand finanziert wird, die Sammlung eines der wichtigsten Kunsthändler des Naziregimes in sein Haus aufnehmen? Eine Frage der Haltung.

Die Haltung in Bern scheint zu sein: Wir nehmen die «sauberen» Werke, die anderen geben wir zurück. Herkunftsforschung und Einigung mit den Erben überlassen wir Deutschland. Dazu habe ich eine klare Meinung: Falls das Kunstmuseum die Erbschaft antritt, liegt die Verantwortung voll und ganz beim Museum. Den Ertrag annehmen und den Aufwand anderen überlassen – das geht nicht. Der Makel der gewaltreichen Vergangenheit der Sammlung bleibt ohnehin bestehen. Ob jedoch dem Museum zusätzlich der Makel eines Profiteurs anhaften soll – dies zu beeinflussen, liegt an der Institution selbst. Wenn sie für verantwortungsvolle Recherchen sorgt, auf respektvolle Gespräche und Verhandlungen mit den Erben achtet, kann sie das vermeiden. Diese Aufgaben auszulagern, wäre schlicht schändlich.

Weshalb sollte das Kunstmuseum eine eigene Rechercheinfrastruktur aufbauen, wenn es doch eine deutsche Taskforce dafür gibt? Das ist Teil der Verantwortung. Allerdings braucht es dazu wohl fachliche Hilfe. Zweckmässig wäre, sich dafür freiwillig externer Begleitung und Aufsicht zu unterstellen, zum Beispiel der Unesco. Sollte das Kunstmuseum die Erbschaft annehmen, könnte es in einem ersten Schritt alle verfügbaren Dokumente digital der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen – das wäre ein deutliches Zeichen. Dann müssten die Erben und deren Recherchen einbezogen werden. Klar ist: Ein Vorhaben dieser Grössenordnung kostet Geld. Das Kunstmuseum müsste eigene Finanzen einsetzen, aber auch der Kanton Bern sollte es unterstützen.

Die Berner Diskussion dreht sich stark um die finanziellen Aspekte. Zu Recht? Oder ist das kleinmütig? Kosten spielen nun mal eine wichtige Rolle. Es wäre fahrlässig, die Kosten nicht in die Überlegungen einzubeziehen. Und da sich die Öffentlichkeit früher oder später auch finanziell daran beteiligen muss, darf man sich und der Öffentlichkeit nichts vormachen. Eine solche Sammlung gibt es nicht gratis.

Wo sehen Sie die Kostentreiber? Provenienzforschung, Personal, Depotraum, Kuratierung, Konservierung.

Und Prozesskosten? Immerhin sprach der Präsident des Jüdischen Weltkongresses jüngst von einer «Lawine von Prozessen». Das erscheint mir übertrieben. Das Museum kann durch sein Verhalten beeinflussen, ob aus einem Schneeball eine Lawine wird. Aber ein Restrisiko besteht immer.

Das Kunstmuseum sagt seit Monaten kein Wort zum Fall Gurlitt. Ist das die richtige Strategie? Ich finde es problematisch, dass der Stiftungsrat schweigt und die Öffentlichkeit spekulieren lässt. Dieses Schweigen befremdet, denn zumindest die Berner Öffentlichkeit ermöglicht durch Subventionen den Betrieb des Kunstmuseums. Sie hat ein Anrecht darauf, sich an den Diskussionen im Vorfeld zu beteiligen – und nicht nur den Beschluss zur Kenntnis zu nehmen.

Immerhin hat sich das Kunstmuseum klar zu den Washingtoner Prinzipien bekannt, die «faire und gerechte» Lösungen bei der Rückgabe von Werken verlangen. Reicht das im Falle einer Annahme? Das Bekenntnis ist das eine, die Anwendung der Prinzipien etwas anderes. In der Schweiz haben die meisten Museen gelinde gesagt Mühe mit der Anwendung. Sie wenden die Prinzipien sehr formalistisch und eng an, sodass die Repressionen und brutalen Verfolgungen der Nazis geradezu ausgeblendet werden.

Das bedeutet Sie stellen sich auf den Standpunkt, dass nur Kulturgüter zurückzugeben sind, die beschlagnahmt wurden. Viele Werke aber haben die Verfolgten, die Opfer, selber verkauft – in der Not! Ob ein Mensch seine Sammlung tief unter ihrem Wert verkaufen musste, um sich und seine Familie zu retten, das ist vielen Museen egal.

Was heisst das für das Kunstmuseum Bern? Die Washingtoner Prinzipien sind auch in Fällen von sogenanntem «Fluchtgut» anzuwenden. Das ist ein entscheidender Punkt. Vorbildlich verhielt sich das Bündner Kunstmuseum. Im Jahr 1999 gab es das Gemälde «Nähschule» von Max Liebermann den Erben bedingungslos zurück. Die Familie Silberberg hatte das Werk 1935 auf Druck der Nazis verkaufen müssen. Das Museum betrachtete das Verfolgungsschicksal der Familie und den Verkauf aus einer Zwangslage als ausschlaggebend. Würde sich das Kunstmuseum Bern ähnlich konsequent verhalten, wäre dies ein wichtiges Signal für andere Museen in der Schweiz.

Die geplante Vereinbarung mit den deutschen Behörden sieht offenbar vor, dass jene Werke in der Sammlung Gurlitt, die einst als «entartete Kunst» in deutschen Museen konfisziert wurden, als Dauerleihgaben in Deutschland bleiben sollen. Eine sinnvolle Lösung? Absolut, das vertrete ich seit Monaten.

Gemeinhin wird aber argumentiert, Werke der «Entarteten Kunst» seien in den Dreissigerjahren rechtmässig beschlagnahmt worden, mithin gebe es keine Verpflichtung, sie zurückzugeben. Am Anfang der Beraubung der Museen stellten sich die Nazis gegen Menschlichkeit und Kultur. Wenn sich heute eine Kulturinstitution zur Rechtfertigung auf ein kulturfeindliches Gesetz der Nazis abstützt, ist das stossend. Vor allem, wenn es ein öffentlich finanziertes Museum ist. Mit der Sammlung Gurlitt stehen wir am Anfang einer neuen Diskussion in Bezug auf die «entartete Kunst». Ich denke, die Museen müssen den Dialog suchen und zusammenarbeiten. Das Kunstmuseum Bern hätte die Chance, mit diesem einzigartigen Fall ein bedeutungsvolles Zeichen zu setzen.

Unter dem Strich: Sehen Sie mehr Chancen oder Risiken einer Annahme der Erbschaft? Der Fall Gurlitt geht weit über die Frage hinaus, ob das Kunstmuseum Bern die Erbschaft antritt oder nicht. Stellt es sich der Geschichte, kann das Kunstmuseum international Massstäbe setzen oder gar zum Vorbild werden. Es wäre eine grosse Chance für das Kunstmuseum, internationale Reputation zu erringen.

Und die Risiken? Offenbar müssen grundlegende Fragen noch geklärt werden: Ist das Testament wirklich gültig? War Gurlitt bei der Abfassung des Testaments noch im Vollbesitz seiner Kräfte? Ungeklärt ist zudem die Frage der Erbschaftssteuer. Ebenso die Frage, ob Bayern die Sammlung als bedeutendes Kulturgut taxiert, das Deutschland nicht verlassen darf.

Diese Fragen sind seit Monaten offen. Sie werden in den laufenden Verhandlungen doch hoffentlich geklärt. Ich fände es jedenfalls extrem risikoreich, einen Entscheid zu treffen, ohne dass darüber Klarheit besteht. Auf deutscher Seite kann es aber durchaus taktische Gründe dafür geben, genau diese Fragen in der Schwebe zu halten. Damit die Berner mit dem Risiko leben müssen...

...und aufgrund der Unwägbarkeiten die Erbschaft ablehnen? Da begeben wir uns ins Reich der Spekulationen. Wie gesagt: Daran beteilige ich mich nicht.

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