Kundgebung mit Kinderwagen

Die Teilnehmerinnen am Kinderwagenumzug fordern bessere Bedingungen für die Kinderbetreuung.

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Johannes Reichen

Es gebe viele Gründe, um auf die Strasse zu gehen, sagt Milena Wyss, aber am Ende gab dann dieser eine Grund den Ausschlag: Andreas Glarner. Der Aargauer SVP-Nationalrat hatte am Mittwoch im Parlament erklärt, der Frauenstreik sei doch nur eine «Wahlveranstaltung von linken bis linksextremen frustrierten und zu kurz gekommenen Frauen». Das sollte Wyss nicht auf sich sitzen lassen . Deshalb nimmt sie, von Kopf bis Fuss lila gekleidet, am Kinderwagenumzug, der um 10.30 Uhr beim Bärengraben startet.

Bis weit in den Aargauerstalden hinein stauen sich die Demonstrantinnen mit und ohne Kinderwagen. Ein paar hundert, womöglich wenige tausend Teilnehmerinnen werden es sein, und auch ein paar Männer, viele mit Kindern, laufen mit. Aber nur die wenigsten Teilnehmenden bekommen etwas mit von der kurzen Ansprache, die eine Frau hält. Aber das macht nichts, es wissen alle, worum es geht. «Ich selber habe keine Kinder», sagt Wyss, «aber ich zeige mich solidarisch.»

«Es geht noch immer ums Gleiche»

Viele Frauen halten Plakate in die Höhe. «Ich streike für den Ausbau der Mutterschaftsversicherung», steht hier, «Höchste Zeit für Elternzeit!», steht dort. Vor dem Abmarsch wird noch ein Lied gesungen. «Zyt und Gäld wei mehr ha, süsch schiists üs aa.» Dann geht es los. Die Teilnehmerinnen fordern einen «massiven Ausbau» des Mutterschaftsurlaubs und die Einführung einer Elternzeit, anständige Löhne und Bedingungen für die Kinderbetreuerinnen sowie Anerkennung der Arbeit in allen Sozialversicherungen.

Es geht gemächlich voran auf dem Kopfsteinpflaster, mit Trillerpfeifen und Trommeln. Eva Hardmeier läuft auch mit. Sie sei schon beim Frauenstreik 1991 mit ihrer Tochter dabei gewesen, heute ist auch die dritte Generation dabei. Das Thema Kita sei damals nicht so wichtig gewesen wie jetzt, aber im Grunde gehe es «leider» immer noch ums Gleiche: Um gleiche Chancen für Mann und Frau und um die Schwierigkeit, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

«Karriere bachab»

«Mütter müssen sehr viel zahlen für einen Kitaplatz», sagt Hardmeier und stösst den Kinderwagen über die Nydeggbrücke, «wenn sie denn einen finden.» Dort arbeiteten Frauen, die womöglich selber Kinder hätten und für Betreuung sorgen müssten. Und ganz am Ende des Schwanzes befänden sich die dann die Tagesmütter, die fast nichts verdienten. «Das muss sich ändern.» Am Umzug spüre sie grosse Solidarität. «Es berührt mich sehr, ich muss fast weinen.»

«Seit ich Mutter geworden bin, spüre ich Diskriminierung am eigenen Leib.»Cleo Werschler, Teilnehmende am Kinderwagenumzug

Auch Cleo Werschler ist mit einen Kinderwagen an den Umzug gekommen - und mit einem Plakat. «In der Kita bekommen alle gleich viel Aufmerksamkeit», steht darauf. Leider sei das nicht überall der Fall, sagt sie in der Gerechtigkeitsgasse. «Seit ich Mutter geworden bin, spüre ich Diskriminierung am eigenen Leib», sagt Werschler. Sie arbeite 80 Prozent, wolle nicht Vollzeit arbeiten, weswegen es für sie schwierig sei, eine neue Stelle zu bekommen. «Der Arbeitgeber hat das Gefühl, dass ich fehle, dass ich vielleicht noch mehr Kinder möchte.» So sehe sie ihre Karriere bachab gehen.

Der bunte und friedliche Umzug führt weiter durch die Kram- und Marktgasse und endet gegen Mittag auf den Bundesplatz.

Berner Zeitung

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