Kürzere Wartezeiten dank den Kita-Gutscheinen

Bern

Seit der Einführung des Gutscheinsystems können knapp 500 Kinder in der Stadt Bern mehr subventioniert werden. An Optimierungen arbeiten die Befürworter und die Gegner zusammen.

Bei Kindern mit sozialen Gefährdungen reichen pro Woche rund zweieinhalb Tage in der Kita für eine angemessene Integration, so die Erkenntnisse der zuständigen Fachstellen.

Bei Kindern mit sozialen Gefährdungen reichen pro Woche rund zweieinhalb Tage in der Kita für eine angemessene Integration, so die Erkenntnisse der zuständigen Fachstellen.

(Bild: Keystone)

Gutscheine für die Eltern anstatt Subventionen für die Kindertagesstätten: Dieses System gilt in der Stadt Bern seit etwas mehr als einem Jahr. Diverse Kitas eröffneten seit der Umstellung neue Gruppen, vereinzelt kam es zu Neueröffnungen wie im Kirchenfeld. Dort wurden im Verlauf des letzten Jahres die Kitas Kirchenfeld und Làpurzel gegründet.

Rund 500 zusätzliche Kinder erhalten jetzt in Bern Subventionen für die Kita-Plätze. Das Betreuungsangebot wurde um rund 230 Plätze erweitert. Mehrheitlich seien es aber Plätze von länger bestehenden privaten Kitas, die jetzt auch Gutscheine entgegennähmen, sagt Alex Haller, Leiter des Jugendamts Bern. «Das Angebot an Plätzen wächst nicht explosionsartig», so Haller, eine Erhöhung sei aber dennoch spürbar.

Dass es immer noch Eltern gibt, welche auf einen Kita-Platz warten, davon ist Haller überzeugt. Bei den städtischen Kitas seien die Wartelisten je nach Quartier kürzer geworden, so in Bümpliz oder Bethlehem. Gesamthaft könne das Jugendamt aber keine Auskunft über die Wartelisten geben, da keine Statistik mehr geführt werde.

Mehr Kinder aus dem Quartier

Bereits während des Abstimmungskampfes über das neue System war Marion Baldesberger, Leiterin der privaten Kita Krokofant im Breitenrainquartier, eine vehemente Befürworterin des Systemwechsels. Ihres Erachtens hat sich diese Veränderung bewährt und das bereits nach einem Jahr.

Seit der Änderung könnten viel mehr Kinder im Quartier bleiben und müssten nicht auf eine weit entfernte, öffentliche Kita ausweichen, sagt Baldesberger. «Die Gutscheine ermöglichen auch jenen Kindern einen Kita-Platz, deren Eltern sich zuvor die Kosten einer privaten Kindertagesstätte nicht leisten konnten», sagt die Krokofant-Leiterin. Das führe zu einer grösseren sozialen Durchmischung in der Kita, was Baldesberger als äusserst positiv erachtet.

Der Jugendamtsleiter lobt das neue System hingegen mit Vorsicht. «Die Erwartungen der Befürworter konnten einigermassen erfüllt und gewisse Befürchtungen etwas relativiert werden.» So sei es bis zum jetzigen Zeitpunkt zu keinem Qualitätsverlust bei den Kitas und auch zu keinem Anstieg der Kita-Preise gekommen, wie zu Beginn befürchtet worden sei. Die Arbeitsbelastung der Betreuungspersonen sei jedoch gestiegen, da die Auslastung der Kitas zugenommen habe.

Pensen tiefer eingestuft

Bei einigen Eltern führte der Systemwechsel zu einer Reduktion der Betreuungspensen. In der Tendenz seien Kinder davon betroffen, deren Entwicklung gefährdet sei oder deren soziale Integration nicht gewährleistet werden könne, sagt Haller. Dies liege daran, dass früher die Kita-Tage von den Eltern zum Teil selbst gewählt und nicht von Fachstellen beurteilt werden mussten.

So beanspruchten beispielsweise Kinder, die zu Hause nicht in einem deutsch sprechenden Umfeld aufwuchsen, oft hohe Pensen bis zu 100 Prozent. Fachstellen wie der Sozialdienst prüften daher, ob eine Betreuung dieses Ausmasses wirklich nötig sei, sagt Haller. In einigen Fällen seien sie zum Schluss gekommen, dass eine 50-Prozent-Betreuung dazu ausreichen würde, die Kinder angemessen zu integrieren.

Damit solche Beurteilungen einfacher gestaltet werden könnten, sei neu ein Leitfaden entwickelt worden, an dem sich die Fachstellen orientieren könnten, so Haller. Mit den Kürzungen der Kita-Pensen konnten die Kosten für den Zuwachs an Plätzen kompensiert und das Budget 2014 eingehalten werden.

Gegner arbeiten zusammen

Michael Köpfli (GLP), Befürworter des neuen Systems, reichte letzte Woche seine letzten Vorstösse im Stadtrat ein. Diese wollen das Kita-Wesen weiter verbessern. Er hat den Vorstoss gemeinsam mit Lea Kusano (SP), Alt-Stadträtin und Gegnerin des Gutscheinsystems, formuliert. Erarbeitet wurden diese in einer Begleitgruppe bestehend aus Politik, Verwaltung und Betreuungsinstitutionen, die im Verlauf des Jahres den Umsetzungsprozess des Systems mitverfolgt hat.

Grundsätzlich ist Kusano nach wie vor der Meinung, dass es die Umstellung nicht benötigt hätte. «Die Anpassungen hätten auch im alten System stattfinden können.» Die Systemfrage stelle sich aber heute nicht mehr, so Kusano. «Jetzt geht es darum, die Erneuerungen möglichst gut umzusetzen.» Dass ein Rechtsanspruch für Unterstützung geschaffen wurde, sei die wichtigste Errungenschaft, sagt Kusano.

Fristen seit Juli eingehalten

Über 2000 Gesuche hat das Jugendamt im ersten Halbjahr 2014 geprüft. Seit der Umstrukturierung müssen die Eltern jährlich einen Antrag stellen, um die Höhe ihres Gutscheines berechnen zu lassen. «Die Bearbeitung der Dossiers ist ein aufwendiger Prozess», sagt Haller. Dies sei der Grund, weshalb es im Frühjahr auch zu deutlichen Verspätungen gekommen sei und die Bearbeitungszeit bei einigen bis zu zwei Monate gedauert habe.

«Die anfänglichen Schwierigkeiten und Verzögerungen gab es vor allem bei unvollständigen Dossiers», sagt der Jugendamtsleiter. Auch neu selbstständig oder unregelmässig Erwerbende bereiteten dem Jugendamt Probleme, da sich die Berechnung ihrer Arbeitspensen als schwierig erwies. Mittlerweile seien aber interne Merkblätter erstellt worden, welche die grösstmögliche Gleichbehandlung sicherstellen sollten, erklärt Haller. Ausserdem könne seit Juli die vorgegebene Bearbeitungsfrist von zehn Arbeitstagen eingehalten werden.

Berner Zeitung

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