Kündigung, weil sie ihr Mittagessen nicht bezahlte

Bern

Cornelia Tosi verbrachte fast ihr ganzes Leben in der Stiftung Rossfeld – bis ihr letzten Herbst gekündigt wurde. Der Grund: Sie bezahlte ihre Mittagessen nicht. Deswegen wäre auch ein Nichtbehinderter entlassen worden, sagt die Direktorin.

Trotz ihrer Enttäuschung versucht Cornelia Tosi, ihr Leben weiter zu geniessen, wie etwa hier, in ihrem Lieblingscafé.

Trotz ihrer Enttäuschung versucht Cornelia Tosi, ihr Leben weiter zu geniessen, wie etwa hier, in ihrem Lieblingscafé.

(Bild: Beat Mathys)

Sheila Matti

Cornelia Tosi sitzt in ihrem Lieblingslokal in der Länggasse vor einem Glas Sirup und strahlt über das ganze Gesicht. Die zerebral gelähmte Frau ist eine Frohnatur, auch wenn sie in den letzten Monaten wenig Grund zum Lachen hatte.

Beinahe ihr ganzes Leben verbrachte Tosi in der Stiftung Rossfeld, einem Kompetenzzentrum für Menschen mit körperlicher Behinderung. Sie besuchte dort den Kindergarten, absolvierte eine Ausbildung und war anschliessend 35 Jahre in verschiedenen Positionen angestellt, zuletzt im Versand.

Früher wohnte sie sogar in der Stiftung, heute hat sie eine eigene Wohnung im Länggassquartier. «Ich habe mich im Rossfeld immer wohl gefühlt und hatte auch viele Arbeitskollegen, die mir ans Herz gewachsen sind», erzählt die 55-Jährige.

Aus diesem sozialen Umfeld wurde Cornelia Tosi im letzten Herbst herausgerissen. Nach beinahe 50 Jahren bei der Stiftung erhielt sie die Kündigung. Die Begründung des Rossfelds: Tosi versäumte es im Personalrestaurant mehrfach, ihr Mittagessen zu bezahlen.

«Insgesamt 111 Mahlzeiten blieben alleine im Jahr 2015 unbeglichen», führt Edith Bieri auf Anfrage aus. Sie ist Direktorin der Schulungs- und Wohnheime des Rossfelds.

«Die Kasse war nicht besetzt»

«Ich brauche nun mal etwas länger zum Essen», erklärt Cornelia Tosi ihr Fehlverhalten, «nicht nur, weil ich aufgrund meiner Behinderung langsamer bin, sondern auch, weil ich das gute Essen immer ausgiebig genossen habe.»

Deshalb sei sie erst jeweils gegen halb zwei Uhr fertig gewesen, und als sie dann bezahlen wollte, sei die Kasse geschlossen gewesen.

Diese Begründung ist für Edith Bieri nicht ausreichend: «Unser Personalrestaurant ist durch­gehend besetzt. Die Angestellten waren zu dieser Zeit nur bereits mit Aufräumen beschäftigt und deshalb nicht stetig an der Kasse. Frau Tosi hätte problemlos jemanden herbeirufen können.»

Konfrontiert mit dieser Aussage, erklärt Tosi: «Die Angestellten im Personalrestaurant waren immer so gestresst – da wollte ich sie nicht zusätzlich belästigen.»

«Wir wurden misstrauisch»

Beide Frauen machen Vorwürfe, die von der Gegenseite dementiert werden. Entsprechend viele Fragen bleiben offen.

So interessiert es, wie es möglich ist, dass die Stiftung Rossfeld über einen solch langen Zeitraum – immerhin wird Tosi vorgeworfen, schon seit 2013 regelmässig Mahlzeiten nicht bezahlt zu haben – nichts bemerkt hat.

Edith Bieri sagt dazu: «Weil Frau Tosi die Essen anfangs nur unregelmässig nicht bezahlt hat und verschiedene Angestellte im Personalrestaurant arbeiten, haben wir nichts festgestellt.

Erst als sie ab 2015 anfing, die Bezahlung regelmässiger wegzulassen, wurden die Mitarbeiter misstrauisch, und wir gingen der Sache auf den Grund.» Die Stiftung hat aus diesem Fall Konsequenzen für ihr Zahlungssystem gezogen (siehe Infobox).

«Wir behandeln alle gleich»

Zumindest in einem Punkt sind sich Bieri und Tosi einig: Als die Rollstuhlfahrerin am 28. Oktober mit den fehlenden Essenszahlungen von 2015 konfrontiert wurde, gestand sie ihr Fehlverhalten, entschuldigte sich und erklärte sich umgehend bereit, den offenen Betrag zu begleichen.

Eigentlich hätte die Geschichte an dieser Stelle gegessen sein können, doch das Rossfeld überreichte Tosi – «nach genauer Prüfung der Sach- und Rechtslage» – zwei Wochen später die Kündigung. Mit dabei die Rechnung über 1100 Franken für die nicht bezahlten Mittagessen von 2015. Jedoch, wie Tosi bemängelt, ohne detaillierte Abrechnung.

«Die Rechnung habe ich zwar beglichen, aber die Kündigung wollte ich nicht ohne weiteres akzeptieren», sagt Cornelia Tosi. Deshalb wendete sie sich mit ihrem Anliegen an den Rechtsdienst der Behindertenorganisation Inclusion Handicap, woraufhin dieser per Mail mit der Stiftung Rossfeld in Kontakt trat.

Allen Bemühungen zum Trotz hält das Rossfeld weiterhin an der Kündigung fest. Edith Bieri begründet diese scheinbare Sturköpfigkeit folgendermassen: «Hätte ein anderer Mitarbeiter – egal ob behindert oder nicht – das gleiche Fehlverhalten gezeigt, hätten wir ebenfalls mit einer Kündigung reagiert. Bei uns werden alle gleich behandelt, mit gleichen Rechten und Pflichten.»

Das Rossfeld sei der langjährigen Mitarbeiterin dennoch einen Schritt entgegengekommen: Es verzichtete auf eine Strafanzeige sowie auf eine fristlose Kündigung und bot Tosi zudem an, sie bei der Suche einer neuen Arbeitstelle zu unterstützen.

«Es gab mehrere Gründe»

Obwohl Cornelia Tosi die Kündigung mittlerweile akzeptiert hat, bezweifelt sie, dass diese allein durch die versäumten Essenszahlungen zustande kam. «Ich glaube, es gab noch einen weiteren Grund für die Kündigung», sagt sie und erzählt, dass sie ihren Arbeitgeber letztes Jahr auf ein arbeitsrechtliches Fehlverhalten aufmerksam gemacht habe. «Ich habe mich geweigert, mir unverschuldete Minusstunden mit der Gratifikation verrechnen zu lassen», erklärt sie. Ihre Aufmüp­figkeit habe wohl nicht allen ­gepasst.

Das Spekulieren über den tatsächlichen Kündigungsgrund hat Cornelia Tosi mittlerweile aufgegeben: «Obwohl ich froh bin, dass ich die ganze Geschichte nun hinter mir lassen kann, leide ich weiterhin unter der Kündigung – besonders weil mir meine Freunde doch sehr fehlen.»

Berner Zeitung

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