Kritzler Klee und sein amerikanischer Fussabdruck

«10 Americans. After Paul Klee» schreibt ein neues Kapitel der Klee-Forschung – und zeigt überzeugend auf, wie der Berner Künstler in den USA die abstrakten Künstler rund um Jackson ­Pollock beflügelte.

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«Master doodler», so nannte der amerikanische Künstler Robert Motherwell Paul Klee (1879– 1940). Meister-Kritzler. Das war keinesfalls abschätzig gemeint. Klees Arbeitsvorgehen, die «écri­ture automatique», entsprach den abstrakten Expressionisten in der neuen Welt. Anfang der Dreissigerjahre suchten an der Ostküste Künstler wie Jackson Pollock, Mark Tobey, Kenneth Noland oder Adolph Gottlieb nach einem neuen, ursprünglichen Kunststil, der sich abheben sollte von der europäischen Avantgarde, also vom Kubismus oder vom Surrealismus. Wie Klee übertrugen viele von ihnen Linien erst einmal aus dem Unterbewusstsein aufs Papier oder auf die Leinwand, um sie anschliessend zu überarbeiten und das Bild fertig zu komponieren.

Inspiration für Künstler

In Berührung mit Klees Arbeiten kamen sie durch englischsprachige Publikationen, gemeinsame Galeristen – oder durch Ausstellungen, unter anderem im Museum of Modern Art in New York (Moma). Bereits 1930 richtete die Institution Klee eine Einzelausstellung aus – ohne die grosse Masse damit zu bewegen. Anders sah es im aufstrebenden Kunstzirkel der abstrakten Expressionisten aus. Sie zeigten sich begeistert vom Künstler, der 1933 vor den Nationalsozialisten ins Berner Exil flüchtete und nur über die Korrespondenz mit ehemaligen Bauhaus-Künstlerkollegen wie Lyonel Feininger erfuhr, dass er auf der anderen Seite der Welt Einfluss nahm auf eine neue Künstlergeneration – erst als «artist’s artist», ab 1938 auch als breit gefeierter Künstler.

Obwohl sich ­Jackson Pollock über Paul Klees ­Kleinformate lustig machte, war er beeindruckt von dessen Umgang mit Linien.

Klee-Boom in den USA

Ende der Dreissigerjahre fand in New York ein wahrer Klee-Boom statt. Die Presse überschlug sich laut Feininger vor Lob. US-Sammler kauften Klee – meist über die konkurrierenden Galeristen Karl Nierendorf, Curt Valentin und Israel Ber Neumann. So auch Duncan Phillips, der als einer der ersten eine Klee-Sammlung auf amerikanischem Grund zugänglich machte. In seinem «Klee Room» konnten sich Künstler inspirieren lassen – und das taten sie rege, nicht nur Robert Motherwell (1915–1991), wie das Zentrum Paul Klee (ZPK) nun in seiner beeindruckenden Ausstellung «10 Americans. After Paul Klee» zeigt.

Zwei Jahre lang geforscht

Zwei Jahre lang forschte ZPK-Chefkuratorin Fabienne Eggelhöfer in den USA zu den Spuren, die Klee im abstrakten Expressionismus hinterlassen hatte. Niemand hatte sich zuvor tief­gehend mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Entsprechend gross ist der Erkenntnisgewinn. «10 Americans. After Paul Klee» gewinnt dem Klee-Œuvre nicht bloss eine neue Nuance ab, sondern kann nachvollziehbar aufzeigen, dass Klees Werke selbst in den grossformatigen Action-Paintings von Jackson Pollock (1912–1956) nachklingen. Obwohl sich Pollock über Klees Kleinformate lustig machte, war er beeindruckt von dessen Umgang mit Linien. Aus der Bewegung heraus sollten sie entstehen – und Pollock trieb dieses Dogma auf die Spitze, indem er seine Leinwände mit ganzem Körpereinsatz, also ganzer «Action», bearbeitete.

Grosser Einfluss

Eggelhöfer präsentiert zehn US-Künstler, in deren Schaffen sie nicht nur stilistisch, sondern auch über schriftliche Aufzeichnungen Klees Einfluss nachgewiesen hat. Darunter Gene Davis (1920–1985), der vor allem für seine streng geometrischen Streifengemälde bekannt ist und der schrieb: «Nimm irgendein Buch über Klee zur Hand, und du wirst eine Fülle von Streifen entdecken, ganz zu schweigen von Rastern.»

«Nimm irgendein Buch über Klee  zur Hand, und du wirst eine Fülle von ­Streifen entdecken, ganz zu schweigen von Rastern.»Gene Davis (1920–1985)

Neben Klees Rastern übten auch seine biomorphen Formen sowie das Verwenden von kalligrafischen Zeichen eine Faszination aus auf die US-Künstler. So fasste Davis seine Kunst ebenso breit wie Klee und stellte den ­geometrischen Bildern die Formsprache von Kinderzeichnungen gegenüber.

Zehn Kojen für zehn Künstler

Den «10 Americans» sind je zehn Kojen gewidmet, kleine Ausstellungen innerhalb der grossen Show. Auch wer sich nicht mit der Thematik auseinandersetzen mag, kann so über die visuelle Ebene einen vielseitigen Zugang finden – und in Vergessenheit geratene Positionen neu entdecken. Dazu gehört Norman Lewis (1909–1979), der als Afroamerikaner zwar nicht zum Kern der «weissen» Expressionistengruppe gehörte, wohl aber zur amerikanischen «Klee-Schule»: Kleine Strichmännchen arrangierte er so auf der Leinwand, dass sie aus kurzer Entfernung wie Hieroglyphen wirken und aus noch weiterer Distanz wie abstrakte Kleckse. Auf anderen Bildern stapeln sich Linien zu schier psychede­lischen Mustern. Dazugestellte, zum Verwechseln ähnliche Klee-Bilder lassen keinen Zweifel an der Inspirationsquelle zu.

Klar: Klee war nicht der einzige Einfluss auf die abstrakten Expressionisten. Doch wie prägnant seine Rolle war, erstaunt – nicht zuletzt, wenn man sich die Briefwechsel oder Katalogtexte aus den Dreissigerjahren im dokumentarischen Teil der Ausstellung zu Gemüte führt. Auch diese Archivalien sind Zeuge eines fruchtbaren Forschungsprojekts, das nun im ZPK und im Anschluss in der Phillips Collection in Washington D. C. der Öffentlichkeit präsentiert wird – und unser Bild von der Kunstgeschichte um ein Kapitel ergänzt. Nicht bloss um eine Nuance.

Ausstellung: bis zum 7. Januar, Zentrum Paul Klee, Bern.

Vernissage: heute Abend, ab 18 Uhr. Parallel zu «10 Americans» findet im Kindermuseum Creaviva die Ausstellung «Boxes» statt. Kinder können mit Kisten eigene Kunstwerke herstellen – und dabei lernen, dass der Ausgangspunkt grosser Kunst oftmals eine simple Idee ist. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.09.2017, 17:38 Uhr

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