Kommt die Velobrücke, muss das Haus weg

Bern

Am Montag läuft die Frist zur Mitwirkung an der geplanten Fussgänger- und Velobrücke ab. Wir haben uns im Baugebiet umgesehen und besorgte Menschen getroffen.

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Claudia Salzmann@C_L_A

An der Polygonstrasse 31 steht das Chalet der Familie Casaluci. Wenn die Velobrücke zustande kommt, muss dieses Gebäude weichen, und Casalucis werden enteignet.

«Wir werden jedes Rechtsmittel einsetzen, um uns zu wehren», erklärt Mario Casaluci. Er wohnt hier mit seiner Frau Nelly seit 40 Jahren.

An einer Infoveranstaltung der Behörden erfuhr die Familie, dass das Chalet wohl abgerissen werden müsste. «Das war wie ein Chlapf», erinnert er sich. Die Neuigkeit habe ihn in eine tiefe Existenzangst gestürzt.

«Wir wollen hier alt werden»

Der 71-Jährige zeigt stolz sein Daheim, im Treppenhaus reiht sich Fotorahmen an Fotorahmen mit Aufnahmen von Familienmitgliedern, das rustikale Wohnzimmer ist voll mit Porzellan, Orchideen und vielen Antiquitäten.

«Wir haben alles ausgebaut, und wir wollen hier alt werden», erklärt er und seufzt. Man wolle nicht dem Fortschritt im Weg stehen, aber «es geht hier um Menschen».

«Häuschen unbezahlbar»

Bei einem Bau der Brücke wäre auch Margrit Lehner betroffen: Sie wohnt an der Jurastrasse 71. Würde die Velobrücke gebaut, ginge diese dreissig Meter über ihr Dach. «Ich bin aber auch gegen die Brücke, weil ich den Nutzen nicht sehe. Wenn es etwas für Velofahrer bringen würde, würde ich nichts sagen», erklärt Lehner. Sie glaubt nicht, dass Velofahrer einen solchen Umweg auf sich nehmen, um an den Bahnhof zu gelangen.

Margrit Lehner wohnt seit 35 Jahren in ihrem Haus. Der Verlauf der Brücke über ihrem Dach wäre nach den Aussagen des Tiefbauamtes eine Art Enteignung. «Das Haus würde geschätzt werden, aber es hat keinen messbaren Wert», sagt sie. Jahrelang habe sie mit ihrer Familie selber renoviert. «Mein Häuschen und die Lebensqualität hier sind unbezahlbar», sagt sie.

Letzte Woche wurde sie vom Tiefbauamt eingeladen, um ihre Sicht darzulegen. «Die Verantwortlichen wollten mein Einverständnis für den Bau», erklärt sie. Der Beginn des Baus ist derzeit auf 2021 terminiert, just wenn Lehner pensioniert wird. «Ich will nicht die ersten Jahre im Baulärm verbringen», erklärt sie.

Blick in die Zukunft

Als fortschrittliches Projekt sieht es hingegen Thomas Gut, Leiter Entwicklung und Erhaltung vom Tiefbauamt, an. «Wir gehen von einem steigenden Anteil der Fahrradfahrten am Gesamtverkehr aus», erklärt Gut (weitere Meinungen siehe Box). Mit dem frühesten Baubeginn 2021 wäre die Brücke ab 2023 befahrbar.

Gut, der auch der Gesamtprojektleiter der Velobrücke ist, erklärt das Vorgehen: «Wir haben mit den Grundeigentümern Gespräche geführt, sowohl in Gruppen als auch einzeln, damit jeder seine Sichtweise darlegen kann. Es ist verständlich – und auch gut so –, dass die Brücke Diskussionen auslöst.» Die Vernehmlassungsfrist habe man auf Anfrage der Partizipationsteilnehmer und Anwohner auf Ende August verlängert.

Anwohner formieren sich

Gemeinsam mit anderen Anwohnern haben sich zur Interessengemeinschaft Anwohnende Projekt Velobrücke (IGAV) zusammengeschlossen. Am Montag läuft die Vernehmlassungsfrist dafür ab, eine Stellungnahme abzugeben.

In einem elfseitigen Dokument, das der Redaktion vorliegt, spricht sich die IGAV geschlossen gegen die Brücke aus. Vor allem Punkte, die sie direkt betreffen würden, wie Schattenwurf der Brücke, eingeschränkte Privatsphäre, Eingriff ins Landschaftsbild, werden genannt.

Handlungspotenzial sehen die Anrainer bei der Lorrainebrücke. Die Velobrücke in der hinteren Lorraine würde dies nicht lösen. Auch die geschätzte Zahl von 5000 Nutzern wird angezweifelt.

«Die Brücke ist nicht als Ersatz für die Lorrainebrücke gedacht, sondern als neues Netzelement, das heutige Verbindungen ergänzt», erklärt Thomas Gut. Die Zahl von 5000 Nutzern sei nicht aus der Luft gegriffen, man habe sich unter anderem auf das Gesamtverkehrsmodell des Kantons Bern gestützt, das als Standard in der Verkehrsplanung gelte. «Bereits jetzt nutzen mehrere Tausend Velofahrende täglich die Lorrainebrücke. Diese wird auch mit der neuen Velobrücke der Zubringer zum Bahnhof bleiben», erklärt Gut.

Berner Zeitung

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