Kommentar: Bern muss im Fall Gurlitt Grösse zeigen

Der Fall Gurlitt und das Vermächtnis ans Kunstmuseum hält die Juristen auf Trab. In einigen Punkten herrscht aber Konsens. Ein Kommentar von BZ-Ressortleiter Kultur Oliver Meier.

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Oliver Meier@mei_oliver

Der Schock ist vorbei. Die Fragen bleiben. Sie mehren sich gar auf unangenehme Weise. Gurlitts Vermächtnis an das Kunstmuseum Bern stellt die Institution ins Scheinwerferlicht der internationalen Öffentlichkeit. Und was tut man in Bern? Man duckt sich und denkt ans Geld. Man entfacht reflexhaft eine Kostendebatte und macht es jenen leicht, die ein Volk von Krämern am Werk sehen wollen. Oder eine popelige Provinz. «Es muss sich für uns lohnen», postuliert Museumsdirektor Matthias Frehner in der deutschen Presse. Und im Kantonsparlament lassen bürgerliche Sparpolitiker schon mal vorsorglich die Subventionsschleusen schliessen.

Man könnte das als Gebot der Vernunft interpretieren.Als Zeichen dafür, dass die Lehren aus Sündenfällen der Vergangenheit gezogen wurden. Mit Grossgeschenken hat Bern unliebsame Erfahrungen gemacht. Das Zentrum Paul Klee, gestiftet von Maurice E.Müller, ist für die öffentliche Hand zum teuren Mahnmal geworden, ein Sanierungsfall, der trotz gut verkauften Massnahmenpaketen noch immer nicht bewältigt scheint. Doch wie stichhaltig ist der raunende Verweis auf das Klee-Zentrum? Nüchtern betrachtet sind die Fälle kaum vergleichbar. Vorausgesetzt, in Bern reift nicht die abenteuerliche Idee, ein Gurlitt-Museum zu bauen.

Der Stiftungsrat des Kunstmuseums tut gut daran, das halbe Jahr zu nutzen, das ihm rechtlich für einen Entscheid zur Verfügung steht. Aber man darf sich keine Illusionen machen: Gewichtige Fragen wird man auch in sechs Monaten nicht beantworten können. Die Frage nach der genauen Zahl der problematischen Bilder gehört dazu. Zu gross erscheint die Gurlitt-Sammlung mit rund 1500 Werken, zu aufwendig die Provenienzrecherche im Einzelnen. Mithin wird sich auch das Ausmass der möglichen Rechtsfälle kaum abschätzen lassen.

Umso wichtiger ist es nun, Grösse zu zeigen und eine Haltung zu entwickeln, die Bestand hat – unabhängig von den Rechercheergebnissen, unabhängig vom Geld. Das Kunstmuseum muss sich fragen, ob es zum Gehilfen Gurlitts werden will, der bestrebt war, den Namen seines Vaters reinzuwaschen – und den deutschen Behörden eins auszuwischen. Es muss sich aber auch fragen, ob es nicht verantwortungslos wäre, die Erbschaft abzulehnen – weil sie womöglich in weniger geeignete Hände kommen würde.

Vor allem aber muss sich das Kunstmuseum klar darüber werden, wie es die moralische Gratwanderung bei der Rückgabe von Werken angehen würde. Dass sich das Museum freiwillig den Washingtoner Richtlinien unterstellt, die den Umgang mit Raubkunst regeln sollen, genügt nicht. Zu gross bleiben die Spielräume bei der Suche nach «fairen und gerechten Lösungen», wie sie die Washingtoner Richtlinien einfordern. Und ganz offen ist, wie mit den möglicherweise mehreren Hundert Werken in der Gurlitt-Sammlung moralisch zu verfahren ist, die von den Nationalsozialisten als «entartete Kunst» aus Museen konfisziert wurden. Bereits haben deutsche Kunstinstitutionen Anspruch darauf erhoben.

Das Kunstmuseum Bern muss entscheiden, wie viel Grosszügigkeit es sich leisten kann und will. Klar ist, dass die anfallenden Kosten in erster Linie durch das geerbte Vermögen und allenfalls durch den Verkauf von Bildern gedeckt werden müssten. Mag sein, dass diese Mittel belastet wären. Aber wo wären sie besser investiert als bei der Aufarbeitung und Bewältigung dieser dunklen Geschichte?

Ist die Grundhaltung geklärt, können getrost die Chancen der Erbschaft in den Blick genommen worden. Viel war in den letzten Monaten die Rede von einer Aufwertung des «Kunststandorts Bern». Gemeint war das Potenzial einer Fusion von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee. Ob die halbherzige Zusammenführung, die nun aufgegleist ist, den erhofften Effekt bringen wird, steht in den Sternen. Eine Sammlung Gurlitt aber würde den «Kunststandort Bern» mit Sicherheit aufwerten – unabhängig davon, wie viele Werke restituiert werden müssten.

Neben einer klaren Haltung braucht es eine überzeugende Kommunikationsstrategie. In dieser Hinsicht agierte das Kunstmuseum in der jüngeren Vergangenheit nicht immer glücklich. Zu nennen ist etwa die umstrittene Holcim-Ausstellung «Industrious» 2012, bei der die Museumsverantwortlichen vom erwartbaren Gegenwind völlig überrumpelt und überfordert schienen.

Eine transparente und offensive Kommunikation ist zwingend – in diesen Monaten, aber auch später, falls die Gurlitt-Sammlung tatsächlich einmal in der Bundesstadt gezeigt werden sollte. Erst wenn auch diese Voraussetzungen erfüllt sind, wird man sagen können: Bern ist nicht popelige Provinz. Im Fall Gurlitt beweist es Grösse.

oliver.meier@bernerzeitung.ch

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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