Kleinkrieg unter Kleinplakateuren

Bern

Zwei junge Berner mischen die Plakatierszene auf. Doch Platzhirsch Passive Attack überlässt ihnen das Geschäft nicht kampflos. Jetzt tobt ein Kleinkrieg um die begehrtesten Stellen.

Mission Plakatwerbung: Pamela Jauregui und Fabian Coskun hängen auf.

Mission Plakatwerbung: Pamela Jauregui und Fabian Coskun hängen auf.

(Bild: Raphael Moser)

Michael Feller@mikefelloni

«Wir hängen Plakate auf, weil es uns Spass macht», sagt Fabian Coskun (28) und giesst Eistee aus dem Tetrapak ein. Coskun und seine Geschäftspartnerin Pamela Jauregui (24) haben sich in ihrem Büro an der Berner Rathausgasse eingerichtet. An einer Kleiderstange hängen Pullover, die Coskun gestaltet hat, auf einem Tisch stapeln sich Plakate, die auf lo­kale Musikveranstaltungen hinweisen, Kisten voller Flyer stehen bereit. Einen Computer und einen Drucker gibts im Altstadtbüro mit der tief hängenden Decke – und einen Kühlschrank ­voller Eistee.

Hier ist das Hauptquartier von Fabulous Design, einem jungen Grafikbetrieb. Seit einem Jahr bietet das Duo eine neue Dienstleistung an: Für Kulturveranstalter hängen die beiden Plakate auf – unter dem Label Plakatier. Auf städtischen Plakatsäulen und wild – also verboten – auf Wänden in der ganzen Stadt Bern. Zu den Kunden gehören der Dachstock, die Turnhalle im Progr oder der Indoorspielplatz Bimano.

Für Coskun ist das Plakatieren Sport. Und Strassenkunst. Und Kick: Auf seinem Rennrad fährt er bis spätabends durch die Stadt, zückt das Klebeband, hängt die Plakate auf. Nur nicht erwischen lassen. Wildes Plakatieren zieht eine Ordnungsbusse nach sich – selbst im liberalen Umfeld der Stadt Bern (siehe Kasten).

Systematisch entfernt?

Bislang waren die Kleinplakate hauptsächlich die Sache von Passive Attack, der Berner Plakat­pionierin, die dieses Jahr ihr 20-Jahr-Jubiläum feiert. Und diese will ihr Geschäft nicht einfach so aus der Hand geben. Als «sehr offensiv» empfindet Coskun die Konkurrenz. An städtischen Plakatsäulen, die den Kulturveranstaltern zur Verfügung stehen, würden regelmässig Plakate entfernt. Auch Kulturveranstalter, die auf eigene Faust Plakate aufhängen, teilen diese Beobachtung.

In der Kulturszene macht das Gerücht die Runde, Plakateure von Passive Attack würden angewiesen, sämtliche Aushänge der Konkurrenz abzureissen. Geschäftsführer Thomas Baumgartner bestreitet dies (siehe weiter unten). Einig sind sich im Prinzip alle Akteure: Das Abreissen von Plakaten widerspricht nicht nur der Berufsethik, es ist auch nicht zulässig: Die vom Berner Tiefbauamt installierten Wände für Kleinplakate sind für alle da.

Offenbar nimmt der Konflikt mittlerweile abstruse Züge an. Die Ladenbeschriftung von Fa­bulous Design wurde mehrmals beschädigt, der Briefkasten wurde mit zerknüllten Plakaten verstopft. Die Konkurrenz verfolge die jungen Plakateure, um sogleich die Plakate wieder abzuhängen. «Man sollte doch einfach respektvoll miteinander umgehen können», findet Pamela Jauregui. Es gebe genug Stellwände für alle. «Natürlich wären wir froh über jede weitere. Doch mit gutem Willen würde man anein­ander vorbeikommen.»

Auf dem Buckel der Kultur

Der Streit wird auf dem Buckel der Kulturveranstalter ausge­tragen: Sie müssen mehr Plakate drucken, wenn sie ständig wieder entfernt werden. «Einerseits ist die Konkurrenzsituation zu begrüssen», sagt Kathy Flück, Programmleiterin des Dachstocks in der Reitschule. «Andererseits schadet es der Kultur, wenn ­dauernd die Plakate abgerissen werden.» Der Dachstock lässt die Plakate neuerdings vom Plakatier hängen, arbeitet aber für andere Dienstleistungen auch mit Passive Attack zusammen – das Angebot des Marktführers ist mittlerweile relativ breit.

Adrian Morgenegg vom Theater am Käfigturm ist seit Jahren Kunde von Passive Attack und ­zufrieden mit den Dienstleistungen. Er relativiert die Aufregung um den Plakateurstreit: «Das gehört dazu, wenn der Platz knapp ist. Es ging schon rau zu und her, als es Passive Attack noch nicht gab und alle auf eigene Faust Plakate aufhängten.»

«Wir wollen wachsen»

Doch Pamela Jauregui und Fabian Coskun wollen sich nicht durch Streitereien aufhalten lassen. Ihre Mission ist es, schöne Plakate schön aufzuhängen. «Wir wollen der Kulturstadt ein erschwingliches Medium für Werbung ermöglichen», sagt Jauregui. Dafür wollen sie ihr Netzwerk aufbauen: mit exklusiven Standorten an privaten Wänden und im Innern von stark frequentierten Gebäuden.

«Wir wollen wachsen, indem wir gute Arbeit machen», sagt Coskun. Das tönt banal. Im Fall der beiden Plakatiere steckt aber Fleiss und Schweiss dahinter: Bis spät in die Nacht flitzen sie auf dem Renner durch die Strassen und zücken das Klebeband.

Das sagt Passive Attack: «Alle halten sich daran, oder keiner hält sich daran»
Dass sich Plakateure gegenseitig die begehrten Wände streitig machen, sei «Courant normal», sagt Thomas Baumgartner von Passive Attack.

«Die neue Konkurrenz macht uns gar nicht nervös», sagt Thomas Baumgartner, Chef von Passive Attack, «das gab es immer wieder.» Passive Attack feiert dieses Jahr sein 20-Jahr-Jubiläum, hat viel Erfahrung, ein breites Angebot, einen Flyerdienst, auch eigene Plakatstellen.

«Wir sind nah an den Zielgruppen», sagt Baumgartner. Er beschäftigt zwanzig An­gestellte, die allerdings nicht nur in der Stadt Bern unterwegs sind, sondern im ganzen Kanton und auch in Solothurn und Freiburg Plakate aufhängen.

Stimmt es, dass Passive Attack Plakate der Konkurrenz systematisch abhängt? «Dass Plakate abgerissen werden von Dritten, Spaziergängern und auch von unseren Mitarbeitern, ist ein Fakt. Eine Systematik oder eine Anweisung gibt es nicht», sagt Baumgartner. Falls einer seiner Plakateure eine Stelle plakatiere und eine Stunde später sehe, dass seine Plakate nicht mehr hingen, sondern andere, sei klar, dass er sie wiederum entferne.

«Das passiert uns, und das passiert anderen. Es ist Courant normal.» Dass seine Mitarbeiter der Konkurrenz hinterherjagt? «Ich glaube nicht, dass das so passiert ist.» Von einem Kleinkrieg zu sprechen, findet er unverhältnismässig. «Krieg findet in Syrien statt, da muss man die Kirche im Dorf lassen.»

Die Auseinandersetzung beschränke sich auf wenige Stellen in der Innenstadt, die sehr begehrt seien. Für Baumgartner sind die Spielregeln klar: «Plakate lässt man hängen.» Und Regel zwei: «Alle halten sich daran, oder keiner hält sich daran». Abseits der offiziellen Plakatwände halte sich Passive Attack raus: «Wild plakatieren bieten wir nicht mehr an.»

Dass in der Stadt Bern überhaupt Plakatwände zur Ver­fügung stehen, verdanken die Kulturveranstalter zu einem guten Teil Passive Attack. Die Firma hat sich dafür und zu Beginn als Sprachrohr für die Kulturhäuser starkgemacht. Baumgartner schätzt, dass heute rund 85 Prozent der Stadtberner Veranstalter auf seine Dienste setzen. Passive Attack sei mit der Stadt in Verhandlung für weitere Plakatstellen.

Berner Zeitung

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