Klassik-Exil als kreativer Kick

Weil die Burgergemeinde das Kultur-Casino sanieren lässt, wird Berns wichtigster Klassiksaal für zwei Jahre geschlossen. Nun bangen die Veranstalter um das Publikum – und sorgen mit kreativen Lösungen für Aufsehen.

  • loading indicator
Oliver Meier@mei_oliver

Das ist ja der Hammer! Feingeistige Klassikhabitués mögen den Ausdruck verzeihen. Doch die Wortwahl drängt sich auf. Im März 2018 plant das Berner ­Symphonieorchester (BSO) ein ­Konzert der Superlative: In der Sporthalle Wankdorf wird die 6. Sinfonie von Gustav Mahler aufgeführt, bekannt als «Die Tragische». 85 Minuten dauert das Werk, und 120 Musiker sind dafür gefordert.

Berühmt ist die sechste nicht zuletzt, weil Mahler im dramatischen Höhepunkt des Finalsatzes drei Hammerschläge einkomponierte, die zum Bizarrsten gehören, was die Klassik zu bieten hat. «Kurze, mächtige, aber dumpf hallende Schläge von nicht metallischem Charakter», forderte Mahler. Meist kommen grosse bis riesige Holzhammer zum Einsatz.

Das schlagende Gastspiel des Berner Symphonieorchesters in der Wankdorfhalle ist der Not geschuldet: Von Juli 2017 bis Sommer 2019 ist das Kultur-Casino, die Hauptspielstätte des Orchesters, geschlossen. Die Burgergemeinde saniert das Gebäude für rund 70 Millionen Franken. Für Konzert Theater Bern (KTB) bedeutet dies eine ähnlich grosse Herausforderung wie die Sanierung des Stadttheaters.

Viele Varianten geprüft

Lange suchten die Verantwortlichen nach einer passenden Ersatzspielstätte. Geprüft wurden das Theater National, die Messehallen von Bernexpo und die alte Brauerei in Wabern. Sogar die frühere Kartonfabrik in Deisswil stand als Ausweichstätte für das Symphonieorchester zur Debatte. Schliesslich wurden sämtliche Alternativen verworfen, teils aus finanziellen Gründen, teils weil die Infrastruktur nicht genügte. Was am Ende blieb, war die naheliegendste Lösung – der Kursaal.

Noch im November 2015 hiess es, die Vertragsunterschriften seien reine Formsache. Das war allerdings zu optimistisch gedacht. Nach dem Wechsel in der Kursaal-Führung harzte es zunächst mit den Verhandlungen. Schwierig gestaltete sich die Terminfindung. Die etablierten Konzerttage Donnerstag und Freitag sind auch klassische Termine für lukrative Kongresse.

Konzert Theater Bern muss nun mit eher ungeliebten Wochenendterminen vorliebnehmen, wenn die Klassikkonkurrenz am grössten ist. Auch auf den wenig attraktiven Montag muss ausgewichen werden. Geplant sind für die kommende Saison zehn doppelt geführte Abokonzerte im Kursaal, dazu das Gala- und das Neujahrskonzert.

Künstlicher Nachhall

Die Begeisterung für die Ersatzspielstätte Kursaal hält sich in Grenzen. Grund dafür ist nicht zuletzt die schwierige Akustik: Sie ist derart trocken, dass selbst bei nicht musikalischen Veranstaltungen vieles verpufft. Konzert Theater Bern plant nun, mit elektroakustischen Mitteln die Situation zu verbessern. «Wir müssen einen Nachhall erzeugen», sagt Xavier Zuber, Opern- und Konzertdirektor von Konzert Theater Bern.

«Im hinteren Bereich des Saals wird ein Lautsprechersystem installiert.» Laut Zuber sind dafür Investitionen von rund 100 000 Franken notwendig. Die Kosten teilen die Veranstalter KTB, Camerata Bern und Meisterzyklus unter sich auf. Ob man Klassikpuristen mit «künstlichen» Eingriffen nicht vergrault?

Zuber sagt: «Das ist möglich. Entscheidend ist für uns, dass die Massnahmen transparent kommuniziert werden.» Am 18. März um 11 Uhr ist für Abonnenten und weitere Interessierte ein Informationsanlass im Kursaal geplant.

Finanziell kommt die Burgergemeinde den Veranstaltern entgegen. Im Kultur-Casino muss Konzert Theater Bern zwar formell eine Miete bezahlen, wird aber im gleichen Umfang von der Burgergemeinde subventioniert.

Dieser Betrag – die Rede ist von einer halben Million Franken – fliesst nun auch für die Ersatzspielstätte. Hinzu kommt gar noch ein «abrufbarer» Beitrag in Höhe von 300 000 Franken für Konzerte ausserhalb des Kursaals.

Risiken sind vorhanden. Wie gross beim Berner Symphonieorchester die Einbussen sein werden, ist schwer kalkulierbar. Das Orchester steht vor der Herausforderung, seine rund 1800 Abonnentinnen und Abonnenten während der Umbauzeit bei der Stange zu halten.

Late Night im Kursaal

Die Verbannung der Veranstalter aus dem Casino ins Exil hat auch ihr Gutes. Sie erhalten einen kreativen Kick. Das Konzert in der Sporthalle Wankdorf gehört dazu. Weitere Sinfoniekonzerte plant das Symphonie­orchester in Kirchen und im Stadttheater, hinzu kommen Kammerkonzerte in speziellen Lokalitäten.

Auch Late-Night-Konzerte im Kursaal sind geplant. Die spektakulärste Alternativlösung indes haben die Veranstalter der Migros-Kulturprozent-Classics gefunden, die ihre Abonnenten per Extrazug ins Kultur- und Kongresszentrum Luzern verpflanzen.

Exil als Chance – das gilt nicht zuletzt für Konzert Theater Bern. Fünfzehn doppelt geführte Sin­foniekonzerte bot das Orchester bisher, hinzu kamen zahlreiche Extra- und Kammerkonzerte. Das Problem: Die durchschnittliche Auslastung bei den BSO-Konzerten im Kultur-Casino beträgt gerade mal 58 Prozent. Doch eine Reduktion des Konzertangebots ist betriebsintern tabu.

Die Frage sei, wie es gelinge, «ein neues Publikum anzusprechen und zugleich das Stammpublikum zu halten», sagte Intendant Stephan Märki zuletzt. Die sanierungsbedingte Verbannung zeigt einen möglichen Weg: raus aus dem goldenen Ghetto, raus in die Stadt – und neue Konzertformate für ungewöhnliche Orte.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt