«Klassik bringt zu wenig Auslastung»

Vor der Eröffnung des frisch renovierten Casinos spricht Kulturchef Nik Leuenberger über seine Aufgabe, das burgerliche «Gesellschaftshaus» breiter zu positionieren – ohne Subvention der Burgergemeinde.   

Der Puls ist leicht erhöht: Kulturchef Nik Leuenberger kurz vor der Eröffnung des Casinos. Foto: Christian Pfander

Der Puls ist leicht erhöht: Kulturchef Nik Leuenberger kurz vor der Eröffnung des Casinos. Foto: Christian Pfander

Michael Feller@mikefelloni
Marina Bolzli@Zimlisberg

Hier wuselt es noch gewaltig kurz vor der Eröffnung. Ist im Casino zur Wiedereröffnung die Farbe trocken?
Wir sind im Landeanflug. Und ja, es soll nach frischer Farbe riechen dieses Wochenende.

Nach dem ersten BSO-Konzertabend ist Stephan Eicher zu Gast. Ein sicherer Wert.
Das hat einfach gchlepft, der Abend war im Nu ausverkauft. Wir hätten besser drei Vorstellungen angesagt als eine. Aber das geht natürlich nicht am Eröffnungswochenende. Es gibt Anlässe, bei denen man auf Sicherheit macht, die bestimmt funktionieren.

Ein vermeintlich sicherer Wert sind auch die drei Konzerte von BSO mit Lo & Leduc im November. Doch sie sind noch längst nicht ausverkauft.
Wir sind sehr zufrieden mit dem Vorverkauf. Es wurden bereits viele Billette gekauft, obwohl wir noch überhaupt keine Werbung gemacht haben. Wir überlegen uns sogar, eine Zusatzvorstellung zu machen. So was funktioniert, wie bei allem, wo ein grosser Name draufsteht.

Sie sind für das Kulturprogramm zuständig, das über die bisherigen Symphoniekonzerte im Grossen Saal hinausgeht. Was möchten Sie damiterreichen?
Es ist eine Öffnung in andere Genres. Die Konzentration auf den Klassikbetrieb schränkt das Haus zu sehr ein, und das tut dem Betrieb als Ganzes nicht gut, auch nicht dem Gastrobereich.

Warum eigentlich?
Weil das bestehende Klassikprogramm mit Berner Symphonieorchester, Meisterzyklus und Migros Classics funktioniert, aber zu wenig Auslastung bringt. Und weitere grosse Klassikanbieter, die man ins Haus holen könnte, gibt es nicht. Man kann also nicht rein auf Klassik setzen. Das Haus ist gebaut als Veranstaltungshaus, als Gesellschaftshaus. Es ist ja schade, wenn man diese Säle einfach leer lässt.

In Zukunft gibt es hier mehr Kleinkunst. Kein Wunder, die haben Sie ja auch im Casinotheater in Winterthur programmiert.
Mein Weg führt mich zu dem, was ich kenne. Das sind Kleinkunst und Satire. Aber wir machen nicht ein Vollprogramm, sondern setzen sie punktuell ein, um die Kapazitäten des Hauses auszunutzen.

Reichen punktuelle Anlässe dafür, eine Linie erkennen zu lassen?
Ich weiss es nicht. Wir starten einen Versuch, das ist mein Auftrag. Wir können den Burgerratssaal nicht einfach als Kleinkunstbühne etablieren, das ergibt auch nicht Sinn in diesem Haus. Darum muss man schauen, wie viel es leiden mag, auch im Hinblick auf andere Veranstalter wie die Cappella, die in diesem Bereich seit Jahren aktiv ist. Die Frage ist berechtigt: Wie viel muss man machen, damit man wahrgenommen wird? Das müssen wir jetzt herausfinden.

In der Cappella treten Künstler wie Christoph Simon oder Lisa Catena seit Jahren auf, nun sind sie im Herbst auch hier programmiert. Graben Sie der Cappella nicht das Wasser ab?
Nein, das denke ich nicht. Es sind andere Formate. Das Satireformat mit Lisa Catena gab es vorher bereits im Radio, aber niemand hatte es auf die Bühne gebracht. Natürlich stehen wir in einer gewissen Konkurrenz, weil wir beide Veranstalter sind. Aber das ist ja nicht verboten. Wir tauschen uns auch aus, gerade mit Christoph Hoigné von der Cappella bin ich in Kontakt. Und aus der Musikbranche haben wir positive Rückmeldungen. Die Musiker haben keine Mühe, einmal hier zu spielen und dann wieder im Dachstock.

Man könnte auch etwas ganz anderes machen.
Vielleicht haben Sie ja bessere Ideen, dann bin ich offen für Tipps. In Bern wird ja schon lange veranstaltet, und die Veranstalter sind am Puls. Ich habe keinen Wissensvorsprung und kann keine völlig neuen Künstlerbringen.

Mit der Burgergemeinde im Rücken kann man doch ganz andere Risiken eingehen.
Das stimmt eben nicht. Zumindest wüsste ich nichts davon. Ab morgen müssen wir auf unser Budget achtgeben wie andere auch.

Wie gross ist denn ihr Budget?
Das ist variabel, je nach Anzahl und Grösse der Anlässe. Wir haben nicht so und so viele Millionen, das ergibt sich je nach Angebot. Es ist wirklich ein privatwirtschaftlicher Betrieb ...

… der gefördert wird durch die Burgergemeinde.
Wir haben keine Grundsubventionierung der Burgergemeinde, das ist vertraglich festgehalten. Wir können uns wie andere Veranstalter auch bewerben um Unterstützung für einzelne Projekte. Bislang haben wir das nicht gemacht. Ich weiss, das Stigma Burgergemeinde klebt mir auf der Stirn. Das haben wir auch gemerkt in den Verhandlungen mit Künstlern.

Sie haben zu hohe Gagengefordert?
Nun ja, wir mussten etwas kommunikative Arbeit leisten und klarmachen, dass wir am Markt arbeiten. Ich bin nichts anderes gewohnt und versuche immer, die Kosten zu optimieren.

Wie zum Beispiel?
Wir konnten im Untergeschoss des Casinos eine Künstlerwohnung einrichten, damit wir nicht immer ein Hotel buchen müssen. Ich habe es mit günstigen Möbeln und einer kleinen Küche eingerichtet. Bei mir kommt es auf 50 Franken mehr oder weniger an, das ist so.

Echt, eine Künstlerwohnung im Keller?
Ja, aber der Keller ist wunderschön, er liegt im Aarehang. Die Wohnung hat beste Sicht aufs Schwellenmätteli.

Sie wollen ein breiteres Publikum erreichen – aber wenn man ins Casino kommt, sieht man Gold und Glanz, nur hochwertigste Materialen, teure Möblierung. Bringt man mit diesem Pomp ein neues Publikum ins Casino?
Das Haus selber ist denkmalgeschützt. Man übernahm den alten Stil in den Gängen, in den Treppenhäusern, oben im Saal. In der Gastronomie gibt es aber schon eine gewisse Modernität. Das war auch das Ziel der Innenarchitekten. Sie können zum Beispiel mit Licht Stimmungen erzeugen. Dazu haben sich genug Leute viel überlegt.

Wo haben Sie im Programm am meisten riskiert?
Die Variétés am Jahresende schlucken sehr viele Kapazitäten. Ich kenne die Idee aus dem Casinotheater Winterthur. Dort gibt es das Format seit fünfzehn Jahren, jährlich 23 Vorstellungen, immer ausverkauft. Die Leute kommen wieder, Anwaltskanzleien, Familien. Firmen kaufen ganze Abende. In Bern gibt es das noch nicht, hier bauen wir alles von Grund auf neu auf. Mit Bänz Friedli, mit hochstehenden internationalen Akrobaten und Musik. In einem Konzerthaus mit dieser Geschichte sind die Ansprüche hoch.

Wie hoch ist der Puls, so kurz bevor es losgeht?
Wir können es kaum erwarten, bis das Casino aufgeht. Als Veranstalter zwei Jahre nicht zu veranstalten und nur vorzubereiten, ist eine lange Zeit. Ich kenne es von früher vom Zirkus Knie, dort gibt es dieses Gefühl jedes Jahr. Kurz vor der Premiere gibt es noch so viel zu tun, eine Punktlandung muss her. Ich mag die Situation. Wir arbeiten momentan etwas mehr als normal, aber das Ziel der Eröffnung hat viel Energie freigesetzt. Von daher ist der Puls, ja, leicht erhöht (lacht).

Der gebürtige Thuner Nik Leuenberger (44) plant seit gut zwei Jahren als Kulturchef des Casinos das Programm, das künftig über die Klassikkonzerte im grossen Saal hinausgehen soll. Zuvor arbeitete er vier Jahre lang als künstlerischer Leiter des Casinotheaters Winterthur. Von 2004 bis 2012 zog er als Mediensprecher des Zirkus Knie durch die Schweiz.

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