Bern

Kitag opfert dem Multiplex ihre Kinos in der Stadt

BernDie Kinokette Kitag zieht sich aus der Berner Innenstadt zurück und bündelt die Kräfte im Multiplex an der Autobahn bei Muri. Nicht zur Freude der kleinen Kinos auf dem Land.

Kitag-Chef Philippe Täschler führt durch den Rohbau des neuen Multiplex bei Muri. Anfang April ist Eröffnung.

Kitag-Chef Philippe Täschler führt durch den Rohbau des neuen Multiplex bei Muri. Anfang April ist Eröffnung. Bild: Franziska Rothenbuehler

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Der Appell aus dem Kino um die Ecke in Belp tönt dramatisch. «Heute Montagabend befinden sich fünf Personen in Saal 1 und neun Personen in Saal 2, dies deckt circa ein Drittel unserer Kosten», schreibt Betreiber Daniel Tschanz im Newsletter von Mitte Woche. Generell hätten sich die Besucherzahlen innerhalb von zwei Jahren halbiert, und so sehe er nur zwei Möglichkeiten. Erstens: «Ende Jahr den Laden dichtmachen», oder zweitens: «Gring ache u seckle!»

Künftig wird das Geschäft für ihn und seinen Mitgesellschafter Manuel Zach noch härter. Denn jetzt wird knapp zehn Kilometer vom kleinen Landkino entfernt die mächtige Konkurrenz aktiv: Am 5. April eröffnet die ­Kinokette Kitag am Autobahnanschluss Muri ihr Multiplexkino.

Im neuen Cinedome hält die Swisscom-Tochter nicht weniger als zehn Säle bereit, darunter das erste IMAX der Region «mit der grössten Leinwand Berns», wie Geschäftsführer Philippe Täschler auf einem Rundgang durch den Rohbau erläutert.

Zwölf Bowlingbahnen und eine Gamezone bieten dazu Gelegenheit für Spiel und Spass. Das Restaurant im Gebäude wird Kitag dagegen nicht selber betreiben. Sie überlässt das Lokal der deutschen Burgerkette Hans im Glück, die so zu ihrer ersten Filiale in der Schweiz kommt.

Die teuren Parkgebühren

Noch kann niemand abschätzen, wie der neue Komplex die regionale Kinowelt verändern wird. Das werde sich erst nach einem oder zwei Jahren zeigen, wenn sich das neue Angebot ein Stück weit etabliert habe, sagt zum Beispiel Kinobetreiber Alain Marti aus Thun.

Derweil Manuel Zach, der auch in Burgdorf und Lyss Kinos führt, an die Eröffnung vom Pathé Westside in Bern-Brünnen vor bald zehn Jahren erinnert: Die Eröffnung des ersten Multiplexkinos in der Region Bern sei hier wie dort spürbar gewesen. Mittlerweile habe sich die Situation aber stabilisiert, wenn auch auf tieferem Niveau.

Sicher sagen lässt sich zurzeit nur, welche Folgen das Cinedome für die heutigen Berner Kinos der Kitag-Gruppe hat. Diese stehen alle in der Innenstadt und damit in einem Umfeld, das Täschler als «schwierig» bezeichnet. Wegen der hohen Mieten genauso wie wegen der hohen Parkgebühren – «es kann doch nicht sein, dass man fürs Parkieren mehr bezahlt als für den Kinoeintritt».

Diese sechst Kitag-Kinos in der Berner Innenstadt gehen zu.

Schon seit längerem zieht sich Kitag Stück für Stück aus dem angestammten Gebiet zurück. Gerade hat sie das ­Kino City mit seinen drei Sälen geschlossen, und in forschem ­Tempo geht es nun weiter. Ende Monat gehen das Kino Alhambra (ein Saal) und Capitol (zwei Säle) zu, ihnen folgen bis Ende Jahr die Kinos Gotthard (ein Saal) und Jura (drei Säle). Bleibt das Splendid (zwei Säle), doch auch seine Tage sind gezählt. Man lasse noch den bestehenden Mietvertrag auslaufen, 2019 oder 2020 – «so genau weiss ich es gerade nicht» – werde auch hier Schluss sein.

Kitag verlegt sich also voll auf Muri, wobei Täschler sagt: «Das Kino Jura hätten wir gerne be­halten.» Der Vermieter habe aber andere Pläne mit dem Gebäude.

Hoffnung hier und da

Solche Aussichten machen Edna Epelbaum alles andere als Freude. Die Unternehmerin aus Biel besitzt mit Quinnie die zweite grosse Kinogruppe in Bern, und sie hält bewusst an der Innenstadt fest. Weil Kinos wie die Restaurants für Leben und sozialen Zusammenhalt sorgten – mit harschen Worten kritisiert auch sie die teuren Mieten und Parkplätze, fordert, dass sich «die Politik um solche Fragen der Stadtentwicklung kümmert».

Kollege Alain Marti in Thun hofft derweil, dass das Cinedome in Muri «nicht derart einschlägt wie seinerzeit das Pathé Westside». Ein wichtiger Teil seiner Kundschaft stamme nach wie vor aus dem Osten und Norden der Agglo Bern, von wo aus das Pathé Westside nicht besser zu erreichen sei als Thun.

Zumal sein erst im Mai 2014 neu eröffnetes Kino Rex sehr wohl Stärken habe: «Es bietet mit fünf Sälen ein Multiplex-Erlebnis in der Innenstadt, mit einem vielfältigen Programm im Haus selber und einer vielfältigen Gastronomie in der Nachbarschaft.»

Optimistisch stimmen könnten ihn die Erfahrungen von Manuel Zach, der einen Trend zurück ins kleine, regionale Kino feststellt, «wo man die Angestellten noch kennt». Vor diesem Hintergrund zieht er für das Kino um die Ecke in Belp nur die zweite Möglichkeit in Betracht: «Gring ache u seckle!» (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.02.2018, 12:27 Uhr

Pathé Westside oder Cinedome Muri?

Ob das Cinedome Muri ei­nen so fulminanten Start hinlegen wird wie das ­Pathé Westside, ist nicht von vornherein sicher.

Das Pathé Westside überraschte alle: Das im Herbst 2008 eröffnete erste Multiplexkino der Region überholte bereits in seinem ersten vollen Geschäftsjahr 2009 die Kinos in der Berner Innenstadt. Es erreichte mit seinen elf Sälen aus dem Stand einen Marktanteil von über 40 Prozent. Bis Ende 2016 kletterte der Anteil auf über 55 Prozent, neuere Zahlen sind nicht verfügbar.

Ob dem Cinedome Muri ein ähnlich fulminanter Start gelingen wird? Niemand wagt eine Prognose, doch Branchenkenner weisen darauf hin: Ein Multiplexkino ist allein noch kein Garant für einen Erfolg. Kitag erlebe dies zurzeit im ­Cinedome Biel, das auch gut zwei Jahre nach dem Start harzig laufe. Weil die Autobahn zwar nahe, die Erschliessung mit dem Linienbus aber mässig sei und auch ein reichhaltiges Gastro­angebot fehle.
Kitag-Chef Philippe Täschler will von all dem nichts wissen. «Mit den Zahlen des Cinedome Biel sind wir sehr zufrieden», führt er aus und betont, dass für ein Multiplexkino die gute Erreichbarkeit mit dem Auto viel entscheidender sei als der gute Anschluss an den öffentlichen Verkehr. Deshalb zeigt er sich auch optimistisch für das Cine­dome Muri. Auch wenn dort der Busfahrplan noch etwas weniger dicht und die Distanz zur nächsten S-Bahn-Station ähnlich weit ist – für das junge Publikum eines Multiplex fallen solche Kriterien ins Gewicht.

Das Pathé Westside hat es in dieser Beziehung jedenfalls besser. S-Bahn, Tram und Postauto halten vor der Eingangstür, und das Erlebnisbad sowie zahlreiche Restaurants bieten ein vielfältiges Drumherum. skk

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