Kirchenasyl zeigte doch Wirkung

Belp

Eine eritreische Frau und ihr 8-jähriger Sohn hätten bis Freitagnacht ausgeschafft werden müssen. Der Kanton Bern führte die Rückführung aber nicht durch.

Sie müssen die Schweiz doch nicht verlassen: Freweyni              Beyene und ihr achtjähriger Sohn Nimerod.<p class='credit'>(Bild: Manu Friederich/zvg)</p>

Sie müssen die Schweiz doch nicht verlassen: Freweyni Beyene und ihr achtjähriger Sohn Nimerod.

(Bild: Manu Friederich/zvg)

Quentin Schlapbach@qscBZ

Kurz nach 17 Uhr fielen René Schaufelberger und seinem Pfarrteam in Belp die Steine gleich ­tonnenweise vom Herzen. Das Berner Amt für Migration und Personenstand (MIP) schickte Balz Oertli vom Solidaritätsnetz Bern, dem Rechtsvertreter der eritreischen Familie, eine Mail. Darin lud das Amt Oertli und die eritreische Frau zu einem Gespräch am 24. November ein. Von da an war für das Pfarrteam klar: Das MIP wird die Ausschaffung der Familie nach Italien vor Ablauf der Frist am Freitagabend nicht mehr durchführen.

Dem Gespräch gingen stundenlange Verhandlungen mit Kantons- und Bundesämtern ­voraus. Auf Basis des Dublin-Abkommens hätten Freweyni Beyene und ihr 8-jähriger Sohn Nimerod bis Freitagnacht nach Italien ausgeschafft werden müssen. Weil die Mutter schwer traumatisiert und gemäss ärztlichen Gutachten suizidgefährdet ist, entschloss sich das Pfarrteam der Kirchgemeinde Belp, der Frau Kirchenasyl zu gewähren.

Eine schlaflose Nacht

Am Donnerstag erhielt das Pfarrteam einen Brief vom MIP. In diesem Schreiben bekräftigte Amtschef Markus Aeschlimann noch einmal, dass seine Behörde gewillt ist, die Rückweisung durchzuführen. Das Pfarrteam setzte darauf alle möglichen Hebel in Bewegung, um die Ausschaffung doch noch zu verhindern. Es begannen lange Stunden des Wartens. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag war die Anspannung am grössten, weil jederzeit die Polizei vor der Türe des Kirchgemeindehauses hätte stehen können, um die eritreische Familie abzuführen. Aber das Kommando kam nicht. Am Freitag gingen die Verhandlungen weiter. Und kurz vor Feierabend kam dann das erlösende Mail vom MIP.

Die Unsicherheit dauert an

Trotz der vorübergehenden Erleichterung: Die Ausschaffung droht weiter. Laut Oertli will das MIP die Frist für eine Rückweisung um ein Jahr verlängern. Das Amt beruft sich darauf, dass Beyene für kurze Zeit untergetaucht ist, als sie vom Durchgangszen­trum Interlaken nach Belp kam. Wenn eine Person als untergetaucht gilt, kann die Ausschaffungsfrist gemäss Dublin-Abkommen um ein Jahr verlängert werden. Dieser Darstellung aber widerspricht Oertli: «Das MIP war über den Aufenthaltsort von Frau Beyene stets auf dem Laufenden.» Oertli wird nun am Montag beim Staatssekretariat für Migration beantragen, das bereits eingereichte Asylgesuch von Beyene in der Schweiz zu prüfen.

Im Kirchgemeindehaus Belp herrscht nach den ungewissen Stunden derweil Erleichterung. Man geht davon aus, dass Beyene bis zum Gespräch am 24. November keine Rückweisung befürchten muss. Das MIP war für eine Stellungnahme nicht mehr zu erreichen.

Berner Zeitung

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