«Kinder sind gnadenlose Kritiker»

Von Nasen­bohren bis zu Karl Marx: Im Chinderbuechlade in der Berner Altstadt kommen grosse und kleine Leseratten auf ihre Kosten. Das über 45 Jahre alte Geschäft wurde heuer zur «Buchhandlung des Jahres» gekürt.

Hauptsache, überraschend: Für Ruth Baeriswyl und ihre Tochter Nora Ryser muss ein gutes Kinderbuch einen Mehrwert bieten.<p class='credit'>(Bild: Raphael Moser)</p>

Hauptsache, überraschend: Für Ruth Baeriswyl und ihre Tochter Nora Ryser muss ein gutes Kinderbuch einen Mehrwert bieten.

(Bild: Raphael Moser)

Im Schaufenster des Chinder­buechlade dreht sich alles ums Glück. Die Kinderbücher, die sich dort in Pyramidenform stapeln, tragen Titel wie «Linus im Glück», «Paule ist ein Glücksgriff» oder «Das Glück ist ein Vogel». Nur ein Exemplar hinter der Glasscheibe hat weniger mit Glück zu tun, sondern ist vielmehr das Ergebnis von jahrelanger, harter Arbeit: Neben den Kinderbüchern lehnt eine eingerahmte Urkunde mit der Aufschrift «Buchhandlung des Jahres 2018».

Der Chinderbuechlade in der Berner Altstadt besteht schon seit 45 Jahren. «Der Titel ist für uns natürlich eine Bestätigung», freut sich Ruth Baeriswyl, die das Geschäft vor zehn Jahren übernommen hat. Auch das Preisgeld von 5000 Franken, mit dem die Auszeichnung des Schweizerischen Buchhändler- und Verleger-Verbandes dotiert ist, könne man gut gebrauchen: «Wir wollen das untere Stockwerk schon seit längerem renovieren und etwas freundlicher gestalten.»

Wichtigstes Standbein

Freundlich wirkt das Geschäft bereits heute. Die Ware in den Regalen ist liebevoll drapiert, der Duft von frisch gedruckten Büchern liegt in der Luft, und gleich neben der Eingangstür lädt ein bunter Sessel zum Verweilen ein. Im Chinderbuechlade kommen kleine und grosse Leseratten auf ihre Kosten: Die Auswahl reicht von Titeln wie «Nasenbohren ist schön» über «Der König der Diebe» bis hin zu «Karl Marx, ein ­radikaler Denker».

Das wichtigste Standbein des Ladens jedoch befindet sich im hinteren Teil des Geschäfts, wo die Regale mit «Mathematik», «Erdkunde» und «Fremdsprachen» angeschrieben sind. «Lehrpersonen aus der ganzen Schweiz bestellen ihre Unterlagen bei uns», erklärt Nora Ryser. Die ­23-jährige Tochter von Inhaberin Baeriswyl gehört ebenfalls zum sechsköpfigen, rein weiblichen Team, welches das Geschäft mit viel Herzblut am Laufen hält.

Grossartige Leseförderung

Besässe der Chinderbuechlade diese Besonderheit nicht – neben ihm gibt es nur wenige andere Buchhandlungen in der Schweiz, die sich auch auf Lernmaterial spezialisiert haben –, würde es um den Laden wohl nicht so gut stehen, sagt Ruth Baeriswyl. Vor elf Jahren hat sie das Geschäft ­zusammen mit Doris Christen übernommen, seit drei Jahren führt sie es allein. In dieser Zeit sei es oft knapp geworden: «Mal schreiben wir schwarze, mal rote Zahlen.»

Einen Zusammenhang zwischen diesen Schwankungen und dem gesellschaftlichen Wandel sieht die 55-Jährige aber nicht: Man könnte zwar meinen, im Zeitalter von Tablet und Smartphone greife kaum noch ein Kind zu richtigen Büchern. Sie würden aber eher das Gegenteil feststellen, meint Baeriswyl: «Heute lesen Kinder sogar noch mehr als früher – was sicher auch der grossartigen Leseförderung zu verdanken ist, die an den Schulen betrieben wird.» Berücksichtigen muss man jedoch, dass nur jene Kinder in den Chinderbuechlade finden, die ohnehin gerne lesen – oder vorgelesen bekommen.

Technischer Fortschritt

Auch vom Onlinehandel lässt sich der Chinderbuechlade nicht unterkriegen. Stattdessen versucht die Buchhandlung mit dem Strom zu schwimmen und die technischen Fortschritte zu nutzen. Das zeigt sich etwa an der ­liebevoll gestalteten Website, welche stark von Nora Ryser, die hauptberuflich als Illustratorin arbeitet, geprägt wurde.

Diese Liebe fürs Detail zeigt sich schlussendlich auch im Sortiment des Chinderbuechlade. «Wir setzen sehr auf Qualität», betont Ruth Baeriswyl, «bei uns steht kein Buch in den Regalen, hinter dem wir nicht voll und ganz stehen können.» Um ihren Ansprüchen gerecht zu werden, muss ein Kinderbuch einige Kriterien erfüllen. Es muss einen Mehrwert bieten, egal, ob dieser nun Freude oder Wissen sei. Und auch vor allem überraschend müsse es sein. Ein gutes Kinderbuch zu schreiben, sei also fast so schwer, wie einen guten Kinderbuchladen zu führen, meint Nora Ryser: «Kinder sind gnadenlose Kritiker.»

Zum Schweizer Vorlesetag: Dan Wiener liest aus seinem Buch «Vom Joggeli mit de Zoggeli», heute, 15 Uhr, Chinderbuechlade, Bern. Viele weitere Veranstaltungen finden Sie unter www.schweizervorlesetag.ch.

Berner Zeitung

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