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Kind misshandelt: Vater und Mutter müssen das Land verlassen

Der Eritreer, der seine Tochter misshandelt hatte, muss dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Weil sie die Taten geschehen liess, wurde auch die Mutter schuldig gesprochen. Die beiden werden des Landes verwiesen.

Der Eritreer, der seine Tochter misshandelt hatte, muss dreieinhalb Jahre ins Gefängnis.
Der Eritreer, der seine Tochter misshandelt hatte, muss dreieinhalb Jahre ins Gefängnis.
Adrian Moser

Die Worte des Gerichtspräsidenten brachten die Heftigkeit des Falles auf den Punkt: «Was diesem Mädchen widerfahren ist, hat folterähnlichen Charakter. Sie hatte keine Chance, sich den Gewaltkaskaden ihres Vaters zu entziehen.» Gerichtet waren die deutlichen Worte an den 40-jährigen Eritreer, der seine knapp achtjährige Tochter über Monate gequält hatte. Das Dreiergremium am Regionalgericht Bern-Mittelland verurteilte den Mann am Freitag wegen schwerer Körperverletzung und mehrfacher Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von 42 Monaten.

Auch die Mutter wurde vom Gericht schuldig gesprochen. Die 33-jährige Äthiopierin fügte ihrer Tochter zwar keine Gewalt zu, doch unterliess sie es, die Misshandlungen zu verhindern. Ihre Freiheitsstrafe ist auf 26 Monate festgelegt – davon 10 Monate unbedingt. Weil die Frau ihre Strafe bereits mit der Untersuchungshaft abgesessen hat, wird sie aus dem Gefängnis entlassen. Sie und ihr Mann werden ausserdem des Landes verwiesen.

Mit Wallholz zugeschlagen

Die Misshandlungen fanden im Zeitraum zwischen November 2017 und Februar 2018 in Bümpliz statt, wo die Familie wohnte. Der Vater schlug seine Tochter praktisch täglich – häufig mit dem Gürtel. Einmal zertrümmerte er dem Kind gar mit einem Wallholz das Nasenbein. Er zwang sie wieder und wieder dazu, mehr zu essen und zu trinken, als sie wollte. Er tat dies, bis sie erbrechen musste. Weiter nötigte der Mann sein Kind zu anstrengenden Turnübungen. Am 15. Februar letzten Jahres verstarb das Mädchen im Inselspital an einem Infekt. Ein Zusammenhang mit den Misshandlungen konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

Der Verurteilte war 2014 aus Eritrea geflüchtet, wo er 18 Jahre lang Militärdienst geleistet hatte. In der Schweiz wurde er als Flüchtling anerkannt. Später begann er als Pflegehelfer ein Praktikum. Im Herbst 2017 durften seine Frau und seine Tochter im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz reisen. Damals sah er sein Kind zum ersten Mal.

«Fadenscheinige Ausreden»

Der Beschuldigte stritt vor Gericht nicht ab, seine Tochter regelmässig geschlagen zu haben. Als Grund gab er an, sein Kind habe zu wenig gegessen, jeweils nur einen Löffel voll. «Das konnte ich nicht akzeptieren», sagte er. Doch durchs Band weg geständig war der Mann keineswegs, im Gegenteil. Zu Beginn beschuldigte er sogar seine Frau. Etwa, als nach dem Tod des Mädchens im Spital der Verdacht auf Missbrauch aufkam. Die vielen blauen Flecken auf dem Körper des Opfers legten dies nahe.

Bei späteren Einvernahmen habe er seine Taten verharmlost und nach «fadenscheinigen Ausreden» gesucht. «Statt Verantwortung für seine Taten zu übernehmen, schob er äussere Einflüsse vor», erklärte der Gerichtspräsident. Damit meinte er die Behauptung des Beschuldigten, dass es in Eritrea normal sei, Kinder auch mal mit Schlägen zu züchtigen.

Im Gegensatz zum Vater habe die Mutter von Anfang an umfassend über die erschütternden Ereignisse berichtet. Ihre Reue und emotionale Betroffenheit seien authentisch, befand das Gericht. Die Mutter hatte ihre Passivität mit der Angst vor ihrem Mann begründet, der auch sie mal geschlagen haben soll. Für das Gericht war das jedoch zu wenig. «Als Mutter wäre es ihre Pflicht gewesen, einzuschreiten», hielt der Gerichtspräsident fest. Auch hätte sie sehr wohl Hilfe aufsuchen können – bei Nachbarn, der Polizei oder im Spital. Sie sei keinesfalls ein «Huscheli», das sich nicht selbstständig zurechtfindet, als das sie sich darstellte.

«Völlig nichtige Gründe»

Die Verteidigung hatte lediglich für bedingte Freiheitsstrafen plädiert. Das Gericht anerkannte zwar, dass es sich eigentlich um Fälle von leichter Körperverletzung handelte. Doch durch die Häufigkeit und Dauer der Misshandlungen könne man in der Gesamtheit schliesslich von schwerer Körperverletzung sprechen. Besonders schwer wiege, dass das Mädchen der Tortur aus «völlig nichtigen Gründen» ausgeliefert war. «Sie kassierte Prügel, nur weil ihr Vater wollte, dass sie gross und schön wird», fasste der Gerichtspräsident zusammen, «das ist schlicht und einfach grausam.»

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