Kein neues Stadtspital in der Tiefenau

Die Insel-Gruppe will das Spital Tiefenau doch nicht durch einen Neubau ersetzen. Zen­trale Gründe sind die Finanzen und andere anstehende Grossinvestitionen.

Auf dem Tiefenau-Areal war ein neues Stadtspital geplant. Die Insel Gruppe verzichtet auf den Neubau.

Auf dem Tiefenau-Areal war ein neues Stadtspital geplant. Die Insel Gruppe verzichtet auf den Neubau.

Marius Aschwanden

Der neue starke Mann an der Spitze der Insel-Gruppe, Uwe E. Jocham, wurde nach seinem Amtsantritt nicht müde zu betonen: Nein, der Neubau des Spitals Tiefenau stehe nicht infrage. Im Februar sagte der CEO und Verwaltungsratspräsident in einem Interview mit dieser Zeitung sogar noch, er sei überzeugt, mit dem Projekt «Neues Stadtspital» einen «vielversprechenden Weg» zu beschreiten.

Jetzt aber kommt alles anders. Der Neubau ist vom Tisch. Im Vordergrund steht stattdessen «die Anpassung der bestehenden Gebäude an die aktuellen Bedürfnisse», wie die Insel-Gruppe am Donnerstag in einer Mitteilung verlauten liess. Darin informierte sie über die neue Angebotsstrategie der grössten Schweizer Spitalgruppe. Diese ist das Resultat einer Analyse, die der Regierungsrat bei Jocham in Auftrag gegeben hatte.

Kurz zusammengefasst sieht die Strategie vor, «eine der weltweit führenden Spitalgruppen für universitäre und integrierte Medizin zu werden». Im Zen­trum stehen künftig noch stärker das Inselspital und die Spitzenmedizin. Das Tiefenauspital sowie die Spitäler Aarberg, Belp, Münsingen und Riggisberg sollen sich derweil auf die wohnorts­nahe Grundversorgung, ambulante Angebote oder die Rehabilitation konzentrieren.

Verunsicherte Mitarbeiter

Insbesondere im Stadtspital Tiefenau nahmen die Mitarbeiter die Ankündigungen Jochams nicht gut auf, wie verschiedene Quellen sagen. Frust, Unverständnis und Verunsicherung hätten dominiert, nachdem die Angestellten informiert worden seien. Kein Wunder: Seit Jahren rechnete man mit einem Neubau.

Uwe E. Jocham sagt jedoch, er habe keine solchen Rückmeldungen erhalten. «Das Feedback war sehr positiv.» Er will denn auch nicht von einer kompletten Kehrtwende sprechen. Nach wie vor sei vorgesehen, neben den ­bestehenden stationären Angeboten im Tiefenauspital künftig verstärkt auf ambulante tages-klinische Angebote zu setzen. Und auch eine geriatrische Rehabilitation soll wie bereits früher geplant aufgebaut werden. Das alles jedoch im bestehenden ­Spital und nicht in einem Neubau. «Wir werden das Areal weiterentwickeln und insbesondere altersfreundlicher gestalten», so Jocham.

Der Grund für den Verzicht auf einen Neubau liegt nicht zuletzt in den finanziellen Herausforderungen. «Im Rahmen des Masterplans stehen grosse Investitionen an. Jede einzelne muss auf ihre Notwendigkeit überprüft werden.» Deshalb sei man zum Schluss gekommen, die bestehende Infrastruktur zu «befähigen», wie Jocham sagt. Konkret werde nun analysiert, welche Massnahmen getroffen werden müssen, um den Investitionsstau aufzuholen. Wie viel der Umbau kosten werde, sei noch nicht klar.

Dass die Insel-Gruppe auf ein neues Spital verzichten will, kommt bei Gesundheitspolitikern unterschiedlich an. Kritisiert wird insbesondere, dass das Tiefenau in der Strategie in einem Atemzug mit den Landspitälern genannt wird. Denn das abgestufte Versorgungsmodell sah als zentrales Element der ­Fusion von Inselspital und der ehemaligen Spital Netz Bern AG vor, einfache Fälle in den Landspitälern zu behandeln, komplexere im Tiefenau und erst hochkomplexe Fälle im Inselspital. Diese Abstufung wird in der neuen Strategie nicht mehr erwähnt.

«Wenn das Tiefenauspital nur noch die Grundversorgung abdeckt, dürften künftig halb­komplexe Fälle ausnahmslos im teureren Inselspital behandelt werden», sagt GLP-Grossrätin Barbara Mühlheim. Das komme einer Abkehr vom abgestuften Versorgungsmodell gleich, kritisiert sie. Den Verzicht auf einen Neubau bezeichnet sie zudem als «indirekte Sterbehilfe». «Es gibt keine valable Variante für eine ­Sanierung. Das Spital ist schlicht zu alt.» Sie glaubt deshalb, dass sich Patienten und Personal zunehmend vom Tiefenau verabschieden werden und dieses irgendwann geschlossen werden muss. Für die Prämienzahler sei das möglicherweise sogar sinnvoll, da es in Bern mehr als genug Spitäler gebe. «Aber es wäre ehrlicher, dies gleich jetzt zu kommunizieren», so Mühlheim.

Kostensteigerung befürchtet

Ganz so dramatisch sieht es FDP-Grossrat Hans-Peter Kohler nicht. «Ob das Tiefenauspital überlebt, hängt letztlich vom Angebotsportfolio ab. Bevor dieses nicht im Detail bekannt ist, kann man dazu auch nichts Fundiertes sagen.» Der ehemalige Chefarzt des Tiefenauspitals kann den Entscheid gegen den Neubau sogar nachvollziehen. «Die Spitäler sind ­finanziell unter Druck. Ein Neubau ist eine grosse Belastung», sagt er. Wie Mühlheim vermisst aber auch Kohler den Begriff der abgestuften Versorgung in der Strategie. «Wenn alle komplexeren Fälle künftig an der Insel ­behandelt werden, ist nicht auszuschliessen, dass es zu einer Kostensteigerung kommt.»

Auch Elisabeth Striffeler von der SP befürchtet dies. Aber: «Die abgestufte Versorgung hat schon heute nicht funktioniert, und am Inselspital wurden immer mehr einfache Fälle operiert», sagt sie. Striffeler findet deshalb den Entscheid der Insel-Führung richtig. Insbesondere weil die Kapazitäten an der Uniklinik und an anderen Berner Spitälern heute nicht ausgelastet sind.

Bekenntnis zum Tiefenau

Uwe E. Jocham teilt die Befürchtungen der Politiker nicht. «Die Strategie ist ein Bekenntnis zum Standort Tiefenau», sagt er. Und auch das abgestufte Versorgungsmodell will er nicht beerdigt wissen. «Wir entwickeln es lediglich weiter», sagt er ausweichend. Das Tiefenauspital werde immer ein breiteres Portfolio haben als die Landspitäler. Insofern werde es auch weiterhin eine Funktion im abgestuften Modell haben.

In einem nächsten Schritt gehe es nun darum, konkrete Umsetzungsprogramme zu entwickeln. Dazu gehören auch die detaillierten Angebotsportfolios der einzelnen Standorte. Noch in diesem Jahr will Jocham dann mit der Umsetzung beginnen.

Berner Zeitung

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