«Kirchenglocken vertreiben Gäste»

Meiringen

In der Nacht sollen die Kirchenglocken schweigen. Dies fordert der Hotelier vom Alpbach in Meiringen gemeinsam mit Anwohnern. Ihr Geläut hindere zu viele Gäste an einem erholsamen Schlaf. Nun soll die Kirchgemeindeversammlung darüber entscheiden.

Im Glockenturm der Michaelskirche von Meiringen sind die Glocken, die rund um die Uhr anzeigen, welche Stunde geschlafen hat.

Im Glockenturm der Michaelskirche von Meiringen sind die Glocken, die rund um die Uhr anzeigen, welche Stunde geschlafen hat.

(Bild: Bruno Petroni)

Meiringen hat die älteste Kirchenglocke des Kantons Bern. Sie wurde 1351 gegossen und läutete jeweils den Feierabend ein. Sie hat wegen eines Sprungs ausgedient und steht heute vor dem Glockenturm der Michaelskirche. Dort hängen vier «Kollegen» von ihr, die nicht nur zu Gottesdiensten rufen. Sie geben auch die Viertelstunden an und sagen, welche Stunde es gerade geschlagen hat.

Dass sie dies rund um die Uhr machen, sorgt aber für Ärger. Vor allem bei Jean-Claude Gerber. Der Hotelier des Alpbachs, das etwa eine Minute Fussweg von der Kirche entfernt liegt, sagt: «Die Kirchenglocken vertreiben unsere Gäste.» Gerade die Urlauber, welche in Zimmern einquartiert seien, die Richtung Kirche liegen, würden alles andere als erholsame Nächte erleben. «Sie suchen bei uns Ruhe. Weil sie diese in der Nacht wegen der Kirchenglocken nicht finden, reisen sie immer öfter früher ab, als sie planten», ärgert sich Jean-Claude Gerber. Das komme jede Woche vor. Das Hotel Alpbach setze auf Individualgäste. Im Gegensatz zu den Urlaubern, die in Gruppen und mit dem Bus reisen, seien diese an kein fixes Programm gebunden und würden wegen der gestörten Nachtruhe früher abreisen als geplant.

Im Alpbach logieren viele Gäste, die mit Motorrädern unterwegs sind. Das Hotel gehört zu der Vereinigung Motorradfahrer-Hotels. Ihre Maschinen rollen nicht leise durch das Dorf. «Das kann man nicht vergleichen», sagt Gerber. «Motorradfahrer sind nicht in der Nacht unterwegs. Zudem hat Meiringen ein Nachtfahrverbot für Motorradfahrer.»

Unterschriften gesammelt

Bereits vor Jahren hat der Hotelier die evangelische Kirchgemeinde Meiringen darum gebeten, das nächtliche Geläut einzustellen. Damals fand er kein Gehör. Nun hat er seinem Anliegen eine Unterschriftensammlung beigelegt. «Innert zwei Tagen habe ich ohne grossen Aufwand 42 Mitunterzeichner gefunden», sagt Gerber, der selber an der Kirchgasse wohnt, wo sein Hotel steht. Die Menschen hätten genug Handys und Uhren, um auch in der Nacht zu wissen, wie spät oder früh es sei. Und vielen Anwohnern falle das nächtliche Geläut aus Gewohnheit gar nicht mehr auf. «Also kann man es genauso gut abstellen und den Gästen ruhige Nächte gönnen», sagt Gerber.

Mehr als Tradition

«Dass die Kirchenglocken rund um die Uhr im Einsatz sind, ist nicht nur eine uralte Tradition. Das macht auch Sinn», sagt Andreas Winterberger, Sekretär der evangelischen Kirchgemeinde Meiringen. Das Geläut erinnere viele ruhelose Menschen gerade in den dunkelsten Stunden daran, «dass sie nicht alleine auf der Welt sind». Ein Glaube habe man rund um die Uhr, und Gott mache keine Pausen. Wer in andere Länder reise, wisse, was ihn erwarte. «Für mich ist es ja auch klar, dass mich im Urlaub je nach Lage meiner Unterkunft der Muezzin über Lautsprecher weckt – oder eben die Kirchenglocke», gibt Andreas Winterberger zu bedenken.

Das Volk entscheidet

Er weist aber darauf hin, dass der Kirchgemeinderat das Anliegen des Hoteliers und der Unterzeichnenden «sehr ernst nimmt». Der Rat sei zwar fast einstimmig der Meinung, dass die Kirchenglocken auch in der Nacht läuten sollten. Trotzdem wolle er das nicht alleine bestimmen, sondern diese Entscheidung dem Souverän überlassen. Deshalb wird an der Kirchgemeindeversammlung vom 29.Mai darüber abgestimmt, ob die Kirchenglocken zwischen 22 und 7 Uhr ausgeschaltet werden sollen. «Technisch wäre das machbar», sagt Winterberger. Das Geläut werde automatisch mittels Computer gesteuert. Der könnte auch so eingerichtet werden, dass nur die Stundenglocke schlagen würde.

«Kein Kompromiss»

Jean-Claude Gerber winkt aber ab: «Ein Kompromiss kommt für uns nicht infrage. Wir wollen endlich Ruhe in der Nacht.» Er selber werde als Angehöriger der reformierten Kirchgemeinde Meiringen an der Versammlung teilnehmen und selbstverständlich das entsprechende Handzeichen tun.

Der Hotelier von Meiringen ist hoffnungsvoll: «Ich darf auf die Unterstützung von vielen Anwohnern rechen.»

Berner Oberländer

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...