Kanton stoppt nächtlichen Glockenschlag

Worb

Nachbarn der Kirche Worb möchten besser schlafen. Die Glocken dürfen deshalb nachts nur noch die Stunde schlagen, hat die Polizei- und Militär­direktion entschieden. Die Kirchgemeinde hat den Entscheid aber ans Verwaltungsgericht weitergezogen.

Die Glocken im Worber Kirchturm stören Anwohner. Die Uhr soll nachts nur noch zur vollen Stunde schlagen dürfen.

Die Glocken im Worber Kirchturm stören Anwohner. Die Uhr soll nachts nur noch zur vollen Stunde schlagen dürfen.

(Bild: Stefan Anderegg)

Von 22 Uhr bis 6.59 Uhr schlägt die Uhr im Turm der reformierten Kirche Worb 36-mal: jede Viertelstunde, wie in vielen Kirchtürmen. Das stört drei Personen in der Umgebung aber so stark, dass sie Beschwerde einreichten. Die Glockenschläge müssten nachts abgestellt werden, forderten sie.

Die kantonale Polizei- und Militärdirektion (POM) hat die Beschwerde teilweise gutgeheissen, wie die «Worber Post» berichtete. Ganz schweigen muss das Geläut in der Nacht zwar nicht. Der Entscheid legt fest, dass die Uhr zur vollen Stunde schlagen darf.

Studie setzt tiefen Grenzwert

Zur Beurteilung der nächtlichen Immissionen hat die Polizeidirektion eine Studie der ETH von 2011 herangezogen. Diese hinterfragt die bis dahin geltende kritische Schwelle von 60 Dezibel, ab der eine schlafende Person aufwachen kann. Der «kritische Maximalpegel» liege wesentlich tiefer, nämlich bei 40 Dezibel, beim Ohr der schlafenden Person gemessen.

Die Kantonspolizei Bern führte im Haus der Beschwerdeführer in Worb Messungen durch. Der Viertelstundenschlag erreichte dort – allerdings in der Mitte des offenen Fensters gemessen – einen Maximalwert von 74,1 Dezibel, der Stundenschlag gar 77,3 Dezibel.

Die Glockenklänge werden im entsprechenden Fachbericht als «sehr laut, mit einem ausgeprägten Impuls- und Tongehalt» beschrieben. Die POM kommt denn auch zum Schluss, das Geläut der Kirche verstosse gegen die geltenden Lärmvorschriften. «Es ist grundsätzlich zu sanieren.»

Bis auf weiteres schlagen die Worber Glocken nachts jedoch weiterhin jede Viertelstunde. Denn die reformierte Kirchgemeinde hat den Entscheid der POM ans Verwaltungsgericht weitergezogen. «Wir bezweifeln vor allem, dass auf die ETH-Studie abgestützt werden kann, die nur mit 27 Personen durchgeführt wurde», sagt Ratspräsident Werner Lüthi.

Zudem gewichte der Kirchgemeinderat das Bedürfnis der Mehrheit höher als die Einsprache von wenigen Personen. Ihm seien sonst keine Reklamationen über die Glockenschläge zu Ohren gekommen, sagt Lüthi.

Bundesgericht fällt Entscheid

Die Kirchgemeinde hat das Verwaltungsgericht aufgefordert, das Verfahren zu sistieren, bis ein Bundesgerichtsurteil zum gleichen Thema vorliegt. Eine Beschwerde zum Geläut in der ­Gemeinde Wädenswil ist vom Zürcher Verwaltungsgericht gutgeheissen worden, doch die Kirchgemeinde zieht es ans Bundesgericht weiter.

Damit werden die Richter in Lausanne ein wegweisendes Urteil fällen. Geben sie den Anwohnern recht, könnte dies für Kirchen in vielen Gemeinden Folgen haben. «Dann käme das Kirchengeläut wohl generell unter Druck», vermutet Werner Lüthi.

Berner Zeitung

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