Kampfkunst für ein besseres Schulklima

Manche Erstklässler im Schulhaus Dennigkofen in Ostermundigen hatten Mühe, sich zu konzentrieren. Um das Klassenklima zu verbessern, griff die Schule zu einem ungewohnten Mittel: jede Woche eine Lektion Kung-Fu. Es scheint zu funktionieren.

Turnhalle Dennigkofen: Adrian Binggeli zeigt die Übungen vor, die Erstklässlerinnen und Erstklässler machen sie synchron nach.<p class='credit'>(Bild: Urs Baumann)</p>

Turnhalle Dennigkofen: Adrian Binggeli zeigt die Übungen vor, die Erstklässlerinnen und Erstklässler machen sie synchron nach.

(Bild: Urs Baumann)

Es läutet. Die grosse Pause ist zu Ende. Nach und nach kommen die Erstklässler in die Turnhalle. Die Kinder tragen Sportkleider, bei den Jungs gehört dazu meist ein Fussballtrikot. Die Farben von Deutschland, Argentinien und Thailand sind vertreten, ein Bub trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Kurdistan».

Erwartet werden die Kinder von Adrian Binggeli. Er reicht ihnen die Hand zur Begrüssung und bittet sie, in einer Linie auf den Hallenboden zu sitzen. Für die einen ist das kein Problem, die andern machen lieber ein paar Kapriolen. «Richtig hinsitzen!», mahnt sie Binggeli. Und jene, die lieber plaudern als ihm zuhören, ernten ein unmissverständliches «Nid schwätze!».

Anspruchsvolle Klasse

In der Schule Dennigkofen Ostermundigen besuchen die Erstklässler seit Februar jede Woche eine Lektion Skema. Diese Kampfkunst wurde vor etwas mehr als 50 Jahren von einem Schweizer entwickelt und läuft wegen des asiatischen Einflusses oftmals unter dem Oberbegriff «Kung-Fu». Adrian Binggeli leitet die Skema-Schule in Ostermundigen und auch die Lektionen an der Schule Dennigkofen. Doch wie kommt eine Schule dazu, eine der drei wöchentlichen Sportlektionen für Kung-Fu einzusetzen?

«Die Erstklässler hatten letzten Sommer einen schwierigen Start», erklärt Schulleiter Björn Engler. Die Kinder kämen aus vielen verschiedenen Kulturen, die Klassen seien entsprechend heterogen. «Das Unterrichtsklima war sehr unruhig, es bestand ein gewisses Gewaltpotenzial.» Da erinnerten sich die Verantwortlichen der Schule an einen Tipp eines Mitgliedes des Elternrates: Skema.

Rücksicht nehmen

Skema-Leiter Binggeli trägt ein hellblaues Tenue. Darauf ist ein Bambuszweig aufgemalt – ein Symbol für Beweglichkeit und Robustheit, wie er zuvor erklärt hat. Doch nun beginnt die Lektion. Adrian Binggeli bittet die Erstklässler, sich in Reihen aufzustellen. Je fünf bis sechs Kinder nebeneinander. Sie strecken ihre Arme aus, kreisen mit den Handgelenken, zuerst vorwärts, dann rückwärts. Der Chef zeigts vor, die Kinder machens synchron nach. «Jetzt die Füsse zusammen. Die Knie kreisen.»

Die Übungen sollen Körperhaltung, Spannung und Konzentration fördern, erklärt der Kursleiter hinterher. Es sei kein Wettkampf, bei dem man besser sein müsse als die anderen. Im Gegenteil: «Die Kinder erreichen nur etwas, wenn sie aufeinander Rücksicht nehmen.» Der Kinderunterricht diene auch nicht der Selbstverteidigung, sagt Binggeli. Selbstverteidigungskurse würden erst für Jugendliche ab elf Jahren angeboten.

Positive Erfahrungen

Arme strecken, Oberkörper nach rechts drehen, nach links, hinunter bis fast in den Spagat: In der zweiten Hälfte der Turnstunde werden die Bewegungen komplexer und die Übungen schneller. Die meisten Kinder machen gut mit. Zwei Jungs dagegen konzentrieren sich lieber aufs Schubsen. «Lasst das!», ermahnt sie Binggeli. Als sie es trotzdem wieder tun, müssen sie am Rand der Turnhalle Platz nehmen. Nach ein paar Minuten setzt sich der Kursleiter zu jedem von ihnen hin. «Weisst du, warum du hier sitzt?» Einer weiss es genau, der andere hat keine Ahnung.

«Dieser Vormittag war nicht der beste», sagt Adrian Binggeli nach der Lektion. Über das ganze Semester gesehen ist er mit den Kindern aber zufrieden. Sehr zufrieden. Auch Schulleiter Björn Engler lobt: «Das Klassenklima ist ruhiger geworden.» Die Rückmeldungen der Eltern seien positiv. Viele hätten den Wunsch geäussert, dass die Schule das Angebot weiterführe.

Beschränkte Mittel

So kommt es, dass ab Frühjahr 2017 auch die nächsten Erstklässler jede Woche eine Lektion Skema besuchen. Bezahlt wird das Angebot von der Schule. Die jetzigen Erstklässler während ihrer ganzen Schulzeit ins Skema zu schicken, das komme – trotz guter Erfahrungen – nicht infrage. «Dafür fehlt uns schlicht das Geld», sagt Björn Engler.

Für Viert- bis Sechstklässler wird ab Sommer aber das Wahlfach Selbstverteidigung angeboten. Bereits liegen 18 Anmeldungen vor.

Berner Zeitung

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