Kämpfer für das Handwerk

Bern

Bei Philipp Kuntze und der Organisation World Crafts geben sich Glockengiesser, Glühmittelhersteller, Scherenschneider und Kontrabassbauer die Klinke in die Hand.

Seine Welt ist das Handwerk: Philipp Kuntze hat sich mit der Organisation World Crafts im Berner Galgenfeld eingerichtet. Foto: Beat Mathys

Seine Welt ist das Handwerk: Philipp Kuntze hat sich mit der Organisation World Crafts im Berner Galgenfeld eingerichtet. Foto: Beat Mathys

Die Zügelkisten sind weg. Ein buntes Durcheinander von Möbeln, Textilien und allerlei Objekten, deren Zweck sich dem Laien zunächst nicht erschliesst, haben im hohen, frisch gestrichenen Raum ihren Platz gefunden. Seit Anfang Jahr hat sich die Organisation World Crafts im Berner Galgenfeld eingerichtet.

Der neue Standort passt gut. In den umliegenden Gebäuden sind diverse Manufakturen und Handwerksbetriebe angesiedelt. World Crafts will als internationale Plattform das Handwerk fördern. Gegründet hat die Nonprofitorganisation Philipp Kuntze. Der 47-Jährige setzt sich unter anderem dafür ein, dass sich Handwerker besser vernetzen und vermarkten.

«Handwerksbetriebe haben Mühe, Nachwuchs zu finden. Manche traditionelle Berufsgattung ist am Verschwinden oder vom Aussterben bedroht.» Klingt fast nach Artenschutz.

Kritik am Bildungssystem

«Ja, unsere Plattform zum Erhalt und zur Wertschätzung des Handwerks mag vergleichbar sein mit dem Engagement einer Umweltorganisation für Flora und Fauna», bestätigt Kuntze. Fast wähnt man sich bei all den Objekten, Materialien und Werkzeugen in einem Museumsraum. Doch Konservieren ist nicht das Ziel des Innenarchitekten und Designers. «Das bringt nichts. Tradition allein ist kein Garant für Beständigkeit. Es braucht Entwicklung.»

So ist das Atelier am Galgenfeldweg 9 lebendiger Begegnungsort. Regelmässig zieht das Forum «World Crafts Talk» Fachleute und interessierte Laien gleichermassen an. Stuckateure, Glockengiesser, Glühmittelhersteller, Scherenschneider oder Drechsler haben schon über ihr Handwerk gesprochen. Im Januar stellte der Berner Kontrabass-Bauer Giorgio Pianzola im Rahmen der Gesprächsreihe sein sterbendes Metier vor.

Im Februar erklärte die Schmiedin Eveline Kesseli, welche Eisen sie im Feuer hat. Und im März sprach der Berner Oberländer Franz Kälin über die hohe Kunst der Schuhmacherei. Zudem wurde hier Anfang Jahr «World Crafts Friends» gegründet, ein Verein, der die Plattform World Crafts in der Vermittlung und Förderung des internationalen Handwerks unterstützen soll.

Weltweit sind viele Handwerksberufe am Verschwinden. «Das ist ein enormer Verlust an einmaligem Kulturgut», so Kuntze. «Gleichzeitig leiden viele ­Gegenden der Welt an einem Überangebot an Hochschulabgängern und grosser Jugendarbeitslosigkeit.» Der Gründer und Präsident von World Crafts kritisiert auch die Einseitigkeit im dualen Bildungssystem der Schweiz: «Dieses wirbt zwar dafür, dass nach einer Lehre noch alle Türen für ein Studium offenstehen. Das ist gut.»

Er vermisse aber den umgekehrten Weg: «Warum bewirbt man die Handwerkslehre nicht an Hochschulen? Warum hat eine Maturandin nicht auch die Möglichkeit einer schulbegleitenden Handwerksausbildung? Hier muss angesetzt werden.»

Falsch positioniert

Als nächsten Schritt will Kuntze, der seit Jahresbeginn auch das Kurszentrum Ballenberg bei Brienz im Berner Oberland leitet, eine digitale Plattform für die Handwerksberufe schaffen. «Ohne Vernetzung über Berufs- und Ländergrenzen hinaus werden viele Handwerksberufe nicht überleben.»

Passend dazu betrachtet er die Führung des Kurszentrums Ballenberg als «hochspannende Aufgabe in einem phänomenalen Umfeld». Auch hier, mit dem Freilichtmuseum Ballenberg als unmittelbarem Nachbarn sowie der Geigen­bauschule und der Schule für Holzbildhauerei in Brienz gehe es darum, handwerkliche Möglichkeiten aufzuzeigen und zu vermitteln.

Kann das Handwerk überhaupt bestehen neben einer modernen Industrie, die Produkte digital formt und anschliessend per 3-D-Printer ausdruckt? Das Handwerk habe den Fehler gemacht, sich als Konkurrent zur Industrie zu positionieren, meint Kuntze. Dies sei nicht nötig. «Viele Bauherren schätzen die Einzigartigkeit eines handwerklichen Produkts.» Ein Handwerksbetrieb könne völlig andere Dinge herstellen als die Industrie und zudem «Treiber von Innovation» sein.

Berner Zeitung

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