Kabinen-Klub bringt Leben ins Dorf

Grossaffoltern

Eine Telefonkabine wird zum kulturellen Treffpunkt: «Die Kabine» heisst das Projekt des Grossaffoltner Ur-Gesteins Peter Affolter. Es soll im Dorf Gespräche und Einblicke in teils längst vergessene Geschichten ermöglichen.

Peter Affolter in der «Kabine»: In der ehemaligen Telefonkabine bei der Post Grossaffoltern stellt er «augenfällige Exponate» aus.

Peter Affolter in der «Kabine»: In der ehemaligen Telefonkabine bei der Post Grossaffoltern stellt er «augenfällige Exponate» aus.

(Bild: Urs Baumann)

Simone Lippuner

Es gab einen, der hat es früh aus der manchmal etwas dörflichen Enge Grossaffolterns geschafft. Walter Schär, Schreinermeister aus der Farnigasse, studierte an der Hochschule für Gestaltung in Ulm Produktedesign. Von Deutschland schaffte er es als Professor weiter bis an die Auburn-Universität nach Alabama — und von da weiter bis ins All: Seit 1968 arbeitete Schär mit der Nasa am Marshall-Raumfahrtzentrum in Huntsville. Er war dort zuständig für die Inneneinrichtung der Spaceshuttles.

2009 starb Walter Schär. Wohl kaum jemand hätte um sein spannendes Leben gewusst, wäre da nicht der Ur-Grossaffoltner Peter Affolter. Der 70-jährige Ingenieur gräbt Geschichten aus, sammelt Texte und Fotos aus allen Zeiten, spannt Fäden zwischen früher und heute. Seine grosse Leidenschaft bringt Affolter in einen 1,30 auf 1,30 Meter kleinen Raum: Vor kurzem hat er «Die Kabine» ins Leben gerufen: einen kulturellen Treffpunkt im Miniformat in der ehemaligen Telefonkabine neben der Post in Grossaffoltern. Zum Gedenken an Walter Schär wird dort bald ein extra aus Holz gefertigter Spaceshuttle auf dem Sockel stehen.

Wo früher der «Bären» stand

Seit Anfang Jahr mietet Peter Affolter die Telefonkabine der Post für 30 Franken im Monat. «Augenfällige Exponate» sollen auf dem Sockel präsentiert werden und eine Geschichte aus Grossaffoltern oder dem Seeland erzählen: Kleinkunstwerke, Modelle, Texte, Bilder und Fotos. Rund jeden zweiten Monat will Initiant Affolter die Exponate wechseln. Aktuell steht ein Modell des ehemaligen Gasthofs Bären auf dem Sockel, Affolters Sohn Jonathan hat es aus Teeschachteln gefertigt. Das architektonisch schöne Gasthaus brannte 1970 komplett nieder, genau da, wo jetzt die Kabine steht, «niemand weiss genau, weshalb», sagt Affolter.

Mit grosser Leidenschaft rettet der Seeländer Schätze aus der Asche der Vergessenheit. Doch soll auch Neues, Junges Platz haben in seiner Kabine. «Keinesfalls sollen hier nur verstaubte Antiquitäten zu stehen kommen», betont Affolter, «gefragt sind Geist, Kreativität und freiwilliges Engagement». Die Grenze zieht der Initiant woanders: So sollen die Exponate einen Bezug zur Region haben. Weiter liegt ihm eine kommerzielle Nutzung fern: «Die Werke stehen nicht zum Verkauf.»

Wie für Constanze Mozart

Vielmehr als ums Geschäft geht es Peter Affolter und dem Kabinen-Klub – alle, die ausstellen, gehören automatisch dazu – darum, Leben, Begegnungen ins Dorf zu bringen. So sollen auch bei jedem Ausstellungswechsel «ein paar Flaschen» bereitstehen für ein Prost, für nette Gespräche mit Nachbarn.

Peter Affolter ist als Ingenieur weit in der Welt herumgekommen. Und noch heute, mit 70, denkt er an alles andere als an Ruhestand. Regelmässig pendelt er in den Schwarzwald, wo er an Gesprächen über Energie- und Umwelttechnologien teilnimmt. Aus dem Südwesten Deutschlands hat er auch die Idee für die Kabine mitgebracht: «Ich habe die dortigen kulturellen Hinweise und Aktivitäten oft bestaunt.» Tafeln, Plakate, Vitrinen, Pavillons, zum Beispiel zu Constanze Mozart in Zell. «Kultur-Kleindenkmäler» nennen das die Schwaben, und dieser Begriff passt sehr gut auch für das, was der Kabinen-Klub in der Schweiz auf den Sockel stellt.

Das Bären-Modell ist die zweite Ausstellung in der Kabine. Für weitere Exponate existiert bereits eine lange Liste. Als nächstes wird ein alter hölzerner Telefonapparat aus dem Schulhaus Suberg eine Plattform erhalten. Auch ein Diorama der nicht gebauten Oberaargau-Seeland-Bahn wird zu sehen sein.

Stimme für stumme Kabine

Die bisherigen Reaktionen der Grossaffoltner auf die Kabine seien erfreulich, sagt Peter Affolter. Schön wäre, wenn dank des kleinen Treffpunktes im Dorf mehr Gespräche stattfinden könnten. Sollte das nicht klappen – dann hat zumindest die stumme Telefonkabine neben der Post eine neue Stimme erhalten.

Berner Zeitung

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