Jetzt kommt der Hipster-Kabis

Kerzers

Das jüngste Kind der Kohlfamilie heisst Kalettes. Das violette Gemüse ist dekorativ und vitaminreich. Nur gerade zwei Betriebe kultivieren es: Einer ist auf Freiburger, der andere auf Berner Boden.

Vincent Egger (l.) von der Firma Proveg und Gemüsebauer Mathias Johner mit dem violetten Superfood, den Kalettes.

Vincent Egger (l.) von der Firma Proveg und Gemüsebauer Mathias Johner mit dem violetten Superfood, den Kalettes.

(Bild: Christian Pfander)

15 Jahre hat es gedauert, bis aus Federkohl und Rosenkohl Kalettes wurden; violette, zartblättrige Blattgebilde, die ähnlich wie ­Rosenkohlröschen aus den ­Blattachseln der Mutterpflanze spriessen. Bis das Gemüse den Weg von England in die USA und nach Europa fand, dauerte es ein paar Jährchen. «Wir starteten 2013 einen Probelauf, nachdem wir das Gemüse an einer Fachmesse in Berlin kennen gelernt hatten», erzählt Urs Johner, der seinen Gemüsebetrieb in Kerzers zusammen mit seinem Sohn Ma­thias führt.

Nach dem erfolgreichen Versuch, bei dem Muster des Gemüses bei diversen Anbietern landeten, kultivierten die beiden ein Jahr später schon eine beträchtlich grössere Fläche mit der Kohlpflanze, die damals in Europa noch Flower Sprout hiess, in Amerika aber unter dem Namen Kalettes vermarktet wurde (siehe Kasten).

Dominanter als Unkraut

Johners kultivieren im Grossen Moos auf rund 60 Hektaren Gemüse, auf 10 Hektaren Kalettes. Bei der Arbeit helfen ihnen sieben Festangestellte und in Spitzenzeiten über 20 Saisonniers. Gepflanzt werden zahlreiche Frisch- und Lagergemüse wie Salat, Broccoli, frühe Karotten, Kartoffeln, Spargeln und rund 7 Hektaren Rosenkohl. Kalettes sind eine Langzeitkultur. Das heisst, sie besetzen ein Feld während eines Jahres. Sobald die Pflanzen gross sind, entwickelt sich kaum mehr Unkraut. Ein Problem können tierische Schädlinge wie etwa die Weisse Fliege sein.

Die in Deutschland gezogenen Setzlinge kommen im April in den Boden, die Ernte beginnt Ende Oktober und endet im März. Dabei wird die gleiche Vollerntemaschine verwendet wie bei Rosenkohl: Die Maschine schneidet die Kalettes-Pflanzen unten ab, danach werden diese einzeln in die Maschine hineingesteckt. Die dekorativen Rosetten werden dann von einem drehenden Messer weggeschnitten. Nach dem Sortieren von Hand ist das Superfood-Gemüse, wie es wegen seines reichen Nährstoffgehalts genannt wird, bereit. Ohne die beiden Gemüse gegeneinander ausspielen zu wollen, aber: Kalettes enthalten doppelt so viel Vitamin B6 und Vitamin C wie Rosenkohl.

Exklusivvermarkterin ist die Produzentenorganisation Proveg AG in Ried bei Kerzers. Dort wird das Gemüse auch verpackt, vertrieben und beworben. Zuständig für das Marketing von Kalettes ist Vincent Egger, ein bekennender Fan der Pflanze. Er unterstützt als treibende Kraft die Namensänderung in der Schweiz. «Es ­ergibt markentechnisch sicher Sinn, wenn der Name auf der ganzen Welt gleich ist», sagt er.

Bei der Migros Aare ist man anderer Ansicht. Das Gemüse ist nämlich nach wie vor mit dem alten Namen angeschrieben. «Das Produkt Flower Sprout ist bei unseren Kunden seit der Einführung unter diesem Namen bekannt. Der englischsprachige Raum hat den Namen geändert, damit der Link zu Kohl (Kale) gemacht werden kann. Das macht für diesen Sprachraum Sinn, für den deutschen hingegen weniger», begründet Andrea Bauer, Mediensprecherin von Migros Aare, die Entscheidung, bei Flower Sprout zu bleiben.

Steigende Nachfrage

Nebst seinem reichen Nährstoffgehalt ist das violette Gemüse rasch genussbereit. Ohne mühsames Rüsten kann es in einen Smoothie gemixt oder geschnitten in einen Salat gemischt werden. Bequeme Menschen garen es mit etwas Salz und Butter eine Minute in der Mikrowelle oder im Dampfkochtopf. Es kann im Wok gebraten, einer Suppe oder einer Quiche beigegeben werden. Erhältlich sind Kalettes bei fast allen Detailhändlern. Die Nachfrage ist steigend. Um den Superfood noch bekannter zu machen, will die Proveg AG in einem nächsten Schritt vermehrt die Gastronomie anpeilen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...