Jetzt greift auch die Juso Publibike an

Nach der linksautonomen Szene kritisieren auch die Jusos das Veloverleihsystem der Stadt Bern. Drohen die rot-grünen Veloträume am Widerstand von Linksaussen zu zerplatzen?

Gratis sollen die Publibikes sein. So klingt es nicht nur von Berns linksautonomer Szene, sondern auch von den Jusos.

Gratis sollen die Publibikes sein. So klingt es nicht nur von Berns linksautonomer Szene, sondern auch von den Jusos. Bild: Beat Mathys

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Die vom Berner Gemeinderat initiierte Velooffensive ist im August arg ins Stottern geraten. Das mit Pauken und Trompeten angekündigte Veloverleihsystem Publibike erlebte zwar erfolgreiche erste Tage. Aber eine Kinderkrankheit – die Schlösser liessen sich mühelos knacken - versetzte den Veloverleihdienst ins zwischenzeitliche Koma.

Auch wenn Publibike wie angekündigt in einigen Tagen mit einer aufgerüsteten Flotte einen Neustart wagen wird: das Ur-Problem der Postauto-Tochter ist ungelöst. Denn: Der Fehlstart ist nicht allein aufgrund der mangelhaften Schlösser zu erklären.

Vielmehr spielt der böse Wille die entscheidende Rolle. Und da dieser ideologisch motiviert ist, wird er nicht so einfach aus der Welt zu schaffen sein. Auch nicht für den Berner Gemeinderat, der mit Publibike einen 5-Jahresvertrag eingegangen ist und daher im selben Boot sitzt.

Linksautonomer Widerstand

Schon kurz nach der Lancierung von Publibike riefen Teile der linksautonomen Szene zur Sabotage des Systems auf. Sie nervten sich, dass die Velos etwas kosteten und erst noch als «fahrende Werbeplakate» dienten. Lieber seien ihnen Gratis-Velos, die von den Nutzern selbst gebraucht, repariert und wieder für andere zur Verfügung gestellt werden, heisst es in einem Artikel auf einem linksautonomen Nachrichtenportal.

Dort gaben die Autoren auch Tipps, wie man das System am besten sabotieren kann. Beispielsweise könne man «schnell mal ein Messer» in das Rad eines Publibikes «reinrutschen» lassen.

Es kam aber anders. Weil die Schlösser bubieinfach geknackt werden konnten, war dem Massendiebstahl Tür und Tor geöffnet. Wenige Tage nach dem Erscheinen des Artikels verschwanden die ersten Velos.

Das Berner Hausbesetzerkollektiv «Raumraub» bejubelte die Aktion nach dieser ersten Diebstahlwelle in einem Facebook-Beitrag vom 13. August euphorisch. «Nun wird das 'Publibike' seinem Namen gerecht», schrieben sie. «Jetzt nur noch kurz die leichte zu entfernende Werbung abziehen und los geht’s.»

Der Höhepunkt der Diebstahlserie war der vergangene Freitagabend, als die Stationen in der Innenstadt praktisch leer gefegt wurden. Viele der gestohlenen Velos sammelten sich wie schon in den vorderen Tagen vor der Reitschule.

Nach dieser Nacht zog Publibike die Notbremse.

Auch die Juso ist dagegen

Jetzt, wenige Tage vor dem Neustart, öffnet sich für Publibike und den Berner Gemeinderat eine weitere Front. Die Jusos wollen dem linken Widerstand gegen das Berner Veloverleihsystem politisches Gewicht verleihen. In einem Positionspapier bezeichnen sie Publibike als «Symptom einer fehlgeleiteten Politik».

Sie finden das Angebot des staatlichen Unternehmens entspreche nicht dem Service Public. Das Angebot von Publibike sei zu teuer und beanspruche zu viel öffentlichen Raum. Die Jusos fordern stattdessen eine Art Menschenrecht auf ein Gratis-Velo: «Velos müssen für mindestens 30 Minuten allen kostenlos zur Verfügung gestellt werden.»

Die dutzendfach begangenen Diebstähle kritisieren die Jusos in ihrer Mitteilung hingegen auf keiner einzigen Zeile.

Hilft der Schützenmatte-Entscheid?

Nun waren die Jusos mit ihren politischen Forderungen und Positionen der linksautonomen Szene stets etwas näher, als der eigenen Mutterpartei. Dieser hauseigene Angriff auf die Velooffensive dürfte bei der SP, die in diesem Dossier federführend ist, dennoch für rote Köpfe sorgen.

Der Neustart in den nächsten Tagen wird zeigen, ob der rot-grüne Gemeinderat diesen Angriff von der linken Flanke nachhaltig abwehren kann. Bessere Schlösser werden helfen, aber sie werden das ideologische Problem alleine nicht beseitigen.

Hilfreicher könnte hingegen ein Entscheid sein, welcher der Gemeinderat heute Freitag fällte. Die Berner Schützenmatte darf während den nächsten drei Jahren von einem Verein aus dem Umfeld der Reitschule provisorisch genutzt werden. Vielleicht hilft das, um die kapitalismuskritischen Gemüter etwas zu beruhigen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.08.2018, 16:49 Uhr

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