Jenische und Sinti bereichern die Schweiz

Bern

Bundesrat Alain Berset äussert sich anlässlich der Feckerchilbi zur kulturellen Vielfalt der Schweiz. Auszüge aus der Festrede.

Bundesrat Alain Berset lobt die kulturelle Vielfalt der Schweiz. (Archivbild)

Bundesrat Alain Berset lobt die kulturelle Vielfalt der Schweiz. (Archivbild)

(Bild: Keystone )

Wir essen, trinken, musizieren, genau wie Sie, nur manchmal ein bisschen anders. Es gibt bei uns solche, die Schwyzerörgeli spielen, allerdings meist ein bisschen anders», schrieb der jenische Autor Venanz Nobel. Diese etwas andere Sicht auf scheinbar Vertrautes, diese etwas andere Kultur der Jenischen und der Sinti – sie erinnert uns an das, was die Schweiz zusammenhält:

Wir sind kein Volk mit Minderheiten, wir sind ein Volk der Minderheiten. Wir sind alle «etwas anders». Was uns verbindet, ist gerade nicht eine einheitliche Sprache oder Religion. Die Vielfalt der Lebensweisen, der Kulturen, des Blickes auf die Welt: Das ist eine immense Stärke unseres Landes, denn sie bewahrt uns vor einer Verhärtung unserer Identität und vor geistiger Eindimensionalität.

Entscheidend ist natürlich auch unsere Mehrsprachigkeit. Auch das Jenische gehört bekanntlich dazu. Bundesrat und Parlament haben es im Rahmen der europäischen Sprachencharta als territorial nicht gebundene Sprache der Schweiz anerkannt.

Wir müssen ständig herausfinden, wer wir sind, was die Schweiz ausmacht. Das schützt uns bis zu einem gewissen Grad vor einer Politik, die sich einfach an der Mehrheit ausrichtet und dabei Minderheiten ausschliesst. Aber immun gegen eine Mentalität, die scharf zwischen «uns» und «den anderen» trennt, ist auch die vielfältige Schweiz nicht. Die erschütternde Geschichte des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute zeigt uns, dass vor nicht allzu langer Zeit auch bei uns ein menschenverachtender Umgang an der Tagesordnung war. Nur weil man sich anmasste, bestimmen zu können, welche Menschen «normal» und welche nicht «normal» und damit minderwertig sind.

Insgesamt wurden 586 Kinder und deren Familien Opfer dieser Verfolgung. Bis 1973 wurden im Rahmen der Aktion jenische Kinder gewaltsam von ihren Eltern getrennt und in Erziehungsheime, psychiatrische Kliniken oder Pflegefamilien untergebracht. Das deklarierte Ziel der Aktion war, die Menschen zu angepassten Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Tatsächlich aber wurden sie von der Gesellschaft ausgeschlossen – der jenischen und der schweizerischen.

Pro Juventute handelte nicht allein. Gemeinden, Kantone, kirchliche Institutionen haben mit dem Hilfswerk zusammengearbeitet. Auch das Bundesgericht hat die Arbeit gestützt. Vor 30 Jahren hat sich der damalige Bundespräsi­dent Alphons Egli im Nationalrat für all dies entschuldigt. Ein sehr wichtiger Schritt, auch wenn die Entschuldigung und die finanzielle Entschädigung das Leid der Opfer natürlich nicht ungeschehen machen können. Was wir tun können, ist, dieses düstere Kapitel allen bekannt zu machen.

Die Schweiz hat 1998 das Übereinkommen des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten ratifiziert. Damit wurden die schweizerischen «Fahrenden» als nationale Minderheit anerkannt. Der Bundesrat hat 2001 festgehalten, dass damit alle Jenischen und Sinti gemeint sind, unabhängig davon, ob sie fahrend leben oder nicht.

Dieses Übereinkommen ist wichtig, denn damit hat die Schweiz etwas versprochen: Die Schweizer Jenischen und Sinti müssen ihre Kultur pflegen und weiterentwickeln können. Dazu gehören die fahrende Lebensweise, genügend Stand- und Durchgangsplätze, die Sensibilisierung der Behörden und der Öffentlichkeit und die Förderung der jenischen Sprache und Kultur. So haben es Bundesrat und Parlament in der neuen Kulturbotschaft festgehalten.

Eine Petition fordert, dass Jenische und Sinti sogenannt werden, wie sie sich selber nennen – Jenische und Sinti eben und nicht einfach «Fahrende», weil viele ja nicht fahrend leben. Ich anerkenne diese Forderung nach Selbstbezeichnung. Ich werde mich dafür einsetzen, dass der Bund künftig von Jenischen und Sinti spricht. Und dass künftig auf den allgemeinen Begriff «Fahrende» verzichtet wird.

Die Petition zeigt auch: Die Jenischen und die Sinti werden zunehmend politisch aktiv. Jenische und Sinti wurden jahrzehntelang nicht ernst genommen. Ihr politisches Engagement ist deshalb nicht selbstverständlich. In den politischen Diskussionen nimmt die Frage der Stand- und Durchgangsplätze einen wichtigen Platz ein.

Bundesrat und Parlament haben in der Kulturbotschaft deutlich zum Ausdruck gebracht, dass die Verhältnisse ungenügend sind und sich in den letzten 15 Jahren nicht wesentlich verbessert haben. Trotzdem sind wir heute so weit wie noch nie. Das politische Bekenntnis ist da, Behörden und Öffentlichkeit sind viel stärker sensibilisiert.

Die Schweiz ist ein Land, das heftig um Kompromisse ringt und das sämtliche Akteure fordert. Das sollte uns jedoch nie von harten Debatten abhalten. Denn Debatten stärken unser Land, solange der gegenseitige Respekt gegeben ist. Sie verbinden uns, solange allen bewusst ist, dass die Rechte von Minderheiten am besten in einem Rechtsstaat aufgehoben sind, in dem alle gleich behandelt werden und alle vor Diskriminierung geschützt sind.

Vorrechte – und seien sie auch noch so plausibel begründet – sind nur kurzfristige Triumphe einzelner Bevölkerungsgruppen. Aber sie beschädigen das Prinzip der Rechtsgleichheit langfristig und schaden damit sämtlichen Bürgerinnen und Bürgern eines Landes. Jenische und Sinti bereichern unser Land. Durch ihre Kultur, die wir auch an der Feckerchilbi erleben dürfen. Und indem sie uns daran erinnern, was die Schweiz zusammenhält: Wir sind alle Minderheiten – sprachlich, religiös, kulturell, sozial – und finden trotzdem immer wieder zueinander.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt